Ludwig van Beethoven
Leben – Tausendmal leben

LP LITERA 8 60 055
Covertext:
Wien, am 16. November (1800?)
Mein guter Wegeler! ich danke Dir für den neuen Beweis Deiner Sorgfalt um mich, um so mehr, da ich es so wenig um Dich verdiene. Du willst wissen, wie es mir geht, was ich brauche; so ungern ich mich von dem Gegenstande überhaupt unterhalte, so thue ich es doch noch am liebsten mit Dir ...
Etwas angenehmer lebe ich jetzt wieder, indem ich mich mehr unter Menschen gemacht. Du kannst es kaum glauben, wie öde, wie traurig ich mein Leben seit 2 Jahren zugebracht; wie ein Gespenst ist mir mein schwaches Gehör überall erschienen, und ich floh die Menschen, mußte Misanthrop scheinen und bin’s doch so wenig. – Diese Veränderung hat ein liebes, zauberisches Mädchen hervorgebracht, das mich liebt, und das ich liebe; es sind seit 2 Jahren wieder einige selige Augenblicke, und es ist das erste mal, daß ich fühle, daß Heirathen glücklich machen könnte; leider ist sie nicht von meinem Stande – und jetzt – könnte ich nun freilich nicht heirathen; ich muß mich nun noch wacker herumtummeln. Wäre mein Gehör nicht, ich wäre nun schon lange die halbe Welt durchgereiset und das muß ich. – Für mich giebt es kein größeres Vergnügen, als meine Kunst zu treiben und zu zeigen. – Glaub’ nicht, daß ich bei euch glücklich sein würde. Was sollte mich auch glücklicher machen? Selbst eure Sorgfalt würde mir wehe thun, ich würde jeden Augenblick das Mitleiden auf euren Gesichtern lesen und würde mich nur noch unglücklicher finden. – Jene schönen vaterländischen Gegenden, was war mir in ihnen beschieden? Nichts, als die Hoffnung auf einen bessern Zustand; er wäre mir nun geworden – ohne dieses Uebel! O die Welt wollte ich umspannen von diesem frei! Meine Jugend, ja ich fühle es, sie fängt erst jetzt an; war ich nicht immer ein siecher Mensch? Meine körperliche Kraft nimmt seit einiger Zeit mehr als jemals zu und so meine Geisteskräfte. Jeden Tag gelange ich mehr zu dem Ziel, was ich fühle, aber nicht beschreiben kann. Nur hierin kann Dein Beethoven leben. Nicht’s von Ruhe! – ich weiß von keiner andern, als dem Schlaf, und wehe genug thut mir’s, daß ich ihm jetzt mehr schenken muß, als sonst. Nur halbe Befreiung von meinem Uebel, und dann – als vollendeter reifer Mann, komme ich zu euch, erneuere die alten Freundschaftsgefühle. So glücklich, als es mir hienieden beschieden ist, sollt ihr mich sehen, nicht unglücklich. – Nein, das könnte ich nicht ertragen, ich will dem Schicksal in den Rachen greifen; ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht. – O es ist so schön, das Leben, tausendmal leben; – Für ein stilles Leben, nein, ich fühl’s, ich bin nicht mehr dafür gemacht. – Du schreibst mir doch so bald, als möglich. – sei von der Freundschaft überzeugt Deines

Beethoven.


