Märchen aus aller Welt
LP LITERA 8 60 073
Covertext:
Man schreckt oft davor zurück im Märchen mehr als „nur Unterhaltung“ sehen zu sollen. Und doch ist es so. Die Märchen sind, wie jede echte Dichtung, eben mehr als nur „Kinderpossen, erdichtete Histörgen Weibermährlein und Ammengeschichten“, als die man sie jahrhundertelang verspottete. Ja, die Märchen sind Schöpfungen der Fantasie. Aber die Fantasie schafft nichts willkürlich. Die Bilder und die Folgen eines Geschehens, die sie schaut und dann ineinander verwebt, entspringen dem Erleben des Menschen, und sie entsprechen diesem Erleben. Und weil die wirklichen Erfahrungen, die inneren wie die äußeren die Entwicklungen der Menschen und ihrer Umgebung und die entscheidenden Erlebnisse bei allen Völkern und bei jedem Menschen in ihren Grundzügen dieselben sind, gleichen sich auch die Märchen aller Völker, und jeder Mensch – und vor allem auch das Kind – fühlt sich von ihnen berührt, angesprochen.

Fragen wir nach dem Grund für die starke Anziehung, die das Märchen ausübt, so ist es wohl vor allem die Bildkraft, mit der innere und äußere Vorgänge dargestellt sind. Die Figuren des Märchen sind ja, wenn man es genau besieht, gar keine wirklichen Menschen von Fleisch und Blut, und ihre Umgebung, d. h. die Welt in der sie leben, ist eigentlich nicht die wirkliche Welt. Gute und Böse stehen sich gegenüber, Arme und Reiche, Faule und Fleißige, Häßliche und Schöne, aber alle diese Eigenschaften stehen für das Prinzip schlechthin: Die Guten sind das Gute, die Bösen das Böse in der Welt, und wenn ein Bösewicht seiner gerechten Strafe zugeführt wird, so bedeutet das die Überwindung des Bösen, Häßlichen, Schlechten, und wenn der Held seine Belohnung erhält, so ist damit der Glaube an den Sieg des Guten und Schönen gemeint. Und mögen sich die Märchen noch so sehr voneinander unterscheiden – eines ist ihnen allen gemeinsam: Das Streben nach dem Lichten, der Kampf mit dem Dunkel, die Erlösung des Verwunschenen aus dem Zerrbild zur ursprünglichen, reinen Gestalt, die Vermählung mit dem Schönen steht im Mittelpunkt ihrer Handlungen. Das ist es auch, was sie als Erziehungsmittel unentbehrlich werden ließ.

Ein Kind kann noch nicht begreifen, daß Gutes und Böses oft eng miteinander verwandt sind, daß es tausend Zwischenstufen zwischen Gut und Böse gibt – aber es begreift sehr wohl, daß Gutsein belohnt und Bösestun bestraft werden muß. Diesem Moralempfinden kommt aber gerade das Märchen mit seiner Hell-Dunkel-Gegenüberstellung entgegen, wenn auch oft das Strafmaß für böse Taten unnatürlich grausam erscheinen mag – weniger in den Märchen anderer Länder als vielmehr in den Grimmschen Märchen. Die Brüder äußerten sich auch einmal dazu: „Nichts Besseres kann uns verteidigen“, heißt es in der Vorrede zum 2, Band der Kinder und Hausmärchen „als die Natur selber, welche diese Blumen und Blätter in solcher Farbe und Gestalt hat wachsen lassen; wem sie nicht zuträglich sind, nach besonderen Bedürfnissen, der kann nicht fordern, daß sie deshalb anders gefärbt und geschnitten werden sollen. Oder auch, Regen und Tau fällt als eine Wohltat für uns auf alles herab, was auf der Erde steht; wer seine Pflanzen nicht hineinzustellen getraut, weil sie zu empfindlich sind und Schaden nehmen könnten, sondern lieber in der Stube mit abgeschrecktem Wasser begießt, wird doch nicht verlangen, daß Regen und Tau darum ausbleiben sollen. Gedeihlich aber kann alles werden, was natürlich ist, und danach sollen wir trachten.“

Ursprung und Entstehungszeit der Märchen liegen im Dunkel der Vorgeschichte oder – wenn man so will – in der Kinderzeit der Menschheit. Sie haben die Menschen durch die Jahrtausende hindurch auf ihrem Wege begleitet, geliebt und verspottet, gering geachtet und hoch geschätzt. Sie sind nicht immer unabhängig voneinander in jedem Volke neu entstanden. So, wie die Märchen von Mensch zu Mensch wanderten, so wanderten sie auch von Volk zu Volk, über die Grenzen der Länder und der Sprachen, über die Weltmeere hinweg – getragen durch Handwerksburschen (die dann oft selbst die Helden ihrer Märchen sind), durch Söldner durch wandernde Spielleute und Märchenerzähler, durch weitgereiste Kaufleute und Missionare, die sie aus fernen Ländern mitbrachten. Geht man diesen Spuren einmal nach, so zeigt es sich, daß sie überall aufgenommen und weiterverbreitet wurden; selbst dann, wenn das Volk seine eigenen Märchen gebildet hatte, nahm es dankbar auf, was ihm von außen her zuströmte. Und solange die Menschen das Buch nicht kannten, wurden sie nicht müde, sich Märchen erzählen zu lassen, immer wieder dieselben und immer wieder andere. Und so ist es bis heute geblieben.

