Louis Fürnberg – Prosa und Lyrik
LP LITERA 8 65 284
Covertext:
In den hier ausgewählten Proben aus dem Werk Louis Fürnbergs vernimmt man keinen Dichter großer Töne, aber eine Stimme von einer persönlichen Ausstrahlung, der sich auch der noch Unvertraute kaum zu entziehen vermag. Fürnbergs Stärke liegt in der emotionsbetonten lyrischen Selbstaussage. Diese wird dort, wo der Dichter nicht ausdrücklich von sich selbst spricht, über die subjektive Beziehung zum Gegenstand vermittelt. Bekenntnishafter Ich-Gehalt und empirischer Weltgehalt verschmelzen miteinander, Privates und Gesellschaftliches erscheinen in ungewohnt enger Verschränkung. Das gilt für Verse und Prosaformen gleichermaßen.
Was diese Texte besonders anziehend und leicht zugänglich macht, ist die Art, in der sich der Autor stets an ein Gegenüber wendet, indem er sich als poetisches Ich artikuliert. Es sind Gesprächsanknüpfungen, die den Leser oder Zuhörer als mündige, eigenwertige Persönlichkeit einbeziehen. Der Dichter spricht zu ihm, unaufdringlich, aber nicht unverbindlich, wie ein Partner zum anderen. Und er vertraut nicht ohne Grund darauf, in ihm einen Gleichinteressierten und Gleichbemühten zu finden. Das gesprochene Wort – gesprochen vom Dichter selbst und einem kongenialen Interpreten – läßt diesen Grundgestus Fürnbergscher Dichtung noch weit ausgeprägter hervortreten als das nur gedruckte.
Fürnberg kommt aus einem Grenz- und Kontaktraum slawischer und westlich-europäischer Kultur, deutsch-österreichischer und tschechischer Nationalität. Er hat von daher im Geiste des Internationalismus Traditionselemente unterschiedlicher humanistischer Strömungen produktiv in sein Werk aufgenommen und weitervermittelt. Sein Weg in die „Zeit, wo alles neu beginnt und wo die Saaten alter Träume reifen“, führte durch entscheidungsschwere Krisen und Kämpfe des Epochenübergangs. Er war daran nicht allein mit seiner Arbeit als Schriftsteller beteiligt. Schon früh hatte er sich der Arbeiterbewegung angeschlossen und wirkte als Kommunist auch praktisch, mit dem Einsatz seiner ganzen Person dafür mit, daß die Menschen und Völker sich frei, einander helfend und achtend, zusammenfinden sollten. Daraus gewinnt sein literarisches Werk den Ausdruck der Echtheit. Wort für Wort und in jedem Ton – vom energischsten bis zum zärtlichsten – ist es in Dichtung übergegangenes wirkliches „gelebtes Leben“.
Am 24. Mai 1909, noch im Vielvölkergefängnis der österreichischen k.u.k. Monarchie, geboren, hatte Fürnberg Kindheit und Jugend in Karlsbad (Karlovy Vary) verbracht. Dort besuchte er das Gymnasium und begann in einer Porzellanfabrik eine Lehre als Kunstkeramiker, die er wegen einer Tuberkuloseerkrankung bald abbrechen mußte. Böhmen und Mähren bildeten inzwischen (nach dem 1. Weltkrieg) zusammen mit der Slowakei einen selbständigen Staat, die Tschechoslowakische Republik. Als Siebzehnjähriger wurde Fürnberg Mitglied der Sozialistischen Jugend und nahm am Streikkampf der Kaolinarbeiter teil. 1927 kam er nach Prag, wo er erste Gedichte in der deutschsprachigen bürgerlichen Presse zu veröffentlichen begann. Ein Jahr zuvor hatte er Rilke, der einen nachhaltigen Einfluß auf ihn ausübte, in der Schweiz besucht. Seit seinem Eintritt in die KPC (deutsche Sektion) 1928, arbeitete er bis 1939 für die Kommunistische Presse in Prag, wo er seit 1937 seinen ständigen Wohnsitz hatte. Mit der Arbeiterspieltruppe „Echo von links“, die er in Karlsbad gründete, erzielte er von 1932 bis 1936 bei zahlreichen Auftritten in vielen Orten des Landes und Reisen nach Moskau und Paris eine außerordentliche unmittelbare Wirksamkeit.
Im Februar 1939 erschien in Basel Fürnbergs lyrisches Prosabuch „Das Fest des Lebens, im März marschierte die Hitler-Wehrmacht in Prag ein. Nach mehrmonatiger Haft, während der er von den Nazis halb taub geschlagen wurde, wieder freigelassen, emigrierte er 1939 mit seiner Frau über Italien nach Jugoslawien, wo sein Sohn geboren wurde, und schließlich 1941 nach Palästina, wo er bis 1946 in Jerusalem im Exil lebte und neben reger politischer und kultureller Tätigkeit viele der Werke schrieb, die ihn bekannt machten (darunter die Gedichtsbände „Hölle, Haß und Liebe“, „Die spanische Hochzeit“, „Der Bruder Namenlos“, die „Mozart-Novelle“ und der autobiographische Roman „Der Urlaub“).
Nach der hindernisreichen Rückkehr in die CSR wurde er in Prag Korrespondent ausländischer kommunistischer Zeitungen und widmete sich der Wiederherstellung der abgebrochenen kulturellen Beziehungen zu den deutschsprachigen Ländern. Nach der Errichtung der volksdemokratischen Macht in Prag 1948 und der Gründung der DDR, war er von 1949 an Erster Botschafter der CSR in Berlin. 1952 wurde er nach Prag zurückgerufen, 1954 übersiedelte er nach Weimar, wo er das Amt des stellvertretenden Direktors der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur übernahm, und – trotz angegriffener Gesundheit – zahlreiche Verpflichtungen dazu. Seit 1955 war Fürnberg Mitglied der Deutschen Akademie der Künste, 1956 erhielt er einen Nationalpreis. Im Alter von 48 Jahren starb er am 23. Juni 1957 in Weimar an einem zweiten Herzinfarkt.
Die vorgetragenen Texte, ausnahmslos nach der Rückkehr aus dem Exil entstanden, geben Zeugnis von der reifen poetischen Kunst Fürnbergs. Es sind charakteristische, aus Lyrik und Prosa seines letzten Lebensjahrzehnts ausgewählte Arbeiten, Eigenart und Spannweite des Werkes kommen in ihnen dicht und eindrucksvoll zur Geltung.
Die Tondokumente (aufgenommen im Frühjahr 1957) mit den Prosastücken „Rübezahl“, „Skizze für einen Schnellzeichner“, „Herbstnachmittag im Büro“ (1983) und „Bachs Präludium und Fuge in C-dur“ (1948) geben eine Lesung des Dichters aus dem erst postum 1959 erschienenen Band „Das Jahr des vierblättrigen Klees“ wieder. Als Fürnberg starb, befand sich das Manuskript im Gepäck, das er für die Reise in eine Kur vorbereitet hatte, wo er es druckfertig zu machen hoffte. „Rübezahl“ führt „statt eines Vorworts“ in den sehr persönlichen Charakter dieses Erlebnis- und Bekenntnisbuches ein. In der „Skizze für einen Schnellzeichner“ wird man unschwer die Begegnung des Dichters mit seinem weitaus häufiger anzutreffenden Gegentyp erkennen.
Die Gedichte, die Wolfgang Heinz liest (1980 aufgenommen), sind den Sammlungen „Wanderer in den Morgen“ (1952), „Das wunderbare Gesetz“ (1956) und dem Nachlaß (gedruckt in Band 2 der Gesammelten Werke, 1964) entnommen. „Lange Reisenächte“ ist 1948 entstanden, alle anderen danach. Eine Reihe der bekanntesten. („Marx“, „Aber die Erde“, „Epilog“ und die beiden „Liebeslieder“) datieren vom August 1950 aus einem Kuraufenthalt Fürnbergs in Karlovy Vary. „Antonin Dvorak. Sonatine op. 100“ (1954) steht für eine ganze Gruppe von Gedichten Fürnbergs, die seine Liebe zur böhmischen Heimat, zu Landschaft seiner Kindheit bezeugen, zugleich – und untrennbar mit ihr verknüpft – sein inniges Verhältnis zur Musik.
Die Gedichte dieser letzten Schaffensperiode sind – nach Fürnbergs eigenen Worten „Liebeslieder auf die Erde“. Ihr Grundanliegen ist umfassende Weltaneignung und Vergewisserung des eigenen Daseinszusammenhangs in Natur und Gesellschaft. Fürnberg erscheint hier am ausgeprägtesten als er selbst – ein Dichter, der mit allen Fasern des Herzens dem Leben verbunden ist; der überströmt vom Glück des In-der-Welt-Seins, der dafür wirbt und streitet, der an den Gebrechen dieser Welt unsagbar leidet und der Mut macht, sich nicht mit ihnen abzufinden.

