Lied der Stummen
und andere Erzählungen aus „Inferno“

von Peter Duhr
LP LITERA 8 60 150
Covertext:
Peter Duhr wurde im Jahre 1903 geboren. Er studierte in der sozial bewegten österreichischen Hauptstadt Wien nach dem ersten Weltkrieg Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, promovierte und wurde dann Rechtsanwalt. Politische Ereignisse und persönliche Erlebnisse haben ihn später nach Rumänien verschlagen. Als dieses Land zwischen den Karpaten und dem Schwarzen Meer unter Antonescu an der Seite Hitlerdeutschlands in den zweiten Weltkrieg eintrat, wirkte sich die faschistische Rassenpolitik dort ebenfalls entscheidend aus. Auch Peter Duhr wurde in die Konzentrationslager Trans-Nistriens, das in der Ukraine liegt, verschleppt. Er teilte das erschütternde Schicksal jüdischer Menschen, die Opfer der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“, das heißt der systematischen Ausrottung, wurden oder werden sollten.

„Fünfhunderttausend zogen wir aus.
Heute leben noch
-fünf-von hundert.“

So sagt der Autor in seinem Gedicht „Deportierte Juden“, das im Jahre 1944 entstand. Des Autors literarische Arbeit lebt wesentlich von den nachhaltigen Eindrücken, die er in jenen Jahren der Barbarei empfing. Er gehört zu den wenigen, die das Grauen der Vernichtungspolitik des Hitlerreiches gegenüber dem jüdischen Volke am eigenen Leib erlitten und überlebt haben. Anfang 1944 wurde Peter Duhr von der sowjetischen Armee aus dem Konzentrationslager befreit. Bis 1954 lebte er in der UdSSR. Während dieser Zeit arbeitete er als Akkumulatorenarbeiter, Hilfsschlosser, Dreher, Übersetzer und Reporter. 1954 kam er in die Deutsche Demokratische Republik, wo er als Schriftsteller und Jurist bekannt wurde. Seither sind zwei Bände mit Erzählungen aus seiner Feder veröffentlicht worden und zwar „Inferno“, erschienen im Verlag Rütten & Loening, sowie „Apage satana“, herausgekommen im Verlag der Nation. Diese Bücher muten wie eine Flaschenpost an, ein Mahnzeichen vom Untergang der Millionen jüdischer Menschen während der zwölf Jahre faschistischer Herrschaft in Deutschland und Europa.

Aus „Inferno“ stammt auch die Geschichte „Causa Gottesmann“, die der Autor hier selbst vorträgt. In diesem Bericht läßt er den Mann einer jüdischen Ärztin sagen: „Man muß nur erzählen, wie es gewesen ist. Die Wahrheit sagen – die Wahrheit wird sie erschlagen. Es darf nicht nur Tote, Stumme geben. Einige müssen auch Zeugen sein. Überlebende. Sonst war alles nur kranke Phantasie.“ Das könnte als Geleitwort über dem bisherigen Schaffen Peter Duhrs stehen. Aus seinem Überleben, aus seiner Zeugenschaft leitet er die literarische Mission her, Rufer und Mahner zu sein.

Ergreifend sind die Bilder, die das Leid der Juden aus Rumänien und Trans-Nistrien im Fegefeuer der Konzentrationslager nachempfinden lassen. In einfacher, klarer Sprache wird gesagt, wie diese Menschen unter jenen außergewöhnlichen Umständen um ihr körperliches und moralisches Menschsein und Menschbleiben ringen. Aber der Autor läßt sich auch in der Darstellung der rumänischen und deutschen Bewachungskräfte nicht von Gefühlen des Hasses oder des Abscheues leiten. Er achtet auch unter den Gendarmen auf alle Anzeichen noch vorhandenen menschlichen Empfindens. Dafür ist die zweite Geschichte aus „Inferno“ ein Beispiel. Der Autor spricht damit die Zuversicht aus, daß sich auch Menschen, die dem System des Verbrechens einmal dienstbar geworden sind, zum besseren wenden können. Und nicht zuletzt darin äußert sich die humanistische und optimistische Grundeinstellung Peter Duhrs, die seine literarischen Werke beseelt. Doch es geht nicht nur um das Vergangene. Aus der furchtbaren Anklage erwächst die verpflichtende Mahnung, alle neuerlichen Triebe jener alten Verderbnis zeitig und gründlich abzuschneiden. Peter Duhr will leisten, was er den Horst Willner, eine seiner Gestalten in „Apage satana“, über die Aufgabe der Literatur und Kunst überhaupt sagen läßt: Sie soll die Welt verdichten und erhellen, „damit jeder Leser sein Leben klarer sieht und weiß, wohin ihn die zitternde Kompaßnadel seiner Erlebnisse zu führen versucht.“

Albrecht Börner
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Dies geschieht heute
Prolog aus „Jüdische Chronik“
Musik: Boris Blacher / Jens Gerlach
Sprecher: Ekkehard Schall, Hilmar Thate
Anna Barová, Alt
Vladimir Bauer, Bariton
Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig
Dirigent: Herbert Kegel

Deportierte Juden
Lied der Stummen

Musik: Boris Blacher / Jens Gerlach
Sprecherin: Mathilde Danegger

Werden die Stummen rufen?
aus „Jüdische Chronik“
Musik: Rudolf Wagner-Regeny / Jens Gerlach
Sprecher: Ekkehard Schall, Hilmar Thate
Anna Barová, Alt
Vladimir Bauer, Bariton
Rundfunkchor Leipzig
Choreinstudierung: Armin Oeser
Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig
Dirigent: Herbert Kegel

Causa Gottesmann
Musik: Rudolf Wagner-Regeny / Jens Gerlach
Sprecher: Peter Duhr


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Der Gendarm
Musik: Rudolf Wagner-Regeny / Jens Gerlach
Sprecher: Peter Duhr

Dies geschieht heute
Epilog aus „Jüdische Chronik“
Musik: Paul Dessau / Jens Gerlach
Sprecher: Ekkehard Schall, Hilmar Thate
Vladimir Bauer, Bariton
Rundfunkchor Leipzig
Choreinstudierung: Armin Oeser
Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig
Dirigent: Herbert Kegel