Lehrgedicht von der Natur der Menschen

von Bertolt Brecht

LP LITERA 8 60 091
Covertext:
Zum „Lehrgedicht von der Natur der Menschen“
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Ende März 1945, im amerikanischen Exil, schrieb Brecht über sein Vorhaben: „Ich versuche mich an einem Lehrgedicht in der respektablen Versart des Lukrez’schen „De Rerum Natura“ über so etwas wie die Unnatur der bürgerlichen Verhältnisse. Das Kernstück bildet das „Manifest“, das ich in den zwei mittleren Gesängen darstelle. Ein erster Gesang soll über die Schwierigkeit handeln, sich in der Natur der Gesellschaft zurechtzufinden. Ein letzter die ungeheuerlich gesteigerte Barbarisierung vorführen“.
Dieser Gesamtplan, der also vier Gesänge vorsieht, kam nicht zur Ausführung. Vorhanden sind einzelne, freilich großartige Teile, unterschiedlich im Grad ihrer Durchführung. Die großangelegte Arbeit blieb Fragment.
Vom ersten Gesang mit dem Arbeitstitel „Über die Schwierigkeit, die es bereitet, sich in der Natur der Gesellschaft zurechtzufinden“, gibt es Verse und Verspartien, die wahrscheinlich als erste Niederschriften zu betrachten sind, manchmal im Gedanken ansetzen oder abbrechen; es sind poetische Entwürfe zum Thema, ohne engeren Zusammenhang untereinander.
Der zweite Gesang existiert als größter, vollständigster, weitestgehend abgeschlossener Teil des „Lehrgedichts“. Er ist die Versfassung der Einleitung und des ersten Kapitels des „Kommunistischen Manifests“ von Karl Marx und Friedrich Engels.
Der dritte Gesang des Lehrgedichts, der das zweite Kapitel des „Kommunistischen Manifests“ behandeln sollte, wurde nicht geschrieben.
Vom vierten Gesang „Über die ungeheuerlich gesteigerte Barbarisierung der Gesellschaft“ sind – ähnlich dem ersten Gesang – Teile erhalten: Fragmente und in sich abgeschlossene Gedichte.

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Für Brechts Beschäftigung mit Lukrez, dessen in Hexametern gehaltenes Epos „Von der Natur der Dinge“ die philosophische Lehre des Epikur darbietet, gibt es weitere, zeitlich frühere Zeugnisse. In seiner 1939 in Dänemark geschriebenen Erzählung „Die Trophäen des Lukullus“ führt Brecht den römischen Dichter in ein abendliches Gespräch mit dem gealterten Feldherrn. Als der „die schon berühmten Verse über die Todesfurcht“ aus Lukrez’ „Von der Natur der Dinge“ hergesagt hat, ergänzt der Dichter diese Gedanken durch einige Strophen, „die er“, wie es heißt, „aus dem Werk gestrichen hatte, um die Leser nicht allzusehr zu verstimmen“:
„Wenn sie so jammern, das Leben werd ihnen geraubt, dann gedenken Diese des Raubs, der an ihnen verübt und den sie verübten“
und so fort.
Diese fiktiven Lukrez-Verse sind von Brecht. Man findet sie im Entwurf seines Lehrgedichts wieder. Auf wahrscheinliche Zusammenhänge zwischen dieser und einigen weiteren Verspassagen gleicher Tendenz und Form aus dem Jahre 1939 und dem formulierten Plan von 1945 hat die Forschung zu recht aufmerksam gemacht.

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In einer 1963 in „Sinn und Form“ veröffentlichten Untersuchung verweist Hans Bunge auch auf die Tatsache, daß der Gedanke, das „Kommunistische Manifest“ poetisch und publizistisch zu verwenden, sich in Brechts Arbeiten wieder und wieder auf durchaus verschiedene Weise ausgeprägt hat. „Im Stück ,Die Mutter‘ gibt es Beispiele, und die Rede auf dem Ersten Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur (Paris 1935) ,Eine notwendige Feststellung zum Kampf gegen die Barbarei‘ ist in ihrem Grundgehalt eine aktuelle Interpretation des ,Manifests der Kommunistischen Partei‘“. Später, 1949, bezeugt ein Stück wie „Die Tage der Commune“ aufs neue die Produktivität der klassischen Schrift von Marx und Engels. Brechts Versfassung ihres ersten Kapitels erscheint unter diesem Aspekt als die in Konkretheit und Format bedeutendste Ausformung jenes Grundgedankens.
Brecht notierte Anfang Februar 1945, drei Monate vor dem Ende des zweiten Weltkriegs, zu seinem Versuch: „Das Manifest ist als Pamphlet selbst ein Kunstwerk; jedoch scheint es mir möglich, die propagandistische Wirkung heute, hundert Jahre später und mit neuer bewaffneter Autorität versehen, durch ein Aufheben des pamphletistischen Charakters zu erneuern“.

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Unsere Aufnahme basiert auf den in den Bänden 6 und 9 der „Gedichte“ (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main und Aufbau Verlag Berlin und Weimar) veröffentlichten Texten der beiden Fragmente „Das Manifest“ und „Lehrgedicht von der Natur der Menschen“. Beim „Manifest“ wurde in wenigen Zeilen auf Formulierungen früherer Fassungen zurückgegriffen. Unter den zum ersten und vierten Gesang des „Lehrgedichts“ gehörigen Texten war eine Auswahl geboten, die auf allzu Fragmentarisches verzichtete und darüberhinaus das Zeitmaß der Schallplatte berücksichtigen mußte. Aufbau und Abfolge orientierten sich an dem von Brecht entworfenen Gesamtplan.

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Die Aufnahme „Lehrgedicht von der Natur der Menschen“ von Bertolt Brecht wurde veranstaltet anläßlich des 150. Geburtstags von Karl Marx am 5. Mai 1968.

J. T.
|  Seite 1  |

Aus dem ersten Gesang
„Über die Schwierigkeit, die es bereitet, sich in
der Natur der Gesellschaft zurechtzufinden“


Der zweite Gesang
„Das Manifest“

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Der zweite Gesang
„Das Manifest“ (Fortsetzung)

Aus dem vierten Gesang
„Über die ungeheuerlich gesteigerte
Barbarisierung der Gesellschaft“


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Leser: Helene Weigel, Ekkehard Schall

Künstlerische Leitung: Joachim Tenschert
Assistenz: Isot Kilian