Liebesszenen

LP LITERA 8 60 170
Covertext:
Unruhevoll erwartet ein Mädchen ihren Geliebten. Glück, Ruhe, Harmonie, Erfülltsein beseelt die Liebenden, die zueinandergefunden haben – Gefühle damals wie heute, Vollendung des Menschlichen, des Schönen im Leben. Die Unruhe und die Ruhe, die Spannung und Gelöstheit, die Luise und Ferdinand, Klärchen und Egmont, Gretchen und Faust bewegen wie ist doch diese ihre Liebe mit der Vorfreude, der Glückseligkeit oder der schönen Erinnerung aller Menschen gleichgestimmt, die Liebe empfinden oder genossen haben. Doch wäre es allein das private Geschick zweier Liebender, von dem uns der Dichter erzählt, dann würde wohl nach Jahrhunderten niemand mehr Anteil gerade an diesem Paar nehmen. Es muß also mehr sein, wenn es unser Interesse mit Recht beanspruchen will: ein Konflikt von gesellschaftlicher Bedeutsamkeit. Die Liebe auf einer von aller Umwelt abgeschnittenen glücklichen Insel kann es nicht geben. Zu allen Zeiten haben Leben und Gesellschaft in das Schicksal des einzelnen eingegriffen, haben die Liebe genährt oder die Liebe zerstört, und die Dichter haben dieses Schicksal auf einmalige, unverwechselbare Weise gestaltet, wobei sich in ihm oft das Erleben, der Kampf, die menschliche Größe, der tragische Untergang vieler widerspiegelte. In den dramatischen Dichtungen Schillers und Goethes finden wir die Beziehungen der Menschen zueinander auf vielfältigste Weise gestaltet. So erfand der Schöpfer von Ferdinand und Luise auch die Gestalten des Karl Moor und der Amalia von Edelreich („Die Räuber“), des Max Piccolomini und der Thekla, Wallensteins Tochter („Die Piccolomini“). Der Dichter des „Faust“ schenkte uns Erwin und Elmire, Scapin und Scapine („Scherz, List und Rache“). Torquato Tasso und Leonore von Este; Gestalten, die das Ideal der „schönen Seele“ verkörpern (Elisabeth in „Don Carlos“, Thekla in „Wallenstein“, Eugenie in der „Natürlichen Tochter“) stehen im Werk der Dichter neben tändelnden Schäfern und Schäferinnen und heiteren Volksgestalten. Im Unterschied zu diesen Stücken Schillers und Goethes haben die Liebespaare in den dramatischen Konzeptionen von „Kabale und Liebe“, „Egmont“ und „Faust“ einen anderen, sozial determinierten Platz. Ihrer Herkunft nach entstammen Luise, Klärchen und Gretchen dem Bürgertum bzw. Kleinbürgertum; Ferdinand und Egmont sind Adelige, auch Faust ist in den Augen Gretchens ein gelehrter Herr, der einem anderen Stand angehört. Über ihrer Liebe hängt der „Dolch“ der Feudalmacht, denn sie verstößt gegen die Standesordnung und den Moralkodex. Die Stunden des Glücks sind gezählt; die Liebe fordert Heimlichkeit, Abschirmung vor Spähern und Denunzianten, gegen List und Intrige, vor dem Urteil einer zerstörerischen Umwelt. Es geht nicht allein um die Bewährung der Liebe. Sie, die ihrem Wesen nach zutiefst menschlich ist, muß auf Gedeih und Verderb gegen eine unmenschliche Lebensordnung erkämpft und verteidigt werden. Der eigentliche Held dabei ist die Frau, die sozial auf der unteren Stufe steht und deren Kampf um den Geliebten, um ihr Glück mit ihrem sozialen Anspruch verbunden ist, mit dem gleichen Recht zu lieben und zu leben wie er. Vermögen die Paare für Augenblicke zu sich selbst zu finden, ohne sich der Gefahr bewußt zu sein, stehen wir im Banne des Gleichklangs der Gedanken und Gefühle. Die Dichtung atmet Harmonie: die Menschen sind gleich, Sinne und Verstand, Ideal und Wirklichkeit sind eins, die sozialen Gegensätze weichen der menschlichen Eintracht. Um diese zeitweilige Harmonie herzustellen, müssen sich die Partner wandeln, müssen eine höhere menschliche Reife erlangen. Das geschieht in jedem der drei Dramen auf andere Weise und doch in manchem übereinstimmend. Luise, das natürliche, unerfahrene bürgerliche Mädchen, entwickelt sich zur selbstbewußten Frau, als sie begreift, daß ihr Anspruch auf Liebe nur in der Auseinandersetzung mit der bestehenden Lebensordnung behauptet werden kann. In der Szene mit Lady Milford (IV, 7) wird Luise zur ebenbürtigen Partnerin und zur geistig-moralisch Überlegenen. Ferdinands Wandlung, beflügelt durch Luises Liebe und gestärkt durch bürgerliche Idealvorstellungen, führt zu einer individuellen, doch für seine Zeit auch wiederum typischen Rebellion gegen die anerzogenen Standesmanieren und gegen die Feudalgesetze.