Henri Poschmann
|  Seite 1  |

Louis Fürnberg liest aus
„Das Jahr des vierblättrigen Klees“
(Historische Aufnahme 1957)

Rübezahl
Skizze für einen Schnellzeichner
Herbstnachmittag im Büro
Bachs Präludium und Fuge in C-dur


|  Seite 2  |

Wolfgang Heinz spricht Gedichte von Louis Fürnberg

Lange Reisenächte
Herbst
Antonin Dvorak. Sonatine op. 100

Antonin Dvorak:
Sonatine G-dur für Violine und Klavier op. 100
Aus dem 2. Satz (Larghetto)


Schön ist die Welt
Marx
Aber die Erde


Dvorak, op. 100: 3. Satz (Molto vivace)

Glorienreicher Sommernachmittag
Liebeslied („Tausend Dinge“)
Alt möcht ich werden
Und noch ein Frühlingslied


Dvorak, op. 100: Aus dem 4. Satz (Molto tranquillo)

Noch einmal
Der neue Odysseus
Liebeslied („Was weiß denn ich“)
Epilog


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Sprecher: Louis Fürnberg, Wolfgang Heinz

Jörg Hoffmann, Violine
Volkmar Lehmann, Klavier

Auswahl und Zusammenstellung: Romi Poschmann
Wortregie (Seite 2): Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt