Käthe Reichel
LP LITERA 8 60 425
Covertext:
Sie ist eine große Schauspielerin dieses Landes: Käthe Reichel. Ihr Begriff vom Beruf, der für sie Berufung ist, umschreibt ihr Verständnis von Kunst überhaupt. Die Schauspielern ständig gestellte Frage, was sie denn zu ihrer Berufswahl verlanlaßt oder getrieben habe, hat Käthe Reichel 1976 prophylaktisch so beantwortet: „Als ich das Alter der Vernunft erreicht hatte, wollte ich es loswerden, das zu große Glück, das zu große Leid, die entsetzliche Einsamkeit, die tödliche Angst, die ängstliche Liebe, den ängstlichen Haß. Mit all dem konnte ich mich alleine nicht tragen, ich war mir alleine offengestanden zu schwer. Und ich wollte gern all dieses Gute und Böse in mir, das da auf mich los kam, sich auf mich warf und mich niederdrückte, mit einem großen Sprung in einen anderen Raum loswerden …“ Und aus der Erfahrung ihres damals schon dreißigjährigen Schauspielerdaseins schreibt sie weiter: „Ich denke also, daß ich diesen Beruf gewollt habe, um ungestraft erwachsen sein zu können, um erklären zu können, wie arm, wie komisch, wie gut und wie schlimm ich als Erwachsener dran bin. Um mich also vom Erwachsensein zu befreien, indem ich spiele. So etwas zu versuchen, ungestraft. Ich will noch sagen, wie dieser Beruf auch im ärgsten Schrecken mir beigestanden hat: wenn ich keinen Schritt mehr tun konnte, wie im nächsten Augenblick ein Riß durch mich ging, und ich dann auf mich sehen konnte, als sei ich doppelt, wie die Beobachtung auf andere auch vor mir nicht haltmachte als einer andern, und daß ich so von Stufe zu Stufe mehr über mich erfahren habe, über die Beschaffenheit von dem, was man die eigene Wahrheit nennt.“
Hier offenbart sich ein ästhetisches Programm. Aber für sie ist das einfacher. Sie beschreibt ganz einfach aus lebendiger Erfahrung die durchlässige wie trennende Membrane zwischen Leben und Kunst – Kunst und Leben.
Der Name Käthe Reichel ist in den fünfziger und sechziger Jahren mit vielen großen Theaterereignissen in Berlin und in anderen Städten verbunden. Der Weg dahin war weit und hürdenreich. Erst nach einer Ausbildung zum Textilkaufmann wird Käthe Reichel Schauspielerin. Sie beginnt als Elevin am Berliner Schiffbauerdamm-Theater. Es folgen harte Anfängerjahre in Greiz, Weißenfels und Gotha. Von 1948 bis 1950 ist sie am Volkstheater Rostock engagiert. Man bescheinigt ihr Begabung und Erfolg. Sie spielt mit großen, ungebändigten Gefühlen, wie sie erzählt, als gelte es, die ganze Welt zu erwärmen. Und dann die alles entscheidende Begegnung ihres Lebens: Die vierundzwanzigjährige Käthe Reichel kommt an das Berliner Ensemble zu Brecht. Bei ihm geht sie in die Lehre. Unter seiner fördernden und fordernden Anleitung wird sie die politisch denkende und in der Gesellschaft etwas bewirken wollende Schauspielerin, die wir kennen.
Es beginnt mit kleinen Rollen, die erste ist das Dienstmädchen in der „Mutter“ unter Brechts Regie. Margarete in Goethes „Urfaust“ (Regie: Egon Monk) usw., Jeanne d’Arc in „Der Prozeß der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431) von Anna Seghers (Regie: Benno Besson), Natella Abaschwilli im „Kaukasischen Kreidekreis“ (Regie: Bertolt Brecht), das sind für Käthe Reichel die nächsten Aufgaben, an denen sie wächst. In Frankfurt/Main erregte sie im „Kaukasischen Kreidekreis“ Aufsehen mit der Grusche. 1956 inszeniert Benno Besson mit ihr in der Titelrolle den „Guten Menschen von Sezuan“ in Rostock, und es war noch Brechts ausdrücklicher Wunsch, daß sie diese Rolle nun auch am Berliner Ensemble spielt. Mit Shen Te/Shui Ta in Benno Bessons BE-Inszenierung wird Käthe Reichel 1957, ein Jahr nach dem Tod ihres Lehrers, international bekannt.
Die von ihr ganz einmalig geprägte Doppelgestalt bildet so etwas wie einen Schlußstein in dem künstlerischen und politischen Denk-Gewölbe der Schauspielerin Käthe Reichel, das sich bis heute durch Schönheit und Tragfähigkeit auszeichnet. Sie propagiert seither, aus vielfacher Erfahrung gespeist, daß ,Gutes‘ und ,Böses‘ in einem Menschen notwendig nebeneinander existieren müssen, daß Gutsein in einer unguten Welt so schwer möglich ist, daß Böses oft dem Guten zu Hilfe kommen muß, damit es halbwegs überleben kann, daß das Unmenschliche fast immer ein männliches Gesicht annimmt.
1961 spielt sie, ebenfalls unter Bessons Regie, die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ in Brechts gleichnamigem Stück in Stuttgart und setzt allen Ehrgeiz darein, den Leuten dort den Kapitalismus zu erklären und sie zu beunruhigen.
Seit 1961 gehört Käthe Reichel dem Ensemble des Deutschen Theaters an. Hier hat sie viele Rollen gespielt, ihre Minna in Wolfgang Langhoffs „Minna von Barnhelm“-Inszenierung ist darunter die am meisten genannte und gerühmte. Aber im Verlaufe der Jahre wurden lohnende Aufgaben seltener, wohl bieten ihr Film und Fernsehen ein weites und interessantes Betätigungsfeld, das sie auch weidlich nutzt, aber es kommt der Tag, da macht sie es sich bewußt, daß sie als Theaterschauspielerin, als eine, die doch ganz direkt auf Menschen einwirken will, brach liegt. Käthe Reichel suchte für sich eine neue, eine andere Bewegungsmöglichkeit. Die hat sie gefunden. Sie liest öffentlich vor, und durch die Kunst dieser Schauspielerin werden ihre Lesungen zu theatralischen Ereignissen. Begonnen hat Käthe Reichel 1974 mit der Lenz-Novelle von Georg Büchner. Dieser Anfang war symptomatisch, denn sie nimmt Büchner ernst, der da den Lenz sagen läßt: „Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel … Man muß nur Aug und Ohren dafür haben.“

