Lieder und Gedichte von Johann Christian Günther

LP LITERA 8 60 158
Covertext:
Am 4. April 1695 – die Folgen des Dreißigjährigen Krieges waren allenthalben noch spürbar – wurde Johann Christian Günther in Striegau/Schlesien geboren. Nach dem Jenenser Totenverzeichnis ist „der in der größten Armut hier gelebte sogenannte deutsche Ovid“ am „15. März des 1723. Jahres – weil der Herr Doktor Weissenborn bei dem Examine in der Stadtschule sich aufgehalten und sich nicht eines so schnellen Falles bei dem Kranken vermutet – ganz sanfte entschlafen, nachdem er sein junges Leben nicht höher gebracht als 28 Jahr weniger 3 Wochen und 3 Tage.“ Die in Jena ansässigen Schlesier teilten sich in die Kosten „vor das Begräbnis ihres beliebten und berühmten Landsmannes“, der nach dem Bericht seines Vaters „von mittelmäßiger Statur und wohlproportionierten, gesunden und geschickten Gliedern war, eines gleichfalls mit den andern Gliedern wohl harmonierenden Gesichts, etwas länglicht und von schwarzbraunen Augen und Haupthaaren, außer daß er eine damals lange Staatsperücke mit blonden Haaren trug. War sonst freundlich und annehmlich von Angesicht und hatte etwas Reizendes an sich, daß er auch bald von Kindheit an und sonderlich auch bei seinem Studieren und erwachsenen Jahren jedermann gefiel.“ Aber der Vater schreibt weiter: „Wenn er durch liederliche Verschwendung dasjenige, wovon er lange Zeit hätte leben sollen und Haus halten können, in kurzen, ja an einem Abend vielmal durchgebracht oder durch liederliche Pursche sich darum bringen lassen und so dann manchmal darben müssen, ist er in solche melancholische Gedanken geraten, daß er nicht gewußt, wem er seinen Mangel zuschreiben sollen. So hat er auch sonst nicht viel Feinde gehabt, als die er mit seiner satirischen Feder ihm selbst gemacht. Ist also einzig und allein fortunae suae sinistrae faber (seines Unglücks Schmied) gewesen, dann er das Glücke, so ihm überall nachgelaufen und die Hand geboten, von sich gejaget. Es hat ihm an hohen Gönnern, Patronen und Wohltätern nicht gemangelt, wenn er sich derselben Gelegenheit hätte accomodieren und dieselbe annehmen wollen.“

Diese Einschätzung Günthers – als ein nicht anpassungsfähiger, zügelloser Genußmensch, verwilderter Bohemien und genialer aber verlotterter Dichter, der „zwischen Liebe und dem Schmutz der Landstraße taumelte“, den „seine Zigeunernatur in dem wilden Leben der polnischen Grenzbewohner versumpfen ließ“ der sich „langsam zu Tode geliebt und zu Tode vagabondiert“ hat und „im Schlamm der Not verendete“ – trifft sich mit dem Urteil der Nachwelt, die nicht mehr seine zwischen 1724 und 1764 in vielen Auflagen erschienenen Gedichte, sondern nur die Berichte über die Lebensumstände zur Kenntnis nehmen wollte. Auch von Goethes um 1812 angestellter Betrachtung in „Dichtung und Wahrheit“ – die sich in wesentlichen Zügen allerdings auf Gottscheds Rezension von 1735 stützte – wurde immer wieder nur der Schlußsatz zitiert, nämlich daß „das Rohe und Wilde“ in Günthers Lyrik nicht nur „aus seiner Zeit“, sondern auch aus „seiner Lebensweise und besonders seinem Charakter oder, wenn man will, seiner Charakterlosigkeit“ zu erklären sei. Und: „er wußte sich nicht zu zähmen, und so zerrann sein Leben wie sein Dichten“. Zuvor heißt es jedoch, Günther dürfe „ein Poet im vollen Sinne des Wortes genannt werden. Ein entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtnis, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grade, rhythmisch bequem, geistreich, witzig und dabei vielfach unterrichtet; genug, er besaß alles, was dazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen, und zwar in dem gemeinen wirklichen Leben. Wir bewundern seine große Leichtigkeit, in Gelegenheitsdichtungen alle Zustände durchs Gefühl zu erhöhen und mit passenden Gesinnungen, Bildern, historischen und fabelhaften Überlieferungen zu schmücken. Günther steht als historische Erscheinung zwischen der schwülstigen und feudal-konventionellen Barockliteratur und dem Jahrhundert der Aufklärung dessen Weltauffassung in Deutschland von den Philosophien Thomasius’, Leibnizens und Wolffs bestimmt wird. Er schöpft zu Beginn seines Schaffens noch aus dem Kirchenlied und durchstößt später als Einzelgänger die frührationalistische und frühklassizistische Schicht, wobei er als eine dem Zeitdurchschnitt fraglos weit überlegene Begabung Schritte wagt, die erst in der Geniezeit zum anerkannten Typus der Erlebnisdichtung führen. Seine Einflüsse auf die folgenden Generationen von Goethe bis Brecht sind unbestreitbar. Günthers Werk markiert die Ablösung der Gelehrtenliteratur durch die bürgerliche Dichtung mit ihrer kämpferischen Haltung gegen literarisches Heuchlertum, Prüderie und Frömmelei und ihrem Mut, persönliche Erlebnisse rückhaltlos zu bekennen und darzustellen. Günthers Größe bestand darin, daß er seinen Kampf bewußt ausgetragen hat und es auf sich nahm, nicht mehr nur für bestimmte Kreise und sozial abgeschlossene Schichten zu schreiben, sondern sich an ein neues, breiteres Publikum zu wenden, das er mit seiner Kunst nicht lediglich ergötzen, dem er vielmehr nützlich sein wollte. Er war überzeugt davon, Dichten zu müssen, und da er nicht zum Hofpoeten taugte, andererseits aber in einem bürgerlichen Beruf nicht Fuß fassen konnte und vom Dichten zu leben versuchte, wurde er der erste freiberufliche Schriftsteller Deutschlands.

