Kein Ort. Nirgends

von Christa Wolf
LP LITERA 8 60 350
Covertext:
„Kein Ort. Nirgends“ – Die Auskunft bietet keine Sicherheiten, aber sie ist sich ihrer selbst nicht unsicher. Der Ortsangabe fehlt der Ort, aber nicht das Urteil. Wir können es wahrnehmen, wenn Abkürzungen nicht gesucht werden.
Christa Wolfs Prosa entzieht sich dem leichten Zugriff, bleibt eine ständige Herausforderung an den Leser.
Ist dieser 1979 erschienene Text eine Novelle, eine Erzählung oder gar ein mit Mitteln lyrischer Prosa in Szene gesetztes Kammerspiel? Die Antworten fallen aus der Gewohnheit der Regel heraus. Geschichte wird durch die Gegenwart fixiert, der historische Gegenstand verliert seine Ferne.
Von „Vorgängern“ ist die Rede. Gemeint sind die frühromantischen Dichter jener gleichen Generation, von denen Anna Seghers schrieb, daß „sie sich ihre Stirnen an der gesellschaftlichen Mauer wund neben“ und „zur klassischen Vollendung“ nicht kommen konnten.
Christa Wolf läßt Karoline von Günderrode (1780–1806) und Heinrich von Kleist (1777–1811) an einem Juninachmittag des Jahres 1804 in einer Teegesellschaft aufeinander treffen. Diese Begegnung ist eine „erwünschte Legende“. Ort der Handlung ist das Landhaus des kunstsinnigen Kaufmanns Merten in Winkel am Rhein. Hier hat sich im Teesalon einer jener illustren intellektuellen Kreise der Romantik versammelt. Anwesend sind der Dichter Clemens Brentano, seine Frau Gunda, die Schwester Bettine, der junge Rechtsgelehrte und spätere preußische Justizminister Savigny, der Naturwissenschaftler Esenbeck und andere. Kleist in Begleitung seines Arztes und die Günderrode, Stiftsfräulein, Eingeweihten bekannt unter dem Dichterpseudonym Tian, beteiligen sich an den Gesprächen, bewegen sich langsam aufeinander zu.
Äußeres Handlungsgeschehen wird kaum gegeben, lediglich der Rahmen, die Kulisse für das in Monologen und Dialogen sich vollziehende geistige Geschehen wird genau fixiert, verweist auf strikte Historisierung: glänzendes Parkettmosaik, die kleine verschnörkelte Uhr auf dem Kaminsims, das Zuckergebäck im durchbrochenen Porzellankörbchen. Im Hintergrund ein Klavichord, zeitweise sitzen die Damen auf der Couchette unter dem Ölgemälde. Die Rollen sind bestimmt. Der Leser wird direkt einbezogen in das Wechselspiel von Monologen und Dialogen der Personen. Auch ohne die vermittelnde Sicht eines Erzählers wird er verstrickt in die Gedanken, Gefühle, Gespräche und Träume der Persones: die sich in Gesprächsgruppen zusammenfinden, auseinanderstreben, um neue Denk- und Kommunikationskreise zu bilden. Die Themen der Diskussionen stehen im konkreten historischen Feld und verweisen zugleich auf aktuelle Problemstellungen. Geschichtliches erlangt Aktualität nicht durch verkürzend gezogene Parallelen zur Gegenwart, sondern dort, wo uneingelöste Verpflichtungen im Raum stehen, wo Nachdenken über die Beziehungen von Menschen in der Gesellschaft abgefordert wird.
Der bekannte Ausgang der Französischen Revolution im napoleonischen Reich und die Restauration in Deutschland sind die fest umrissenen Grenzen für die Lebensmöglichkeiten von Individuen, deren Anspruch auf Persönlichkeitsentfaltung, auf Selbstverwirklichung, ob als Mensch, als Dichter, als Frau in der Gesellschaft nicht zu realisieren sind.
Wir begegnen Kleist’s absolutem Anspruch: „Meinen, was man sagt und von der eigenen Meinung zerrissen werden“. Wahres Leben fühlt er nur, indem er schreibt. Er kann sich kaum verständigen mit denen, die davor warnen, „jene Wand zu durchbrechen, die zwischen die Phantasien der Literatur und die Realitäten der Welt gesetzt ist.“