Dr. Franz Gerhard Wegeler, 1765, fünf Jahre vor Beethoven geboren, gilt als intimer Jugendfreund Beethovens. Seit frühester Jugend sind beide miteinander befreundet und erst Beethovens Tod setzt dieser persönlichen Bindung ein Ende.
Franz Wegeler, Hauslehrer der Kinder des einflußreichen Bonner Hofrates von Breuning, empfiehlt diesem Beethoven als Musiklehrer. Seitdem verbindet Beethoven eine herzliche Freundschaft mit der Familie Breuning, in derem Hause er jederzeit freundlich willkommen geheißen wird. Eleonore von Breuning, bis zu Beethovens Übersiedlung nach Wien dessen Schülerin, heiratet 1802 den Mediziner Franz Wegeler, der später als Professor der Medizin in Koblenz praktisch tätig ist. In den „Biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven“ veröffentlicht er 1834 Begebenheiten aus der gemeinsamen Bonner Jugendzeit.
Neben dem jungen Pfarrer Amenda ist Franz Wegeler der erste, dem Beethoven von seinem beginnenden Gehörleiden berichtet und dem er die Trostlosigkeit seiner Lage anvertraut: „Ich kann Dir sagen, ich bringe mein Leben elend zu, seit zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil’s mir nun nicht möglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgendein anderes Fach, so ging’s noch eher; aber in meinem Fach ist das ein schrecklicher Zustand.“
Das schwere Gehörleiden Beethovens geht allmählich in völlige Taubheit über, ohne daß die Ärzte die Ursachen dafür aufklären und diesem schrecklichen Vorgang Einhalt gebieten können. Niedergeschlagenheit und Verzweiflung, die Beethoven zu dieser Zeit begleiten, vermag ein „zauberisches Mädchen“, womit wahrscheinlich die Gräfin Giulietta Guicciardi gemeint sein wird, zu mildern, und der Wille zu leben, die Freude am Leben und dessen Schönheit übertönen und betäuben Krankheit, Schmerz und Schicksal. Außer in diesem Brief ist keine weitere Aufzeichnung Beethovens bekannt geworden, wo er von einem weiblichen Wesen schreibt: „... das mich liebt, und das ich liebe.“


(An die Unsterbliche Geliebte.) Am 6. juli Morgends
Mein Engel, mein alles, mein Ich. – nur einige Worte heute, und zwar mit Blejstift – (mit deinem) erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimmt, welcher Nichtswürdige Zeitverderb ... – warum dieser tiefe Gram, wo die Nothwendigkeit spricht – Kann unsere Liebe anders bestehn als durch Aufopferungen, durch nicht alles verlangen, Kannst Du es ändern, daß Du nicht gantz mein, ich nicht ganz dein bin – Ach Gott blick in die schöne Natur und beruhige Dein Gemüth ... – die Liebe fordert alles und gantz mit recht, so ist es mir mit Dir, Dir mit mir – nur vergißt du so leicht, daß ich für mich und für dich leben muß – wären wir gantz vereinigt, Du würdest dieses schmerzliche eben so wenig als ich empfinden – meine Reise war schrecklich – ich kam erst Morgens 4 Uhr gestern hier an, da es an Pferden mangelte, wählte die Post eine andere Reiseroute, aber welch schrecklicher Weg, auf der vorlezten Station warnte man mich bei nacht zu fahren, machte mich einen Wald fürchten, aber das reizte mich nur – – – – und ich hatte Unrecht, der wagen mußte bei dem schrecklichen Wege brechen, grundloß, bloßer Landweg, ohne solche Postillione, wie ich hatte, wäre ich liegen geblieben Unterwegs – Esterhazi hatte auf dem andern gewöhnlichen Wege hirhin dasselbe schicksaal mit 8 Pferden, was ich mit vier – jedoch hatte ich zum theil wieder Vergnügen, wie immer, wenn ich was glücklich überstehe. – nun geschwind zum innern vom äußern; wir werden unß wohl bald sehn, auch heute kann ich dir meine Bemerkungen nicht mittheilen, welche ich während dieser einigen Tage über mein Leben machte – – – – währen unsre Herzen immer dicht on einander, ich machte wohl keine d. g. die Brust ist voll Dir viel zu sagen – – – – ach – – – – Es gibt Momente, wo ich finde, daß die Sprache noch gar nichts ist – erheitere Dich – bleibe mein treuer, eintziger schatz, mein alles, wie ich Dir das übrige müßen die Götter schicken, was für unß sejn muß und sein soll. –