Als sie 1984 an ihrer Lesung aus Christa Wolfs „Kassandra“ zu arbeiten anfängt, da will sie nichts mehr und nichts weniger als über ein Stück Literatur in einer schwierigen Zeit Menschen empfindsamer, aufmerksamer machen: „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern.“ Sie beginnt die Arbeit, und sie liest an der vereinbarten Textfassung einen ganzen Tag, wozu sie später im Deutschen Theater knappe zwei Stunden braucht. Sie liest vorsichtig tastend, gewissermaßen mit dem Finger, entdeckungssüchtig, einen guten Gestus suchend. Sie horcht fragend und staunend in Christa Wolfs Erzählungen hinein und findet die Grundhaltung ihrer Kassandra. Immer wieder unterbricht sie, prüft Worte, untersucht Sätze auf Wahrheit, auf Richtigkeit, sie ist unbestechlich. Es gibt Schauspieler, die auf ihre Weise Dichtern ebenbürtig werden können. Zu ihnen gehört Käthe Reichel. Wer sie kennt, kennt ihre vitale Art zu leben, ihre Streitlust, Streitbarkeit um wichtiger Prinzipien willen, die für sie unumstößlich sind, weil sie mit Existenz zu tun haben. Ihre proletarische Herkunft ist ihr nicht gesellschaftspolitisches Gütezeichen, sondern prägende Erfahrung der frühesten Lebensjahre. Erlittene Not und soziale Ungerechtigkeit haben sie sensibel werden lassen für Recht, Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Käthe Reichel hat überdies von frühauf gelernt, daß man nicht erreichen wird, wofür man nicht hart arbeitet und, wenn nötig, auch kämpft. Die Prinzipien ihres Lebens sind die ihrer Kunst.
Das ist das „Geheimnis“ der Käthe Reichel. Sie sucht emsig, den Sprache gewordenen lebendigen Gedanken des Autors aufzuspüren, wägt ihn, nimmt ihn an, wenn sie kann, oder hält ihn von sich und produziert mit den Worten des Dichters dessen Sprache neu, lebendig und aufregend. Und weil sie mit Sprache denkt, nur genau Gedachtes sagt, nicht hochtrabend, sondern wie eine einfache, praktische Frau denkt, ist sie wahrhaftig, vermag sie in das Denken anderer Leute einzudringen – nicht vernebelnd, klärend! Sie kann gar nicht unpolitisch, ziellos sein. So bringt sie, wenn sie „Kassandra“ spricht, nicht nur all ihre Wahrheit, Weisheit, alte und neue Erfahrungen ein, nein, sie bringt es dahin, sie mit den Zuhörern auszutauschen. Käthe Reichel wird dann zum Dichter eines Werkes, das es vorher schon gab, vielleicht einem antiken Sänger vergleichbar. Käthe Reichel denkt öffentlich. Ihrer Kunst kann man nicht ausweichen.
Neuerdings geht sie noch einen Schritt weiter und versucht, in der neuesten Literatur Entdeckungen zu machen. Sie ,leiht‘ Autoren ihre Stimme, von denen sie meint, daß sie bekannt gemacht und ihre Arbeiten verbreitet werden müssen. Deshalb liest sie „Sisyphus und die Wächter“ von der hierzulande wenig bekannten litauischen Schriftstellerin Vytauté Zilinskaité, deren Voltaire’scher Witz im Umgang mit unserer Realität sie angezogen hat. Sie möchte schon Sprachrohr, Sprachverstärker der Dichterin sein, aber wichtiger ist ihr, für andere, für viele, für die Leisen und die Sprachlosen zu sprechen, das zu sagen, was sie zu sagen für geboten hält, durch das Werk der Dichter.

Hans-Martin Rahner
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aus:
Christa Wolf
Kassandra
Aufbau-Verlag Berlin


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Vytauté Zilinskaité
Sisyphus und die Wächter
Verlag Volk und Welt, Berlin
„ad libitum“ Nr. 5

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Leserin: Käthe Reichel

Regie: Karin Lorenz
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Christa Blaumann