Die Günderrode teilt Kleists Ansicht von der Unvereinbarkeit poetischer Ideale mit den Anforderungen des bürgerlichen Staates, in dem „die ernstesten schmerzlichsten Dinge in einer Maskerade unter die Leute kämen;“ für sie ein Zeichen zu mutmaßen, „ob nicht schwere Krankheit des Gemeinwesens sich hinter so viel lächelnden Mündern verstecke.“ Ebenso wie Kleist weiß sie „ihre hochfliegende Natur“ von den Verhältnissen beengt, empfindet sie ihre Neigungen durch die „Gesetze und Zwecke“ der Sozietät unterdrückt. Die „niedergehaltenen Leidenschaften“ der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft, ihre festgelegte Geschlechterrolle verschärfen den Blick auch für allgemeine gesellschaftliche Defizite. Als Dichterin und Liebende ist sie dem Rechtswissenschaftler Savigny unterlegen, einem Mann, der sich sein Schicksal selber macht. Reich; unabhängig, souverän. Früh seines Wertes, womöglich sogar seiner Grenzen bewußt. An nichts gefesselt, als an ausführbare Pläne und Ziele.“
Kleist und Günderrode, sie halten da nicht mit. Später, bei einem abendlichen Spaziergang am Rhein, für einen Augenblick, geben sie sich zu erkennen: „Sie mustern sich unverhohlen. Nackte Blicke. Preisgabe, versuchsweise. Das Lächeln, zuerst bei ihr, dann bei ihm, spöttisch. Nehmen wir es als Spiel, auch wenn es ernst ist. Du weißt es, ich weiß es auch. Komm nicht zu nah. Bleib nicht zu fern. Verbirg dich. Enthülle dich. Vergiß, was du weißt. Behalt es. Maskierungen fallen ab. Verkrustungen, Schorf, Polituren. Die blanke Haut. Unverstellte Züge. Mein Gesicht, das wäre es. Dies das deine. Bis auf den Grund verschieden. Vom Grund her einander ähnlich. Frau. Mann. Unbrauchbare Wörter.“
Nicht um Liebe geht es, nichts Körperliches ist gemeint. Gesucht wird Verständnis füreinander. Als Dichter spüren sie die Einsamkeit in der Gesellschaft und kennen sie. Beide hatten sich nach allen Seiten hin erprobt und schließlich die bittere Erfahrung „unlebbaren“ Lebens in der Jetztzeit gemacht. Die Erkenntnis, daß ihr subjektiver Anspruch historisch nicht zu realisieren ist, der Konflikt zwischen Wollen und Nichtkönnen drängt sie in die Entscheidungssituation. Kein Ort. Nirgends. Melancholie schwingt im Erzählgestus mit. Zugleich aber hat der Schreibgestus nachdrücklichen Aufforderungscharakter. „Begreifen, daß wir ein Entwurf sind – vielleicht um verworfen, vielleicht um wieder aufgegriffen zu werden. Das zu belachen ist menschenwürdig. Gezeichnet zeichnen. Auf ein Werk verweisen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.“
Utopie kommt ins Spiel, das Bewußtsein, daß „die Zeit eine neue Ordnung der Dinge“ herbeiführen wird: „Zu denken, daß wir von Wesen verstanden würden, die noch nicht geboren sind.“ Daraus formuliert sich der künstlerische Auftrag: „Unser unausrottbarer Glaube, der Mensch sei bestimmt, sich zu vervollkommnen, der dem Geist aller Zeiten strikt zuwiderläuft. Ein Wahn?“ Sensibilisierung als Lernhaltung ist beabsichtigt. Christa Wolf will mit dem Leser im Bunde sein: „Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“
Die Komplexität des Textes, die Eigenart der Darstellungsweise, die subjektive Authentizität, mit der die Autorin im Werk anwesend ist, provoziert zur Auseinandersetzung, zum Widerspruch, weckt die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis.
Die Sprache ist poetisch verdichtet, zeitweilig lyrisch, evokativ, bildreich, oft aus Metaphern und wiederum zitierter Dichtung zusammengesetzt. Es wird eine Situation des Nachfühlens und zugleich des Mitdenkens hergestellt. Ein abendlicher Spaziergang am Rhein mutet wie ein Bild Caspar David Friedrichs an. In wenigen Szenen wird ein ganzes Leben zweier Menschen zusammengefaßt. Die flüchtig umrissenen Figuren geben sich schlaglichtartig bis in die feinsten psychologischen Verästelungen dem Leser preis.
„Kein Ort. Nirgends“, ein historisches und gegenwärtiges Buch zugleich. Die Rekonstruktion authentischen, unlebbaren Lebens. Es sind jene nicht eingelösten Verpflichtungen humanistischen Denkens der Geschichte, die uns berühren, die uns mit dem geschichtlichen Abstand die Nähe gegenwärtiger Probleme, noch zu lösender Widersprüche deutlicher ins Bewußtsein bringen.

Therese Hörnigk


Die vorliegende Schallplatte bietet eine von Christa Wolf gelesene und von ihr selbst gekürzte Textfassung.
Leserin: Christa Wolf

von Christa Wolf

Aufgenommen: Februar 1982
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Aufnahmeleitung: Brigitte Walzer
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1981