Dein treuer ludwig. –


Abends Montags am 6 ten Juli
Du leidest du mein theuerstes Wesen – eben jetzt nehme ich wahr, daß die Briefe in aller Frühe aufgegeben werden müßen. Montags – Donnerstags – die eintzigen Tage wo die Post von hier nach K. geht – Du leidest – Ach, wo ich bin, bist auch Du mit mir, mit mir und Dir werde ich machen, daß ich mit Dir leben kann, welches Leben!!!! so!!!! ohne dich – verfolgt von der Güte der Menschen hier und da, die ich meine – eben so wenig verdienen zu wollen, als sie zu verdienen – Demuth des Menschen gegen den Menschen – sie schmerzt mich – und wenn ich mich im Zusammenhang des Universums betrachte, was bin ich und was ist der – den man den Größten nennt – und doch – ist wieder hierin das Göttliche des Menschen – ich weine wenn ich denke daß Du erst wahrscheinlich Sonnabends die erste Nachricht von mir erhältst – wie du mich auch liebst – stärker liebe ich dich doch – doch nie verberge dich vor mir – gute Nacht – ach Gott – so nah! so weit! ist es nicht ein wahres Himmelsgebäude, unsre Liebe – aber auch so fest, wie die Veste des Himmels. –


guten Morgen am 7. Juli -
schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig vom Schicksaale abwartend, ob es unß erhört-leben kann ich entweder nur gantz mit dir oder gar nicht, ja ich habe beschlossen in der Ferne so lange herum zu irren, bis ich in deine Arme fliegen kann, und mich ganz heimathlich bei dir nennen kann, meine Seele von dir umgeben ins Reich der Geister schicken kann ja leider muß es sejn – du wirst dich fassen, um so mehr da du meine Treue gegen dich kennst, nie eine andere kann mein Herz besitzen nie – nie – o Gott warum sich entfernen müßen, was man so liebt, und doch ist mein Leben ... so wie jetzt ein kümmerliches Leben – Deine Liebe machte mich zum glücklichsten und zum unglücklichsten zugleich – in meinen Jahren jetzt bedürfte ich einiger Einförmigkeit Gleichheit des Lebens – kann diese bei unserm Verhältniße bestehn? – Engel, eben erfahre ich, daß die Post alle Tage abgeht – ich muß daher schließen, damit Du den Brief gleich erhältst – sei ruhig, nur durch Ruhiges beschauen unseres Daseins können wir unsern Zweck zusammen zu leben erreichen – sej ruhig liebe mich – heute – gestern – welche Sehnsucht mit Thränen nach dir – dir – dir – mein Leben – mein alles – leb wohl – o liebe mich fort – verken(ne) nie das treuste Hertz

Deines Geliebten Ludwig

ewig Dein
ewig mein
ewig unß


In der Beethovenliteratur immer wieder abgedruckt, in jeder Biographie ist er enthalten: Der dreiteilige wundervollste und schönste aller Beethovenbriefe, die überströmende Liebeserklärung an die „Unsterbliche Geliebte“!
Dieser Brief, der seine Leser jedes Mal aufs neue ergreift, offenbart des Komponisten Leidenschaft, Weisheit und Liebestiefe. Im Sterbezimmer Beethovens, in einer geheimen Lade seines Schreibtisches zusammen mit Wertpapieren, fand man das mit Bleistift geschriebene Original. Bis heute ungeklärt blieb die Frage nach der Empfängerin dieser wunderbaren Zeilen. Umstritten ist ebenfalls die Datierung des Briefes. Wurde er von der Adressatin zurückgeschickt oder gar von Beethoven niemals abgeschickt? All diese Fragen vermag niemand mit Bestimmtheit zu klären. Ein Teil der Beethovenbiographen sehen in Giulietta Guicciardi die „Unsterbliche Geliebte“, jedoch kommen dafür auch Therese Malfatti und nach neuester Forschung eine der Schwestern Therese oder Josephine von Brunswick in Frage.