Nur ist es nicht mehr das Buch allein, das uns mit den Märchen bekannt macht: Schallplatte, Film, Funk und Fernsehen - das heißt also, die Technik hat sich eingeschaltet, und so ist es sogar wieder möglich geworden, sich Märchen erzähen zu lassen.

Auf dieser Schallplatte lernen wir Märchen anderer Völker kennen, nachdem uns auf den beiden vorangegangenen Platten die bekanntesten Märchen der Brüder Grimm vorgestellt wurden.

Ein japanisches Marchen – „Das Geschenk des Zauberers“ – erzählt von einem kleinen Jugen, der das letzte Stückchen Brot mit einem alten Mann teilt und dafür von ihm eine Mühle geschenkt bekommt, die sein Leben und das seiner Mutter zum Guten verändert; das chinesisch-vietnamesische Märchen von der „Goldenen Axt“, in dem der junge Kiu Sung eine schwere Probe bestehen muß, um glücklich zu werden und in dem der reiche böse Gutsbesitzer für seine Hartherzigkeit und seinen Geiz bestraft wird; das sibirische Märchen vom „Tapferen Asmun“, der auszieht, um den Herrn des Meeres zu wecken und schließlich das Märchen vom „Katzenhaus“, das der sowjetische Dichter Samuil Marschak aufgeschrieben hat und in dem er von der hochmütigen Katzendame Koschka erzählt, die lernen muß, daß gute Freunde in der Not selten sind.

Mögen diese Märchen aus aller Welt ebenso freundlich aufgenommen werden wie die Märchen der Brüder Grimm.

Hannelore
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DAS GESCHENK DES ZAUBERERS


Nama - ein kleiner japanischer Junge
Hina - seine Mutter: Ellinor Vogel
Schuma - deren Schwester: Ingeborg Werzlau
Izumo - Diener bei Schuma: Robert Assmann
Zauberer: Walter Niklaus

Erzählerin: Ingeborg Medschinski

nach einem japanischen Märchen
für die Schallplatte bearbeitet von Charlotte Benz

Musik: Hans-Joachim Geisthardt
Instrumentalgruppe
Leitung: Hans-Joachim Geisthardt

Regie: Werner Hoffmann

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DIE GOLDENE AXT

Erzähler: Gerhard Schulz
Der junge Kiu Sung: Arno Wyzniewski
Der reiche Gutsbesitzer Wang Dschong:  
Maximilian Larsen
Der gute Berggeist: Friedrich Links


nach alten chinesisch-vietnamesischen Märchenmotiven
frei erzählt von Ursula Kroszewski

Musik: Ernst-Peter Hoyer
Instrumentalgruppe
Leitung: Gerhard Bautzmann

Regie: Theodor Popp

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DAS KATZENHAUS

Erzähler: Rudolf Christoph
Fürstin Koschka -  
alte vornehme Angorakatze:
Ellinor Vogel
Ihr Hausdiener - Kater Wasja: Walter Richter-Reinick
Zwei Waisenkinder - junge Katzen: B. Witte, M. Hübner
Herr Bockowitsch - alter Ziegenbock: Robert Assmann
Seine Frau - alte Ziege: Regine Toelg
Baron von Hahn: Wolf von Beneckendorff
Seine Frau - fette Henne: Grete Böhme
Nachbarin - dickes Schwein: Georgia Kullmann


Märchenspiel in Versen von Samuil Marschak
Nachdichtung von Martin Remane

Musik: Ernst-Peter Hoyer
Instrumentalgruppe
Leitung: Siegfried Enders

Regie: Theodor Popp

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DER TAPFERE ASMUN

Erzähler: Gerhard Murche
Asmun: Reinhard Michalke
Pletun: Hans Anklam
Tairnads: Maximilian Larsen
Möwe: Sylva Schüler
Stimme der Heimaterde: Berti Deutsch


aus „Kile Bamba und der Recke Lotsche und
andere Märchen vom Amur“ von Dmitri Nagischkin
für die Schallplatte bearbeitet von Brigitte Wicht

Musik: Ernst-Peter Hoyer
Instrumentalgruppe
Leitung: Gerhard Bautzmann
Mitglieder des Großen Chors des Berliner Rundfunks und
Kinderchor des Klubhauses der Eisenbahner

Regie: Theodor Popp