Kritik muss man üben!
LP LITERA 8 65 428
Covertext:
Man kann über diese Schallplatte sagen, was man will (sofern einer überhaupt will, wo doch kaum jemand weiß, was er sagen sollte oder ob er was zu sagen hat), aber sie ist mindestens dies: normgemäß, also aus einigermaßen gutem Material, doppelseitig bespielt sowie kreisrund und zu jedem üblichen Plattenspieler passend.
Glück für Erzeuger und Verbraucher des in Rede stehenden Rundstücks: Meine erklärenden Worte. Sie helfen Ratlosen auf die Sprünge, sind womöglich der einzige Anhaltspunkt zum Verständnis einer kommentarlos nicht zu entschlüsselnden LP-Produktion. Meine Worte bringen Ordnung ins kakophonische tertiäre Plattenverwirrspiel (Pressestimme: „Der heisere Dichter, der explosive Knallfrosch am Klavier und der diszipliniert tapsige Schauspieler sind ein umwerfendes Trio …“), und sie kommen aus guter Quelle: Sie sind frei von Subjektivität oder gar Objektivität. Es sind edelste Vorurteile, geprägt von reinster Mißgunst, also kollegial und wie unter guten Freunden eben charakteristisch.
Doch soweit sind wir noch nicht. Zunächst sei mir eine Bemerkung zur akustischen Qualität vorliegenden Schwarzerzeugnissen erlaubt. Es gibt Mitschnitte, die schon deshalb keinen günstigen Effekt machen, weil im Aufnahmestudio während der Produktion und bei versehentlich sperrangelweit geöffneten Fenstern viele störende Geräusche mitspielten: Kreissägen, Ovationen infolge spontaner Staatsbesuchs-Spalierbildung, Dampframmen, Kugelblitze und Gebäudesprengungen. Hier indessen haben wir es mit technisch einwandfreier Ware zu tun. Alles Programmatische ist gut zu hören. Leider erwächst daraus für den Konsumenten manches Dilemma, wovon weiter unten noch die Rede sein wird.
Was die Sache selbst betrifft, so ist das Positive in drei Sätzen gesagt. Wolfgang Schaller, Rainer Schulze und Wolfgang Stumph sind nicht weniger als vierzig und nicht mehr als fünfzig Jahre alt. Also alt genug, um schon mit vielen Wassern gewaschen zu sein, aber noch zu Jugendfrisch, um schon unter Denkmalschutz zu stehen. Sie haben außerdem je ein S (= Satire) und ein H (= Humor) in ihren Familiennamen, und das Bewußtsein, ein bißchen besser zu sein als die beiden andern, ist jedem Mitglied des Triumvirats Wahn und Gebot.
Ist dieses Bewußtsein begründet? Mitnichten. Schon diese Diskrepanzen: Schaller stellt schrift, Schulze nistet pia (und sonniert chan), Stumpf schließlich ristet humo und strickt galgen. Sie alle freilich – und da haben wir eine gewisse Symmetrie – retten kaba.
Rainer hätte, wenn er früher existent gewesen wäre, ein Rainer-Maria werden können. Und Schaller ein Schiller. Was Stumph prähistorisch hätte werden können, weiß der Kuckuck. Bierfreunde haben sich inzwischen derart an die Gegenwärtigkeit des Chef-Falstaffs der traditionellen (inzwischen 66.) Dresdener „Stammtisch“-Sonntagsmatinee gewöhnt, daß sie sich den Stumph als Zeitgenossen Talleyrands etwa oder Tamerlans gar nicht mehr vorstellen können.
Das Dilemma (siehe oben) ist mannigfaltig. Schaller (Dresden) und Stumph (dito), die mehr oder minder freischaffend bzw. monatsgelöhnt zum Kabarett „Herkuleskeule“ gehören, und Schulze, der in Wernigerode (Harz) als Buchhändler in viele Buchhändel verstrickt ist – diese „drei kabarettistischen Musketiere“ („Sächsische Zeitung“) haben ihr dreifaltiges Ohr berufs- und tätigkeitsbedingt immerzu an der Masse. Das bedeutet: Sie stehen unentwegt auf Horchposten, ziehen aber aus allem, was sie hören, prompt falsche Schlüsse. Statt nämlich alles Gehörte hübsch brav und diskret für sich zu behalten, haben die zwei Herkulaner und ihr vorlauter Harzer Roller keine Skrupel, jeden Sand im Getriebe an die große Glocke zu hängen und in aller Öffentlichkeit auch dann breitzutreten, wenn ausdrückliche behördliche Genehmigung nicht vorliegt. Besonders Gerüchte, die sich als tatsächlichwirkliche und realwahre Fakten erwiesen haben, werden von diesem zwie- bis dreilichtigen Terzett schamlos artikuliert.
Nicht, daß ich vor „Kritik muß man üben“ warnen möchte (Sie haben des Œrvre ohnehin schon bezahlt und sollten es rationellerweise nun auch zu Ihrem Schaden konsumieren), aber eindeutig geraten Sie bei allzu unbefangenem LP-Zuhören in Verdacht und Gefahr, Komplice jener aufdringlichen Besserwisser zu werden, die sich scheinheilig rühmen, über eine zirka hundertdreißigjährige Lebenserfahrung zu verfügen. Das stimmt zwar, es stimmt aber wiederum nicht, wenn man bedenkt, daß weder Schaller noch Schulze noch Stumph ihre drei Existenzen lebenslang zum Sammeln von Erfahrungen genutzt haben. Im Gegenteil. Schaller zum Beispiel ist meistens einfach so vor sich hin- bzw. spazierengegangen. Durch die Wälder zum Beispiel. Sonst wäre ihm nie dieser infame Satz eingefallen: „Sterben ist was ganz Natürliches. Unsere Wälder beweisen es …“ Und Stumph? Er gibt es sogar zu: „Ich entstamme einer alten Abort-mannfamilie!“ Und er meditiert: „Das Auge pullert mit!“ Lebenserfahrung? Höchstens durch die Klobrille. Von Schulze, dem Küken im Nest fatalkomi- scher Vögel, wollen wir schon gar nicht reden. Der schämt sich nicht, der flügelakrobatischen Spottdrossel Georg Kreisler feixend und grienend nachzueifern. Lebenserfahrung hat aber nur, wer den Ernst des Lebens erfuhr und sich in Würde einen Vers darauf macht. Bei Schulze, wo Ulk, Allotria und Jux Trium- phe feiern, wendet sich der ehrbare Philster ab mit Stolz und Grausen. Kann man nicht wenigstens begrenzt Gutes vom Schaller-Stumph-Schulze-Dreibund sagen? Also begrenzt leider schon gar nicht. Sie haben es, alle drei, auf maximale Zuhörergemeinden, namentlich aufs Publikum in Millionen- und Halbmillionenstädten – auch außerhalb der Heimatrepublik – abgesehen. Berlin, Dresden und Leipzig genügte den drei Kritikmußmanübungsleitern nicht. Sie kritisierten grenzüberschreitend auch in Budapest, München, Nürnberg, Stuttgart und Köln. Es ist nun schon soweit gekommen mit dem ungebärdigen Dresden-Wernigeröder Sch-St- Sch-Ensemble, daß eine Münchner Zeitung nach dessen Auftritt im Marstall-Theater applaudierte: „Was dieses Trio bietet, ist gutes traditionelles Kabarett, hochprofessionell!“
Da kann man nur stutzen.