Heiligenstadt, am 6. Oktober 1802
Für meine Brüder Cart und (Johann) Beethoven. O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig, störrisch oder Misantropisch haltet oder erklärt, wie ungerecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet, mein Hertz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten datzu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von jahr zu jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überlick eines dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht jahre dauern oder gar unmöglich ist) getzwungen, mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen, wollte ich auch zuweilen mich einmal über alles das hinaussetzen, o wie hart wurde ich durch die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehörs dann zurückgestoßen, und doch war’s mir noch nicht möglich, den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schrejt, denn ich bin Taub, ach wie wär’s möglich, daß ich die Schwäche eines Sinnes angeben sollte, der bei mir in einem vollkommenem Grade als bei andern sein sollte, einen Sinn, den ich einst in der größten Vollkommenheit besaß, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige von meinem Fache gewiß haben noch gehabt haben – o ich kann es nicht, drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gern unter euch mischte doppelt wehe thut mir mein unglück, indem ich dabei verkannt werden muß, für mich darf Erholung in Menschlicher Gesellschaft, feinern Unterredungen, wechselseitige Ergießungen nicht statt haben, gantz allein fast und so viel als es die höchste Nothwendigkeit fordert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen, wie ein Verbannter muß ich leben, nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heiße Aengstlichkeit, indem ich befürchte in Gefahr gesetzt zu werden meinen Zustand merken zu laßen – so war es denn auch dieses halbe jahr, was ich auf dem Lande zubrachte von meinem vernünftigen Arzte aufgefordert, so viel als möglich mein Gehör zu schonen, kamm er fast meiner jetzigen Disposizion entgegen, obschon, vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingerissen, ich mich dazu verleiten ließ, aber welche Demüthigung, wenn jemand neben mir stand, und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten singen hörte, und ich auch nichts hörte solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig. und ich endigte selbst mein Leben – – – – – nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die welt eher zu verlassen, bis ich das altes hervorgebracht, wotzu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende – – – – wahrhaft elend, einen so reitzbaren Körper, daß eine etwas schnelle Verändrung mich aus dem besten Zustande in den schlechtesten versetzen kann – Geduld – so heißt es. Sie muß ich nun zur führerin wählen, ich habe es – – – – dauernd hoffe ich, soll mein Entschluß sein, auszuharren, bis es den unerbittlichen Partzen gefällt, den Faden zu brechen, vieleicht gehts besser, vieleicht nicht, ich bin gefaßt – – – – Schon in meinem 28sten jahre getzwungen Philosoph zu werden, es ist nicht leicht, für den Künstler schwerer als für irgend jemand – – – – Gottheit du siehst herab auf mein inneres, du kennst es, du weist, daß menschenliebe und neigung zum wohltun drin Hausen, o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht gethan, und der unglückliche, er tröste sich einen seines gleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch noch alles gethan, was in seinem Vermögen stand, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden – – – – ihr meine Brüder Carl und Johann sobald ich tod bin und Professor schmid lebt noch, so bittet ihn in meinem Namen, daß er meine Krankheit beschreibe. und dieses hier geschriebene Blatt füget ihr dieser meiner Krankengeschichte bej, damit wenigstens so viel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde – – – – Zugleich erkläre ich euch beide für die Erben des kleinen Vermögens (wenn man es so nennen kann) von mir. Teilt es redlich und vertragt und helft euch einander, was ihr mir zuwider gethan, das wist ihr, war euch schon längst verziehen, dir Bruder Carl, danke ich noch insbesondere für deine in dieser letzten späteren Zeit mir bewiesene Anhänglichkeit. Mein Wunsch ist, daß euch ein besseres sorgenloseres Leben als mir, werde, emphelt euren Kindern Tugend, sie allein nur kann glücklich machen, nicht Geld, ich spreche aus Erfahrung, sie war es, die mich selbst im Elend gehoben, ihr danke ich, nebst meiner Kunst, daß ich durch keinen selbstmord mein Leben endigte, – lebt wohl und liebt euch, – allen Freunden danke ich, besonders fürst Lichnowski und Professor Schmidt – – – – die Instrumente von fürst Lichnowski wünsche ich, daß sie doch mögen aufbewahrt werden bei einem von euch doch entstehe deswegen kein streit unter euch, sobald sie euch aber zu was nützlicherm dienen können, so verkauft sie nur, wie froh bin ich, wenn ich auch noch unter meinem Grabe euch nützen kann – – – –
so wär’s geschehen: – – – – mit freuden eile ich dem Tode entgegen. – Kömmt er früher als ich Gelegenheit gehabt habe, noch alle meine Kunst-Fähigkeiten zu entfalten, so wird er mir trotz meinem Harten Schicksaal doch zu frühe kommen, und ich würde ihn wohl später wünschen – doch auch dann bin ich zufrieden, befreit er mich nicht von einem endlosen Leidenden Zustande? – Komm wann du willst, ich gehe dir muthig entgegen – lebt wohl und vergeßt mich nicht gantz im Tode, ich habe es um euch verdient, indem ich in meinem Leben oft an euch gedacht, euch glücklich zu machen, seid es – – – – –

