Jenny und Karl Marx – Briefe
Aus den Jahren 1843 bis 1863
LP LITERA 8 65 155
Covertext:
Karl Marx war ein Junge von siebzehn Jahren, als er um Jenny von Westphalen zuerst warb. Natürlich war auch diesmal der Pfad treuer Liebe nicht ganz eben. Es ist leicht zu verstehen, daß Karls Eltern sich der „Verlobung“ eines Jungen dieses Alters widersetzten. Mein Vater pflegte zu sagen, er sei damals ein wahrer rasender Roland gewesen. Aber bald wurde die Sache geordnet und kurz vor oder nachdem er achtzehn Jahre alt geworden, wurde die „Verlobung“ förmlich akzeptiert. Sieben Jahre diente Karl um seine schöne Jenny und sie „deuchten ihn, als wären es einzelne Tage, so lieb hatte er sie“.
Am 19. Juni 1843 heirateten sie, und die beiden, die als Kinder zusammen gespielt, als Jüngling und Jungfrau sich verlobt, gingen nun tapfer Hand in Hand dem Kampfe des Lebens entgegen. Durch all die folgenden Jahre voll Sturm und Drang, Verbannung, Armut, Verleumdung und Kampf trotzten diese zwei Menschen der Welt unentmutigt, unverzagt, immer auf dem Posten, wohin die Pflicht sie rief. Wahrlich, er konnte von ihr mit Browning sagen:
„Darum ist sie ewig meine Braut,
Zufall kann meine Liebe nicht ändern
Noch Zeit sie mindern …“
Und ich glaube mitunter, daß ein Band fast so stark wie ihre Hingabe an die Sache der Arbeiter sie zusammenband – ihr unerschöpflicher, unverwüstlicher Humor. Es gibt nicht bald wieder zwei Leute, die so Gefallen fanden an Scherz und Witz wie die zwei. Oft und oft – besonders, wenn die Gelegenheit Dekorum und Zurückhaltung erforderte, habe ich sie lachen sehen, daß ihnen die Tränen über die Wangen liefen, und sogar die, welche sich versucht fühlten, die Nase zu rümpfen ob solchen Leichtsinns, konnten nichts anderes tun als mitlachen. Ja, trotz aller Leiden und Kämpfe waren sie ein fröhliches Paar und der verbitterte „Donnergott“ ist eine Einbildung der Bourgeoisgehirne. Wenn sie auch in den Jahren der Kämpfe manch bittre Enttäuschung erfuhren, sie hatten doch, was wenige haben – wahre Freunde. Wenn der Name Marx genannt wird, wird Friedrich Engels mitgenannt; und wer Marx in seinem Heim gekannt hat, erinnert sich auch eines andern Namens: Helene Demuth. Jenen, welche sich dem Studium der menschlichen Natur widmen, wird es nicht befremdend erscheinen, daß der Mann, welcher ein solcher Kämpfer war, zur selben Zeit der sanftmütigste und zarteste aller Menschen sein konnte. Sie werden verstehen, daß er so bitter hassen konnte, nur weil er einer so innigen Liebe fähig war; daß, wenn seine scharfe Feder jemanden so sicher in die Hölle sperren konnte wie nur je Dante, dann nur, weil er so treu und zartsinnig war; daß, wenn sein sarkastischer Humor ätzen konnte wie Säuren, derselbe Humor anderseits Balsam sein konnte denen, die in Not und Bedrängnis waren.
Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, ohne Jenny von Westphalen hätte Karl Marx niemals der sein können der er war. Beide paßten vollkommen zusammen und ergänzten sich. Von außerordentlicher Schönheit, welche die Bewunderung Heines, Herweghs und Lassalles erregte, voll glänzender Begabung und Witz ragte Jenny aus Tausenden hervor. Sein Leben lang empfand Marx für sein Weib nicht nur Liebe, sondern Verliebtheit. Vor mir liegt ein Liebesbrief, dessen leidenschaftliches jugendliches Feuer auf einen Jüngling von 18 Jahren als Verfasser hinweisen: Marx schrieb ihn 1856, nachdem Jenny ihm sechs Kinder geboren. Als der Tod der Mutter 1863 ihn nach Trier rief, da schrieb er von dort: „Außerdem fragt man mich täglich, links und rechts, nach dem einstmals ,schönsten Mädchen von Trier‘ und der ,Ballkönigin‘. Es ist verdammt angenehm für einen Mann, wenn seine Frau in der Phantasie einer ganzen Stadt so als ,verwunschene Prinzessin‘ fortlebt.“
Im Herbst 1880 – unser gutes „Mömchen“ (Mütterchen) war schon so krank, daß sie nur selten sich von ihrem Schmerzenslager erheben konnte – hatte Mohr einen bedenklichen Anfall von Brustfellentzündung. Es war eine entsetzliche Zeit. In der großen Vorderstube lag unser Mütterchen, in der kleinen Stube daneben lag Mohr. Und die beiden, die so aneinander gewöhnt, so miteinander verwachsen waren, konnten nicht mehr in demselben Raume zusammen sein.
Mohr überwand noch einmal die Krankheit. Nie werde ich den Morgen vergessen, an welchem er sich stark genug fühlte, in Mütterchens Stube zu gehen. Sie waren zusammen wieder jung – sie ein liebendes Mädchen und er ein liebender Jüngling, die zusammen ins Leben eintreten und nicht ein von Krankheit zerrütteter alter Mann und eine sterbende alte Frau, die fürs Leben voneinander Abschied nahmen.
Meine Mutter starb im Dezember 1881. Ihre letzten Worte – merkwürdigerweise Englisch waren an ihren „Karl“ gerichtet. Als unser lieber General (Engels) kam, sagte er – was mich damals beinahe erbittert–: „Der Mohr ist auch gestorben.“
Und das war wirklich so. Mit Mütterchens Leben ging auch Mohrs Leben. Nach 15 Monaten folgte ihr der nach, der während des Lebens nicht von ihrer Seite gewichen war. Nach den wechselvollen Kämpfen des Lebens sind sie zur Ruhe eingegangen: Wenn sie ein ideales Weib war, dann war er ein Mann
„nehmt alles nur in allem,
Ich werde nimmer seinesgleichen sehn“.

