Leonhard Frank

LP LITERA 8 60 112
Covertext:
In dem autobiographischen Roman „Links wo das Herz ist“ erzählt Leonhard Frank – Michael Vierkant nennt er oft in seinen Büchern die Figur, der er eigene Charakterzüge gibt, wie er nach langem Suchen zur Schriftstellerei fand und qualvoll um die Anfangssätze seines ersten Buches „Die Räuberbande“ (1914) rang – der Bericht ist auf dieser Platte zu hören. Doch dies war nicht sein literarisches Debüt. Vier Kurzgeschichten gingen der „Räuberbande“ voraus; der Autor selbst hatte sie vergessen, bis man ihm zwei Jahre vor seinem Tode zum eigenen Erstaunen die Abdrucke dieser Erzählungen in alten Zeitschriften vorlegte. Als Schriftsteller bekannt machte ihn aber erst die „Räuberbande“. In diesem Roman schildert der Autor Eindrücke aus seiner Jugendzeit, die bedrückende Enge und kleinbürgerliche Heuchelei in seiner Vaterstadt Würzburg, die soziale Ungerechtigkeit, das brutale Regime des Lehrers und den Protest und die Sehnsüchte einer Gruppe Jungen, die sich zur „Räuberbande“ zusammenfanden. Wenige Wochen nach dem Erscheinen des Buches brach der erste Weltkrieg aus. Leonhard Frank mußte in die Schweiz fliehen, denn Verhaftung drohte: Seinen Abscheu vor Krieg und Völkermorden hatte er inmitten des allgemeinen Taumels der Kriegsbegeisterung offen kundgetan.
Von diesem Abscheu bestimmt, begann er in der Schweiz einen Band mit fünf Erzählungen zu schreiben, dem er gleich einem Credo den Titel gab „Der Mensch ist gut“ (1918). Es sollte nicht nur ein Stück Prosadichtung sein, „sondern ein aufwühlendes, direkt wirkendes Manifest gegen den Kriegsgeist“. Und so wurde das Buch verstanden in aller Welt – auch in Deutschland, wohin es getarnt seinen Weg fand.
Einige Jahre später folgte – unter dem Eindruck der revolutionären Ereignisse 1917 in Rußland und 1918 in Deutschland, die ihn aus der Schweiz zurückriefen – der Roman „Der Bürger“ (1924), sein „sozialistischer Roman“, wie Leonhard Frank ihn nannte und mit dem er die Erfahrung machte, „daß man dieses schwierige, vielseitige Thema erst gründlich verstehen lernt, wenn und während man daran arbeitet“. Im „Ochsenfurter Männerquartett“ (1927) (und später noch einmal in „Von drei Millionen drei“) begegnen wir wieder den Gestalten aus der „Räuberbande“, die sich jetzt als erwachsene Menschen durch die Krisenjahre der Weimarer Republik schlagen müssen.
Zwischen den Romanen schrieb Leonhard Frank Erzählungen; zu den bekanntesten sind zu zählen: „Die Ursache“ (1916), „Im letzten Wagen“ (1925). „Der Kellner“ (1916) (aus „Der Mensch ist gut“), vor allem aber „Karl und Anna“ (1927). Diese letzte Erzählung erregte großes Aufsehen auch als Schauspiel, das an vielen Bühnen Deutschlands und des Auslands gespielt wurde. (Der Stummfilm „Heimkehr“, 1928, wurde gleichfalls nach ihr gedreht.) Noch zwei Romane erschienen von ihm in Deutschland. „Bruder und Schwester“ (1928) und „Von drei Millionen drei“ (1932) – dann zwangen die Ereignisse des Jahres 1933 Leonhard Frank wie viele andere Künstler zur Emigration, nicht zuletzt, weil er das Buch „Der Mensch ist gut“ geschrieben hatte – man berief sich darauf ausdrücklich in der Begründung für seine Ausbürgerung. Leonhard Frank ging zunächst in die Schweiz, dann 1937 nach Paris.
Zwei Jahre später geriet er gleich tausenden Emigranten in französische Internierungslager. Eine abenteuerliche Flucht quer durch Frankreich, von der Bretagne bis nach Marseille, rettete ihn vor der Auslieferung an die deutschen Behörden. Nach einer abermaligen Flucht über die Pyrenäen gelangte er schließlich von Lissabon aus nach den USA. „Was soll er, ein deutscher Schriftsteller, in Amerika“, fragte er sich. Er litt sehr unter der Emigration, weniger unter der äußeren Not als unter der Isolierung. Fern von Deutschland, in dem er sich fest verwurzelt fühlte, fern vom deutschen Leserpublikum, an das er sich nicht wenden konnte, entstand der Roman „Mathilde“ (1948), dessen Manuskript ihn auf allen Stationen seiner Flucht begleitet hatte und den er 1944 in Hollywood beendete.