Ludwig van Beethoven


Heiligenstadt am 10ten october 1802
so nehme ich den Abschied von dir – und zwar traurig – ja die geliebte Hofnung – die ich mit hierher nahm, wenigstens bis zu einem gewissen Punkte geheilet zu sein, sie muß mich nun gäntzlich verlassen, wie die Blätter des Herbstes herabfallen, gewelkt sind, so ist – auch sie für mich dürr geworden, fast wie ich hierher komm, gehe ich fort – selbst der Hohe Muth, der mich oft in den Schönen Sommertagen beseelte, – er ist verschwunden – o Vorsehung, – laß einmal einen reinen Tag der Freude mir erscheinen – so lange schon ist der wahren Freude inniger widerhall mir fremd – o wann o wann, o Gottheit – kann ich im Tempel der Natur und der Menschen ihn widerfühlen – Nie – – – Nein – – – – es wäre zu hart –


Im Herbst 1802 befindet sich Beethoven am Rande der Verzweiflung, er ringt mit Todesgedanken und schreibt in Heiligenstadt, einem lieblichen Städtchen wo er gern im Sommer weilte, das an seine Brüder gerichtete Testament, die erschütternde Beichte einer leidenden und dennoch sieghaften Seele. Die zunehmende Ertaubung, das unabwendbare Schicksal traf Beethovens Lebensnerv, und die dadurch verursachten inneren Kämpfe finden in dem erschütternden Dokument Ausdruck. Die letzte Hoffnung auf Heilung seines Leidens schwand, und Beethoven war nahe daran, seinem Leben selbst ein Ende zu bereiten. Jedoch der mächtige Wille Beethovens blieb Sieger über Leiden, Verzweiflung und Resignation. Dieses ergreifende Schriftstück, von ihm bis zum Tode aufbewahrt, zeugt von Beethovens Herzensgüte, edler Menschlichkeit und Charaktergröße.
An Bettina Brentano.