Eleanor Marx-Aveling
|  Seite 1  |

Karl Marx an Arnold Ruge in Dresden;
Köln, 13. März 1843 (Auszug)

Jenny von Westphalen an Karl Marx in Köln;
Kreuznach, im März 1843 (gekürzt)

Klaviersonate f-moll 1. Satz: Allegro

Karl Marx an Jenny Marx in London;
Trier, 15. Dezember 1863 (Auszug)

Klaviersonate f-moll 3. Satz: Menuetto: Allegretto

Jenny Marx an Karl Marx in Paris;
nach dem 20. Juni 1844 (gekürzt)



|  Seite 2  |

Klaviersonate f-moll 2. Satz: Adagio

Jenny Marx an Karl Marx in Paris;
Trier, nach dem 11. August 1844 (gekürzt)

Sechs Ecossaisen

Karl Marx an Jenny Marx in Trier;
Manchester, 21. Juni 1856 (gekürzt)

Klaviersonate f-moll 4. Satz: Prestissimo


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Jenny Marx: Christine van Santen
Karl Marx: Gerd Micheel
Sprecher: Eberhard Mellies

Auswahl und Zusammenstellung: Hans Joachim Bernhard
Die Brieftexte wurden vom Institut für Marxismus-Leninismus
beim ZK der SED autorisiert.

Musik: Ludwig van Beethoven
Musikauswahl: Siegfried Köhler
Dieter Zechlin, Klavier

Regie: Hanns Anselm Perten