Levins Mühle

von Johannes Bobrowski
LP LITERA 8 60 349
Covertext:
„Ich muß das gut lesen und sprechen können, was ich da geschrieben habe.“ Das sagte Johannes Buhruwski (1917–1965) in einem Interview vor dem Erscheinen seines ersten Romans „Levins Mühle“ im September 1964. Die Bestätigung, daß er sich darum mit Erfolg bemüht hatte, gab ihm der Zulauf bei seinen öffentlichen Lesungen in der Zeit seines späten und kurzen Ruhms, dessen Glanz bis heute nicht verblaßt ist. Entsprechend stark war die Resonanz der beiden Bände mit je zwei kleinen Schallplatten von Aufnahmen der Stimme des Dichters, die der Union Verlag Berlin 1966 und 1980 herausgab. „Die Vitalität Bobrowskis zündet noch einmal, seine wache Gewitztheit, seine beruhigende Sicherheit, seine ironische und überlegene Verständigung mit dem Publikum, auf der Zeile und zwischen den Zeilen, im Tonfall provozierender Ermunterung und Aufforderung, die unter die Haut gehen, Denkanstoß und herznah“ so charakterisierte der Berliner Rundfunk, in einer Rezension des Bandes „Johannes Bobrowski liest Lyrik und Prosa“, diesen „denkwürdigen Genuß“.
Der glückliche Umstand, daß in den Archiven der Rundfunksender der DDR neben den zum Teil schon auf Schallplatten verbreiteten Aufnahmen von Erzählungen Bobrowskis auch seine Lesungen aus „Levins Mühle“ aufbewahrt werden, macht nun die vorliegende Edition möglich. Für sie wurden drei zufällig erhaltene Romanausschnitte verwendet, und doch hätte der Autor selber die Zusammenstellung kaum besser treffen können; es ergibt sich ein Querschnitt, der uns mit den wichtigsten Motiven der Handlung vertraut macht und die Bekanntschaft mit den meisten Hauptfiguren vermittelt. So wird sich beim Zuhören auch der Wunsch regen, den Eindruck zu vertiefen und das Buch vollständig zu lesen oder wiederzulesen. Vor allem aber bereitet uns die Schallplatte den doppelten Genuß, die Sprache des Romans, deren Kraft und Originalität so oft gerühmt wurde, nun fast eine Stunde lang vom Dichter selber, der als sein bester Interpret galt, gesprochen zu hören, in seinem unverwechselbaren Tonfall, geprägt von der Redeweise in den damaligen östlichen Provinzen des Kaiserreiches, wo seine Vorfahren und er selber herstammten und in denen auch die Romanhandlung angesiedelt ist.
Was Bobrowski zu erzählen hat, ist eine handfeste Geschichte. Sie spielt im Jahre 1874 in Westpreußen und entwickelt sich aus einem Kriminalfall: ein reicher deutscher Mühlenbesitzer und Baptist, vom Ich-Erzähler beziehungsvoll „mein Großvater“ genannt, der an einem Nebenflüßchen der Drewenz eine Wassermühle betreibt, hat die leichte Mühle, die sich sein Konkurrent Levin, ein Jude aus Russisch-Polen, ein Stückchen flußab gebaut hatte, durch aufgestautes und eines Nachts plötzlich abgelassenes Wasser weggeschwemmt. Jeder im Dorf Neumühl weiß es, aber keiner hat etwas gesehen. Levin verklagt den Mühlenbesitzer Johann beim Kreisgericht in Briesen. Aber der Prozeß wird, durch Machenschaften des „Großvaters“ und seiner deutschen Parteigänger, vom evangelischen Pfarrer Glinski bis zum Landrat und zum Kreisrichter, verschleppt, so daß Levin schließlich resigniert. Nicht resignieren aber wollen seine Freunde im Dorf, und es bildet sich eine Front gegen den „Großvater“: der Zigeuner Habedank und seine Tochter Marie, Levins Braut, der Sänger Weiszmantel, Tante Huse und viele andere, Polen und Deutsche, in deren Augen der reiche Mühlenbesitzer, wie Abdecker Froese ihm ins Gesicht sagt; „ein ganz großer Verbrecher“ ist; sie prangern seine Untaten öffentlich an und zwingen ihn schließlich, das Feld zu räumen und aus Neumühl fort nach Briesen zu ziehen.