An Bettina Brentano. Wien, 11. August 1810
Theuerste Bettine!
Kein schönerer Frühling als der heurige, das sage ich und fühle es auch, weil ich Ihre Bekanntschaft gemacht habe. Sie haben wohl selbst gesehen, daß ich in der Gesellschaft bin wie ein Fisch auf dem Sand, der wälzt sich und wälzt sich und kann nicht fort, bis eine wohlwollende Galathee ihn wieder ins gewaltige Meer hineinschafft. Ja ich war recht auf dem Trockenen, liebste Bettine, ich ward von Ihnen überrascht in einem Augenblick, wo der Mißmuth ganz meiner Meister war, aber wahrlich er verschwand mit Ihrem Anblick, ich hab’s gleich weggehabt, daß Sie aus einer andern Welt sind als aus dieser absurden, der man mit dem besten Willen die Ohren nicht aufthun kann. Ich bin ein elender Mensch, und beklage mich über die andern!! – Das verzeihen Sie mir wohl, mit Ihrem guten Herzen, das aus Ihren Augen sieht, und mit Ihrem Verstand, der in Ihren Ohren liegt; zum wenigsten verstehen Ihre Ohren zu schmeicheln, wenn sie zuhören. Meine Ohren sind leider, leider eine Scheidewand, durch die ich keine freundliche Communikation mit Menschen leicht haben kann. Sonst! – vielleicht! – hätte ich mehr Zutrauen gefaßt zu Ihnen. So konnt ich nur den großen gescheiten Blick Ihrer Augen verstehen und der hat mir zugesetzt, daß ich’s nimmer mehr vergessen werde. – Liebe Bettine, liebstes Mädchen! – die Kunst! – Wer versteht die, mit wem kann man sich bereden über diese Göttin! – (– – –) Wie lieb sind mir die wenigen Tage, wo wir zusammen schwatzten oder vielmehr correspondirten, ich habe die kleinen Zettel alle aufbewahrt, auf denen Ihre geistreichen lieben, liebsten Antworten stehen So habe ich meinen schlechten Ohren doch zu verdanken, daß der beste Theil dieser flüchtigen Gespräche aufgeschrieben ist. Seit Sie weg sind, habe ich verdrießliche Stunden gehabt, Schattenstunden, in denen man nichts thun kann; ich bin wohl an drei Stunden in der Schönbrunner Allee herum gelaufen, als Sie weg waren, und auf der Bastey; aber kein Engel ist mir da begegnet, der mich gebannt hätte wie Du Engel, – verzeihen Sie, liebste Bettine, diese Abweichung von der Tonart; solche Intervalle muß ich haben, um meinem Herzen Luft zu machen. Und an Göthe haben Sie von mir geschrieben, nicht wahr? – daß ich meinen Kopf möchte in einen Sack stecken, wo ich nichts höre und nichts sehe von allem was in der Welt vorgeht, weil Du, liebster Engel, mir doch nicht begegnen wirst. Aber einen Brief werd ich doch von Ihnen erhalten? – die Hoffnung nährt mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich hab sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt, was wäre sonst mit mir geworden? – Ich schicke hier mit eigner Hand geschrieben: „Kennst du das Land“ als eine Erinnerung an die Stunde, wo ich Sie kennenlernte, ich schicke auch das andere, was ich komponirt habe, seit ich Abschied von dir genommen habe, liebes, liebstes Herz! –
Herz mein Herz was soll das geben,
Was bedränget dich so sehr;
Welch ein fremdes, neues Leben
Ich erkenne dich nicht mehr.
Ja, liebste Bettine, antworten Sie mir hierauf, schreiben Sie mir, was es geben soll mit mir, seit mein Herz ein solcher Rebelle geworden ist. Schreiben Sie Ihrem treusten Freund

Beethoven.