Hansgeorg Stengel
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Entree
Wolfgang Schaller, Rainer Schulze, Wolfgang Stumph

Unser Lachen
Rainer Schulze

Vorstellung von Rainer Schulze
Rainer Schulze

Lied von der Neugier
Rainer Schulze

Vorstellung von Wolfgang Stumph
Wolfgang Stumph

Alles stinkt
Wolfgang Schaller, Rainer Schulze, Wolfgang Stumph

Wie die Schaumschläger Lenin ehrten
Wolfgang Schaller

Vorstellung von Wolfgang Schaller
Wolfgang Schaller

Schöne Aussichten
Rainer Schulze

Richard stört zum erstenmal
Wolfgang Stumph


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Friedenssehnsucht
Wolfgang Schaller, (Rainer Schulze, Wolfgang Stumph)

Altes Eisen
Rainer Schulze

Festansprache zur Elternweihe
Wolfgang Stumph

Die Rund- und die Eckköpfe
Wolfgang Schaller

Tootsie
Rainer Schulze

Praktikum
Wolfgang Schaller, Wolfgang Stumph, (Rainer Schulze)

Die Überzeugung
Rainer Schulze

Richard stört zum zweitenmal
Wolfgang Stumph

Nun will der Lenz uns grüßen
Rainer Schulze

Ende mit einem Märchen
Wolfgang Schaller, Rainer Schulze, Wolfgang Stumph

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Gesang und Klavier: Rainer Schulze Textautoren:
Wolfgang Schaller (Titel 2, 7, 8, 9, 10, 11, 14, 15, 16, 18, 19, 20),
Peter Ensikat (Titel 12),
Peter Ensikat/Wolfgang Schaller (Titel 1, 6, 17),
Wolfgang Schaller/Mitarbeit Rainer Rönsch (Titel 13)
Die Titel 9, 10, 16, 17, 18 stammen aus Kabarett-Stücken, die Peter Ensikat und Wolfgang Schaller gemeinsam schrieben.
Alle Liedkompositionen von Rainer Schulze bis auf „Die Überzeugung“ (nach Otto Reutter)

Aufgenommen 1988 (Mitschnitt)
Aufnahmeleitung: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Aufnahmetechnik: Horst-Dieter Käppler, Hans-Jürgen Seiferth
Schnitt: Christa Blaumann