„Wir sind in der guten Stube.“ Mit diesem ersten Satz der Lesung lädt uns der Ich-Erzähler ein, Platz zu nehmen, holt er uns ohne Umschweife herein in das 3. Kapitel, in die Taufgesellschaft, die um die Kaffeetafel versammelt ist. Und während er die „Begebenheit“ schildert, die der alte Fagin, später, trotz der schönen Musik „nicht so sehr gemütlich“ findet, weil der Großvater, der Baptist, hauptsächlich damit beschäftigt ist, mit dem Pfarrer Glinski, dem Evangelischen, eine Intrige gegen Levin anzuzetteln, wird beim Zuhören die Illusion vollkommen, als säße da ein Erzähler mitten unter uns. Um die Eigenart mündlicher Rede im Roman zu bewahren, bedient sich Bobrowski einer „Umgangssprache, die weithin durchaus überlokale Züge trägt, durch sparsam eingearbeitete Mundartwörter jedoch deutlich Anklänge an das Niederpreußische erhält“ (Bernd Leistner: Johannes Bobrowski). In einem Rundfunkinterview sagte der Autor dazu, er habe sich bemüht, „sehr handliche Redewendungen, eben volkstümliches Sprechen bis zum Jargon, mit einzubeziehen, um einfach die Sprache ein bißchen lockerer, ein bißchen farbiger und lebendiger zu halten.“
Zu den reizvollen Eigenheiten des Romans gehören auch die 34 „Sätze“, keine bloße Spielerei, sondern ein Mittel der epischen Konstruktion, so sicher wie frei gehandhabt. Einige davon kommen im zweiten Teil der Lesung vor, die fast das ganze 7. Kapitel darbietet. Hier lernen wir Tante Huse kennen, ihre Rechtschaffenheit, Frömmigkeit und ihren tapferen Gerechtigkeitssinn, erleben sie in Aktion gegen die Machenschaften des Großvaters und seiner deutschen Sippschaft. Aber auch von Weiszmantel, dem umherziehenden Sänger, ist die Rede; er sitzt in Pilchs Häuschen, noch hat es der Großvater nicht in Brand gesteckt, bei Marie und erzählt; sein Auftritt mit Habedank im Italienischen Zigeunerzirkus freilich wird nur beiläufig erwähnt, die große tänzerische Aktion der Anhänger Levins gegen den Großvater mit dem Lied „Großes Wunder hat gegeben“ (das in der Verfilmung des Romans von Horst Seemann musikalisch wie szenisch so eindrucksvoll zu leitmotivischer Wirkung kam).