An Bettina von Arnim. Teplitz, August 1812
Liebste, gute Bettine!
Könige und Fürsten können wohl Professoren machen und Geheimräthe und Titel und Ordensbänder umhängen, aber große Menschen können sie nicht machen, Geister die über das Weltgeschmeiß hervorragen, das müssen sie wohl bleiben lassen zu machen, und damit muß man sie in Respekt halten; wenn so zwei zusammenkommen wie ich und Göthe, da müssen diese großen Herren merken, was bei unser einem als groß gelten kann. Wir begegneten gestern auf, dem Heimweg der ganzen Kaiserlichen Familie, wir sahen sie von weitem kommen, und der Göthe machte sich von meiner Seite los, um sich an die Seite zu stellen, ich mochte sogen, was ich wollte, ich konnte ihn keinen Schritt weiter bringen, ich drückte meinen Hut auf den Kopf, knöpfte meinen Oberrock zu und ging mit untergeschlagenen Armen mitten durch den dicksten Haufen – Fürsten und Schranzen haben Spalier gemacht, der Herzog Rudolph hat vor mir den Hut abgezogen, die Frau Kaiserin hat gegrüßt zuerst. – Die Herrschaften kennen mich. – Ich sah zu meinem wahren Spaß die Prozession an Göthe vorbei defiliren. Er stand mit abgezogenem Hut tief gebückt an der Seite. Dann habe ich ihm noch den Kopf gewaschen, ich gab kein Pardon und hab’ ihm all seine Sünden vorgeworfen, am meisten die gegen Sie, liebste Bettine, wir hatten gerade von Ihnen gesprochen. Gott! hätte ich eine solche Zeit mit Ihnen haben können wie der, das glauben Sie mir, ich hätte noch viel, viel mehr Großes hervorgebracht. Ein Musiker ist auch ein Dichter, er kann sich auch durch ein paar Augen plötzlich in eine schönere Welt versetzt fühlen, wo größere Geister sich mit ihm einen Spaß machen und ihm recht tüchtige Aufgaben machen. Was kam mir nicht alles in den Sinn, wie ich dich kennen lernte, auf der kleinen Sternwarte während des herrlichen Mairegens, der war ganz fruchtbar auch für mich, die schönsten Themen schlüpften damals aus Ihren Blicken in mein Herz, die einst die Welt noch entzücken sollen, wenn der Beethoven nicht mehr dirigirt. Schenkt mir Gott noch ein paar Jahre, dann muß ich Dich wiedersehen, liebe, liebe Bettine, so verlangt’s die Stimme, die immer Recht behält in mir. Geister können einander auch lieben, ich werde immer um den Ihrigen werben, Ihr Beifall ist mir am liebsten in der ganzen Welt. Dem Göthe habe ich meine Meinung gesagt, wie der Beifall auf unser einen wirkt, und daß man von seines Gleichen mit dem Verstand gehört sein will; Rührung paßt nur für Frauenzimmer (verzeih mir’s), dem Mann muß Musik Feuer aus dem Geist schlagen. Ach liebstes Kind, wie lange ist’s schon her, daß wir einerlei Meinung sind über alles!!! Nichts ist gut, als eine schöne gute Seele haben, die man in allem erkennt, vor der man sich nicht zu verstecken braucht. Man muß was sein, wenn man was scheinen will, die Welt muß einen erkennen, sie ist nicht immer ungerecht. Daran ist mir zwar nichts gelegen, weil ich ein höheres Ziel habe. – In Wien hoffe ich einen Brief von Ihnen, schreiben Sie bald, bald und recht viel, in 8 Tagen bin ich dort, der Hof geht morgen, heute spielen sie noch einmal. Er hat der Kaiserin die Rolle einstudirt, sein Herzog und er wollten, ich soll was von meiner Musik aufführen, ich habe beiden abgeschlagen, sie sind beide verliebt in chinesisch Porzellan, da ist Nachsicht von Nöthen, weil der Verstand die Oberhand verloren hat, aber ich spiele zu ihren Verkehrtheiten nicht auf, absurdes Zeug mache ich nicht auf gemeine Kosten mit Fürstlichkeiten, die nie aus der Art Schulden kommen.
Adieu, Adieu Beste, dein letzter Brief lag eine ganze Nacht auf meinem Herzen und erquickte mich da, Musikanten erlauben sich alles.
Gott wie liebe ich Sie!
Dein treuester Freund und tauber Bruder

Beethoven.“


Bettina Brentano, die 1811 Achim von Arnim heiratete, trat als Vermittlerin zwischen Beethoven und Goethe auf, besaß sie doch zeitweise sogar die Zuneigung beider Meister. Sie suchte Beethoven in Wien auf und berichtete Goethe von jener Begegnung, die sie 1835 in ihrem „Briefwechsel Goethes mit einem Kinde“ festhielt: „Wie ich diesen sah, von dem ich Dir, jetzt sprechen will, da vergaß ich der ganzen Welt ... Es ist Beethoven ... Kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht, daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven ... Ich irre darum nicht, wenn ich ausspreche (was jetzt vielleicht keiner versteht und glaubt), er schreite weit der Bildung der ganzen Menschheit voran.“
Goethe wurde von Beethoven als größter zeitgenössischer Dichter bewundert. 1812 endlich trafen beide während eines Badeaufenthaltes mehrmals in Teplitz zusammen, aber die gegenseitige Hochachtung litt unter ihren grundverschiedenen Charakteren. Beethoven verzieh Goethe dessen Diensteifrigkeit dem Adel gegenüber nicht und Goethe überraschte Beethovens „ganz ungebändigte Persönlichkeit“.
Brief „An Dr. Franz Wegeler“
Brief „An die Unsterbliche Geliebte“
Klaviersonate cis-moll op. 27 Nr. 2
(Sonata quasi una fantasia)
Heiligenstädter Testament
Brief „An Bettina Brentano“
Brief „An Bettina von Arnim“
Friedrich Schiller
Ode an die Freude
Aus dem Schlußsatz
der Sinfonie Nr. 9 d-moll op. 125

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Sprecher: Hans Hildebrandt, Renate Thormelen

Klavier: Dieter Zechlin
Regie: Renate Thormelen
Zusammengestellt von Dr. S. Köhler