Kurzlehrgang für Theaterbesucher
Texte von Thomas Mann
LP LITERA 8 65 231
Covertext:
Einem der bedeutendsten humanistischen deutschen Schriftsteller unseres Jahrhunderts, nämlich Thomas Mann, dem Schöpfer (oder Chronisten) der „Buddenbrooks“, dem wunderbaren Referenten der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, dem Erzähler der Geschichten vom Wunderkind, vom Tonio Kröger, dem brillanten Essayisten ist diese Schallplatte gewidmet. Sie ist gewidmet allen Lesern Thomas Manns – und auch all seinen Hörern, die an den Aufnahmen von des Dichters eigenem Vortrag der Musterungsszene aus Krulls Bekenntnissen oder der Rede zu Ehren Friedrich Schillers bildenden Genuß gehabt haben und noch haben können.
„Als sein Roman“ (die „Buddenbrooks“) „mitsamt dem Erfolg da waren“, so schrieb Heinrich Mann in seinem autobiographischen Werk „Ein Zeitalter wird besichtigt“ *), „habe ich ihn nie wieder am Leben leiden gesehen … Mein Bruder bewies durchaus die Beständigkeit unseres Vaters, auch den Ehrgeiz, der seine Tugend war. Der Ehrgeiz veredelt die Selbstsucht, wenn er nicht von ihr ablenkt … … Wenn ich richtig sehe, wird meinem Bruder, noch mehr als seine Gaben, angerechnet, daß er, was er machte, fertig machte. Die ganz erreichte Vollendung ginge über menschliches Vermögen. Sich ihr unermüdlich anzunähern, ist schon die erlaubte Höchstleistung … Damit ein einzelner dieses unbezweifelte Ansehen erwirbt, muß er mehr darstellen als nur sich selbst: Ein Land und seine Tradition, noch mehr, eine gesamte Gesittung, ein übernationales Bewußtsein vom Menschen.“
Die „gesamte Gesittung“ und das „Bewußtsein vom Menschen“, das Heinrich Mann seinem Bruder, dem er durchaus nicht immer unkritisch gegenüberstand, in seinen Erinnerungen bestätigt, kommt auch auf dieser Schallplatte zu hörbarem Ausdruck.
Herwart Grosse, geboren 1908, Meyers Neuem Lexikon zufolge ein „profilierter Sprecher“ (er ist auch im physischen Sinne ein durchaus interessant profilierter Mann), sagt hier nicht etwa nur Thomas-Mann-Texte auf, die ihm jemand vorgelegt hat; die Beziehung des Interpreten zum Dichter ist weitaus intensiver. Herwart Grosse hat sein Programm, dem eine erfolgreiche Soiree in der „Kleinen Komödie“ der Berliner Kammerspiele zugrundeliegt, selbst zusammengestellt, er war also gewissermaßen als sein eigener Dramaturg tätig. Tätig freilich in einem Sinne von Kenntnisreichtum und Gründlichkeit. Und eben dies ist an Grosses Arbeit so hervorstechend.
Denn zwischen diesem Schauspieler, Literatur-Sprecher und dem Schriftsteller Thomas Mann scheint eine Art von Wahlverwandtschaft zu bestehen, deren charakteristische Züge ich an dieser Stelle – soweit es überhaupt erlaubt ist, Mann und Grosse miteinander zu vergleichen – nur flüchtig skizzieren kann:
Beide verfügen über eine bemerkenswerte Allgemein- und Geschmacks-Bildung. Beide verströmen eine bedrohlich klingende Ironie, die doch niemals boshaft wird, dies wahrscheinlich auch gar nicht könnte. Beiden eignet eine gewisse Pedanterie. Ich bitte diese Bemerkung als eine Äußerung von Höflichkeit zu verstehen.
Thomas Mann schrieb an jedem Arbeitstag drei Seiten. Er beantwortete alle Briefe handschriftlich. Grosse notiert in seinem für die Schallplatten-Produktion eingerichteten Manuskript auf Seite 13 (oben) „Damit endet die erste Seite der Schallplatte“, um auf der gleichen Seite unten fortzufahren: „Umseitig beginnt die zweite Seite der Schallplatte.“
Das ist keineswegs so unwichtig oder gar lächerlich, wie es klingen mag. Das zeugt von Gründlichkeit und von der Genauigkeit eines Mannes, der sein Handwerk ernst nimmt, in unserem Falle – wenn ich mir die Formulierung erlauben darf – sein Mundwerk. Denn ein Sprecher kann mit der Hand wenig bewerkstelligen.
Er kann allenfalls sein Manuskript manuell umblättern.
Soweit ich Herwart Grosse beobachten konnte, hat er das nicht nötig; wahrscheinlich kennt er seinen Thomas Mann auswendig. Es wird wohl daran liegen, daß er ein besonders intensiver, zuweilen sogar exzessiver Schauspieler ist. Berliner Theaterbesuchern, Inhabern von Fernsehempfängern und Kinofreunden braucht man das nicht näher zu erklären.
Es kommt mir aber so vor, als sei bei manchen jüngeren Schauspielern die Kunst des Sprechens geringer geschätzt als von Herwart Grosse.
Auch Thomas Mann beherrschte die Vortragskunst; dabei hätte er als Nicht-Schauspieler das nicht nötig gehabt. Wenn aber nun, wie in unserem Falle, der Sprecher Grosse das Mannsche Dichterwort lebendig macht, so handelt es sich um einen Glücksfall für alle Beteiligten.

Lothar Kusche (1977)


*) Berlin 1947, Aufbau-Verlag.
Auszüge aus:
„Mitteilung an die Literaturhistorische Gesellschaft in Bonn“ (1907)
„Versuch über das Theater“ (1908)
„Im Spiegel“ (1907)
„Der Bajazzo“ (1897)
„Kinderspiele“ (1920)
„Rede über das Theater“ (1929)
„Das Wunderkind“ (1903)
„Tonio Kröger“ (1903)
„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (erschienen 1954)

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Sprecher: Herwart Grosse

Die Texte sind dem Gesamtwerk von Thomas Mann,
erschienen im S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., entnommen.

Studioaufnahme nach dem gleichnamigen Programm der Kleinen Komödie des Deutschen Theaters, Berlin.
Tonregie: Karl Hans Rockstedt