Die sozialen Unterschiede zwischen dem Ritter des Goldenen Vlieses, dem Grafen Egmont, und Klärchen sind größer, die historische Konstellation eine andere. Egmont, selbstbewußt, der eigenen Unantastbarkeit nur allzu gewiß, wird schließlich das Opfer seiner eigenen Illusionen. Das niederländische Volk, das ihn liebte und ihm vertraute, wartete vergebens darauf, daß er sich an seine Spitze stellen und es zum Siege über die spanischen Unterdrücker führen würde. In seiner Zukunftsvision, dem Tode nahe, sieht Egmont, wie das Volk die Tyrannei beseitigt, und die Freiheit verschmilzt mit dem Bild Klärchens, die vordem vergebens das Volk zur Rettung des Geliebten und damit zur Rettung der Nation aufgerufen hatte. In Klärchens Liebe, Tod und Verklärung verbinden sich persönliches und nationales Schicksal.

Als Faust auf seinem Osterspaziergang „des Dorfs Getümmel“ vor sich sieht und das Volk um sich erblickt, ruft er aus: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ Und wenn ihm später, nachdem der Pakt mit Mephistopheles geschlossen ist, Gretchen begegnet, dann wird sie zur Personifikation des Volkes. Der Gelehrte entdeckt das Einfache und Natürliche, er fühlt sich ganz als Mensch.

Goethe hat um die Nöte und das soziale Gedrücktsein der Frau wie kaum ein Dichter in seiner Zeit gewußt. In Frankfurt hatte er den Prozeß gegen die Magd S. M. Brandt, die ihr eigenes uneheliches Kind getötet hatte und 1772 enthauptet wurde, erlebt, und andere Schicksale in den folgenden Jahren dürften ihm nicht weniger nahegegangen sein.

So verschmelzen in Schillers „Kabale und Liebe“, in Goethes „Egmont“ und „Faust“ die Darstellung der Liebe zweier Menschen mit den politischen, sozialen und nationalen Problemen ihrer Zeit, sind sie, gerade durch ihren lebenswahren tragischen Ausgang, ein Plädoyer Schillers und Goethes gegen die soziale Rechtlosigkeit und Unterdrückung der Frau, für das Recht aller Menschen, gleich welchen Standes, auf ihre Liebe und ihr Glück und für eine humanistische Gesellschaftsordnung, in der die Liebe über Kabale, Ungleichheit, Unterdrückung, Gewalt und Feudalmoral siegt.

Siegfried Seidel
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KABALE UND LIEBE
Friedrich Schiller
I. Akt, 4. Szene
II. Akt, 5. Szene
V. Akt, 2., 4., 6. und 7. Szene

Miller - Stadtmusikant: Martin Flörchinger
dessen Frau: Friedel Nowack
Luise - dessen Tochter: Lissy Tempelhof
Ferdinand von Walter: Horst Drinda


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EGMONT
Johann Wolfgang Goethe
III. Akt, 2. Szene

Graf Egmont: Wilfried Ortmann
Klärchen: Ursula Figelius
Klärchens Mutter: Friedel Nowack

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FAUST – DER TRAGÖDIE ERTSER TEIL
Johann Wolfgang Goethe
Straße – Gretchens Stube – Wald und Höhle – Gretchens Stube (Gretchen am Spinnrad) – Marthens Garten (Religionsgespräch)

Faust: Horst Caspar
Mephistopheles: Erich Ponto
Gretchen: Antje Weisgerber