Leonhard Frank erzählt hier die Geschichte einer Frau, deren Lebensweg er von ihrer Jugendzeit bis zu dem Zeitpunkt schildert, da sie selbst eine heranwachsende Tochter hat, einer Frau, die sich durch viele Enttäuschungen hindurch menschliche Wärme und Güte bewahrt, die unerfüllt neben einem Mann her lebt, bis sie schließlich den Gefährten findet, der ihrem Leben einen Inhalt gibt.
Die Arbeit an der „Deutschen Novelle“ (1954), an dem Roman „Die Jünger Jesu“ (1949) und, neben anderen, an der Erzählung „Michaels Rückkehr“ (1955) schloß sich an. Während die „Deutsche Novelle“ aus weit zurückliegenden Erinnerungen an seine Zeit in Rothenburg ob der Tauber geboren wurde (als Lehrling arbeitete er dort bei einem Maler), spielen die beiden anderen Werke in der Gegenwart, im Nachkriegsdeutschland, in Würzburg und Berlin. Leonhard Frank schreibt über die „Jünger Jesu“: „Der Roman sollte vier dicht miteinander verbundene Handlungslinien haben: Die Taten einer Knabenbande, deren Anführer. Petrus, die geheimen Sitzungen immer mit dem Satz eröffnete: ,Wir, die Jünger Jesu, Vollstrecker der Gerechtigkeit, nehmen von den Reichen. die alles haben, und geben es den Armen, die gar nichts haben.‘ – Den voraussehbaren Neonazismus in Deutschland, zu schildern an einer Abart heimlich wieder organisierter Hitlerjugend. – Die tragische Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Mädchen und einem amerikanischen Soldaten. – Und das Schicksal einer Jüdin, die als siebzehnjähriges unberührtes Mädchen noch Warschau in ein Bordell für deutsche Soldaten gebracht worden war und nach dem Krieg … seelisch zerstört zurückkehrt.“
1950 kam Leonhard Frank zurück, zunächst in seine Vaterstadt Würzburg, dann ließ er sich in München nieder.
Enge Beziehungen zu seinen Lesern, aber auch echte Sympathien für das andere Deutschland ließen ihn oft in die DDR kommen, wo seine Bücher in hohen Auflagen erschienen. 1955 ehrte ihn die Regierung der DDR mit dem Nationalpreis. Er starb am 18. 8. 1961.
In New York begann er 1949 seinen letzten Roman zu schreiben (den er 1952 beendete), eine Autobiographie in Romanform: „Links wo das Herz ist“. Sie endet mit einem Glaubensbekenntnis, von dem Auszüge hier zu hören sind. Gleich einem Resümee seines Lebens schreibt er dort: „Sein Leben war das eines kämpfenden deutschen Romanschriftstellers in der geschichtlich stürmischen ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Bücher sind Bildnisse seines Innern. Er hat sich von Jugend an um Dinge gekümmert, die ihn nichts angingen, und ist der Meinung, daß Menschen, die das nicht tun, die Achtung vor sich selbst verlieren müssen; daß sie moralisch Selbstmord begehen.“

Maria Schubert
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An junge Schriftsteller und Leser
Aus einem Interview Leonhard Franks, gegeben im Januar 1956 in der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin

Aus „Links wo das Herz ist“


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Aus „Mathilde“
Aus „Karl und Anna“


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Leser: Leonhard Frank
Sprecher:  
Charlott Frank (Kommentare und verbindende Gedanken)
Angelica Domröse (in „Mathilde“)
Fred Düren, Elsa Grube-Deister (in „Karl und Anna“)

Zusammenstellung und Auswahl: Charlott Frank/Rudolf Böhm/Ulrich Rabow
Musik: Günter Hauk
Musikalische Beratung: Dieter-Gerhardt Worm

Cembalo: Walter Olbertz
1. Oboe: Jürgen Abel
2. Oboe: Werner Wilde
Englisch Horn: Manfred Bayer
Trompete: Franz Witecki
Kontrabaß: Lothar Hampe
Schlagzeug: Günter Ospalek
Leitung: Günter Hauk

Regie: Ulrich Rabow
Schnittregie: Werner Schurbaum