Im dritten Romanausschnitt liest Bobrowski Passagen aus dem 9. Kapitel; wir erfahren Hintergründe und Einzelheiten des Kriminalfalls, und wenn man einen Höhepunkt dieser drei Lesungen bezeichnen sollte, so müßte man den abschließenden Dialog nennen, die hinreißend vorgetragene dramatische Vernehmung des Kaplans Rogalla durch den Polizeimeister in Strasburg, auf die der Autor einen seiner wirkungssicheren Kapitelschlüsse folgen läßt, einen (nicht numerierten) Kernsatz des Buches: „Nirgends Beweise in dieser ganzen Geschichte.“
Johannes Bobrowski hat, in Rundfunkinterviews, die seinen Lesungen aus dem Roman voraufgingen (und inzwischen gedruckt vorliegen in den beiden Ausgaben seiner „Selbstzeugnisse“), gegenüber seinen Gesprächspartnern Helmut Baldauf und Josef-Hermann Sauter betont, daß er „keinen Nationalitätenkampf schildern“ wollte; die sich bildenden Fronten sind denn auch in erster Linie von der sozialen Situation bestimmt, verlaufen quer durch die Nationalitäten und Religionsgemeinschaften: Die Partei des Großvaters nehmen die wirtschaftlich stärkeren Kräfte im Dorf und die Vertreter der Macht in Staat und Gesellschaft; um Gerechtigkeit für Levin kämpfen die wirtschaftlich schwächeren Leute, Zigeuner, Musikanten, Artisten, ärmere Bauern und Landarbeiter. Weiter erklärt der Autor, er habe „nicht im Sinne gehabt, einen historischen Roman zu schreiben“ und im Buch mehrfach ausgeführt, daß die auf 1874 festgelegte Geschichte auch „an sehr vielen verschiedenen Orten hätte geschehen können und zu sehr vielen verschiedenen Zeiten“; sie stelle einen „Modellfall“ dar. Im Buch selber sagt es der Erzähler mit Nachdruck, daß „die ganze Geschichte hier unsertwegen erzählt wird“. Denn „die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied“, so heißt der ein Bibelwort aufnehmende „fünfzehnte Satz“. Bobrowski teilte in Interviews aber auch mit, der Großvater des Ich-Erzählers sei zwar nicht identisch mit einem des Autors, doch handele es sich „um einen Vorfall, der in der Familie in der weiteren Verwandtschaft passiert ist“. Zum „Modellfall“ konnte das Sujet aus der Familienchronik, die der Dichter als Quelle benutzte, jedoch erst werden durch eine schöpferische Umgestaltung. Eberhard Haufe hat (Weimarer Beiträge 1/1970) nachgewiesen, worin sie im wesentlichen bestand: In der Wirklichkeit des Jahres 1874 bekam nämlich der Jude Lewin im Prozeß gegen Johann Bobrowski bei dem deutschen Gericht sein Recht. Dazu E. Haufe: „Geschichte als Prozeß war an der Historie der Chronik nicht ablesbar. Das wurde nur möglich, wenn die letzte chauvinistische Ausformung des deutschen Kapitalismus im Faschismus ans Ende der Romanperspektive gerückt wurde [...]. Als der sozial Schwächere erhält er [Levin] vom Gericht der Stärkeren kein Recht mehr. Noch vermag das Gericht das überlieferte Recht nicht einfach zu beugen wie später im Faschismus, aber indem es den Rechtsspruch verhindert, wird für den wissenden Leser die schrecklichere Zukunft schon sichtbar. [...] Das rechtfertigte die radikale Umgestaltung der wirklichen Geschichte des Johann Bobrowski zur zukunftsoffenen Fabel von ,Levins Mühle‘ [...]“
Diese Leistung des Dichters ist sicherlich ein entscheidender Grund für den internationalen Erfolg des Romans, der bisher in neunzehn Sprachen übersetzt wurde – und überdies als Vorlage diente für die gleichnamige Oper von Udo Zimmermann (Querschnitt bei NOVA) und die Verfilmung von Horst Seemann: „Das Streben nach Wahrheit diktiert Bobrowskis Werk, und deshalb kann er sich außer an das Gewissen der Deutschen an das Gewissen Europas wenden, deshalb kann er dem in seinem Dorf vor sich gegangenen, im Grunde unbedeutenden Ereignis die für die moralische und gesellschaftliche Situation eines langen Zeitabschnitts charakteristische Gültigkeit verleihen.“ (Gábor-Szabolcsi, in: Nagy Vilag, Budapest)

Gerhard Rostin
Leser: Johannes Bobrowski

von Johannes Bobrowski

Historische Aufnahmen
(Staatliches Komitee fur Rundfunk der DDR)
Mit Genehmigung des Union-Verlages Berlin