Die editorische Grundlagenarbeit ist das Verdienst Wilhelm Krämers mit den seit 1930 erschienenen 6 Bänden der Sämtlichen Werke Johann Christian Günthers. Die literarische Forschung hat seit 1960 die Studie des Leipziger Germanisten Hans Dahlke zur Verfügung. Mit seiner Ausgabe im Aufbau-Verlag und mit der bibliophilen Ausgabe des Reclam Verlages, 1966 bzw. 1962, wurde dem Bedürfnis der Leser Genüge getan. Das noch zu Leistende steuert Horst Schulze mit seiner ebenso einfühlsamen wie eigenwilligen Interpretation von Liedern und Gedichten auf dieser Schallplatte bei. Die Musik schrieb Jean Kurt Forest in der Nachfolge so berühmter Komponisten Güntherscher Texte wie Sperontes und Mozart.

Hans Bunge
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Studentenlied (Das Haupt bekränzt, das Glas gefüllt!)
An Selinden (Hier setze dich, verschämtes Kind)
Als Leonore sich endlich zum Lieben bewegen ließ (Eleonore ließ ihr Herze)
An Leonoren (Mein Kummer weint allein um dich)
Als sie ins Kloster ziehen wollte (Soll, kluge Schönheit dein Vergnügen)
Auf die ihm so beliebte Abwechslung im Lieben (Verflucht nicht, ihr Mägdgen, mein flüchtiges Lieben!)
Die verworfene Liebe (Ich habe genug.)
Abschied von seiner ungetreuen Liebsten (Wie gedacht)
An die Liebe (Wo, Amor, kommst du denn erst heute)



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Auf die Verstellung derer Frauenzimmer (Mägdgens, stellt euch nicht so spröde)
Lob des Winters (Verzeiht, ihr warmen Frühlingstage)
Der von der Weisheit gefundene und belohnte Fleiß (Die Weisheit ging jüngsthin spazieren)
Als er sich über den Eigensinn der heutigen Welt beklagte (Man muß doch mit den Wölfen heulen)
Als Herr T(obias) E(hrenfried) F(ritsche) (Viel Glücks zum neuen Meisterrechte!)
Auf des Herrn Christian Jacobi Symbolum: Spe et Silentio (Ich will schweigen. Mag’s doch sein)
Bußgedanken über den Zustand der Welt (Gerechter Gott, in was vor Zeiten)


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Sprecher, Gesang: Horst Schulze

Lieder und Gedichte von Johann Christian Günther (1695–1723)
Musikalische Vignetten, Begleitung: Jean Kurt Forest