Kahlow & CO.
Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung

LP LITERA 8 65 389
Covertext:
Kahlow fragt Kahlow
K: Verehrter Künstler, Sie sind hierzulande als launiger Literat bekannt; weshalb zum Teufel müssen Sie nun schon seit Jahren Ihre Produkte noch selbst von der Bühne posaunen?
K: Was fragen Sie? Sie kennen meine Konto-Eingänge und meine Eitelkeit.
K: Also gut, Sie haben Spaß am Spaß. Nur wieso sind Ihre Texte dann manchmal so politisch?
K: Ja, so was unterläuft mir. Das ist der Nachteil, wenn man heute lebt.
K: Wann hätten Sie lieber gelebt?
K: Überhaupt nicht.
K: Das wundert mich; ich dachte, Sie leben gerne?
K: Mit dem Leben ist es wie mit dem Fernsehen; wenn man’s erst hat, möchte man’s nicht missen. Aber wenn’s kein Fernsehen gäbe, brauchte man sich nicht übers Programm zu ärgern.
K: Was anderes: Sie treten nicht jeden Abend auf, sondern in Abständen. Vermutlich, weil Sie sich Zeit für Einfälle lassen wollen?
K: Ja, und für Aus-, Zu-, Rück- und Zwischenfälle auch. Hinzu kommen noch medizinische Gründe. Der moderne Mensch leidet an Abnutzungserscheinungen, weil durch die Spezialisierung immer die gleichen Organe ...
K: Ach, Sie fürchten ...
K: Mein Gesicht könnte sich abnutzen bei zu viel Auftritten, ja. Außerdem sagte mir neulich ein junges Paar: Wir haben nach Ihrem Abend noch so viel gelacht, wir kamen die ganze Nacht zu überhaupt nichts!
K: Aber man kann doch nicht ...
K: Eben! Lachend kann man nicht! Träte ich allabendlich auf, könnte das bevölkerungspolitisch negative Folgen haben, und das will man doch nicht.
K: Wer ist „man“?
K: Ich. Aber andere auch.
K: Werden Ihre Texte eigentlich abgezeichnet?
K: Natürlich! Ich schreibe überall „Kahlow“ drunter. – Nur was ich so plötzlich improvisiere, hab’ ich vorher nicht durchgelesen.
K: Haben Sie schon Ärger mit Ihren Frechheiten gehabt?
K: Ei gewiß, als ich mal bei einem Mädchen zu frech war, hab ich eine Ohrfeige bekommen.
K: Ich meine, ob Sie von Seiten der Behörden ...
K: Die Behörden hab’ ich doch nicht zu küssen versucht!!
K: Eine andere Frage: Sie machen die Vortragsabende mit Ihrer Dame Diseuse und einem Herrn Pianisten. Weshalb nehmen Sie nicht mehr Künstler hinzu?
K: Das wäre zu anstrengend.
K: Und weshalb machen Sie’s nicht allein?
K: Das wäre auch zu anstrengend.
K: Das leuchtet ein,
K: Außerdem kann ich nicht so gut singen und klavierspielen und so schöne Kleider anziehen – oder’n Frack, wie der Pianist. – Ich trage keinen Frack, außer wenn mir mal der Nobelpreis verliehen wird.
K: Aber vielleicht, bitte, können Sie mir noch etwas zu Ihrem Titel sagen.
K: Ich habe keinen, ich bin weder Ehrendoktor noch Präsidentin noch Parlamentsmitglied. Ich habe nur meine Berufsbezeichnungen.
K: Schauspieler und Schriftsteller.
K: Umgekehrt: Schausteller und Schriftspieler!
K: Aha. Aber meine Frage zielte eigentlich auf Ihren Firmentitel.
K: Schießen Sie los!
K: „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ – meinen Sie damit nur Ihr Drei-Personen-Ensemble oder sehen Sie’s größer, also meinen Sie mit dieser Gesellschaft eventuell ...
K: Noch größer! Ich meine die Gesamtheit der Erdballbewohner, und das sind heute noch eine ganze Menge. Ich weiß, manch einem klingt „beschränkte Hoffnung“ zu gering, aber angesichts der überreichlichen Ausrottungsmittel für Menschen und Bäume ist „beschränkte Hoffnung“ schon fast ein Maximal-Programm gegenüber der hoffenden Beschränktheit, die so weit verbreitet ist. – Noch Fragen?
K: Viele, aber die können Sie mir nicht beantworten.
K: Dann wollen wir mich nicht länger aufhalten.
K: Ich danke mir für dies Interview.
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Begrüßung
(Conf.)

Der Kybernet
(Lied; Schw.) Komp. Siegfried Matthus

Neupreußischer Lebenslauf
(Gedicht; K.)

Die Frage
(Dialog; K. Schw.)

Das sehnsüchtige Damals-Lied
(Lied; Schw.) Komp. Kahlow

Märchen
(Conf.)

Sternstunde
(Lied; Schw.) Komp. Gerd Natschinsky

Theorie über die Massen; Brief an Heinz Behling
Brief an Heinz Behling (Conf., Brief; K.)

Die Fliege Emma Meier
(Lied; Schw. K.) Komp. Kahlow


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Arie einer Siebzehnjährigen
(Lied; Schw.) Komp. Günter Hauk

Halbe Absage an das Auto
(Gedicht; K.)

Anti-Liebeslied
(Lied; Schw. K.) Komp. Kahlow

Der Mittelpunkt
(Conf.)

Kleiner Besuch
(Lied; Schw.) Komp. Günter Hauk

Notwendige Erklärung am Schluß; Bitte um Verzeihung
(Gedichte; K.)

Erst kurz vor dem Einschlafen
(Lied; K.) Komp. Kahlow

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Autor, Conferencen, Sprache, Gesang: Heinz Kahlow
Gesang, Sprache: Ev Schwarz

Klavier: Michael Katerbau

Aufgenommen Ahrenshoop, Sommer 1985
Aufnahmeleitung, Dramaturgie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt