Monolog über die Liebe
LP LITERA 8 65 191
Covertext:
Sprechen Sie darüber? Über die Liebe, meine ich. Lieben Sie Gedichte? Liebesgedichte und Lieder? Sprechen wir doch mal darüber!

Monolog heißt Anrede, Fürsprache, Widerrede … Versprechen …

Fragen wir Sonja Kehler: Was versprechen uns die Titel und Namen dieser Platte?

Geschichten vom Heute. Die Gegenwart als sehr poetisches Ereignis.

Alltägliche Dinge?

Manches alte Wort will neu gehört sein. Neue Töne wollen zweimal klingen. Und brauchen den, der sich aufmacht im Alltag das Schöne zu suchen. Unterwegs nach den Landschaften der Liebe …

Nachher würden wir gem mehr von Ihnen erfahren. Dürfen wir?

Aber ja! Auch zwischendurch, wenn Sie wollen.

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Was hier gesungen, gesprochen, gespielt wird, lädt zum Verweilen ein. Gefangen nimmt der ursprüngliche Reiz des Gedichts, das uns meint wenn es vom Anderssein des neuen Tages spricht. Dahinter wird ein Engagement spürbar: für das Persönliche – wider die Unverbindlichkeit.

Ja, ich mag diese Lyrik. Ich lese gern Gedichte … Brecht, Sarah Kirsch, Becher, … Mich interessiert daran die Haltung, das Bekenntnis.

Bekenntnis wozu?

Zum Leben, zur Liebe – im, weitesten und im engsten Sinne.

Sehr oft beziehen Sie die Musik in dies Bekenntnis mit ein. Wenn Sie sich nach neuen Texten umsehen: haben Sie beim Lesen schon musikalische Vorstellungen?

Bei manchen Gedichten singt’s. Dann kann ich die Komponisten verführen. Bei ihnen singt’s dann auch. Die meisten von diesen Liedern wurden ja für mich geschrieben: Katzer, Medek, Jung, Schmitz haben schon richtige Verdienste. Ja – eigentlich ist auch das reine Sprechen für mich ein höchst musikalischer Vorgang.

Aus Ihrem großen Repertoire in Haltung und Handschrift sehr verschiedenartiger Lieder und Texte weisen Sie nur einen bestimmten Ausschnitt vor …

Es ging uns nicht um ein Porträt, kein Von-bis-Vorführen dessen, was die Kehler kann, sondern es ging um eine Auswahl, eingegrenzt auf eben dieses Thema Liebe. Hinzu kommt noch eine Beschränkung: auf die kleinste, intimste, die strengste Form. Ich glaube, diese Lieder, in denen die spontane Geste mit kompositorischer Exaktheit korrespondiert und beides dem Text untergeordnet ist sind typisch für unser 20. Jahrhundert. Eisler, Dessau. Wagner-Régeny gaben da vieles vor, was ihre Schüler heute weiterführen.

Wovon diese Auswahl beredtes Zeugnis gibt! Zwischen Brechts Liebesliedern und Maurers Dreistrophenkalender, da kommen freundliche und leichtfüßige, gewichtige und wehmütige Gedanken auf uns zu. Anklingen und nachschwingen lassen ist das zuerst Erreichbare.

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Vor kurzem war in einer Kritik zu lesen: Sie berichtet die Dinge gewissermaßen im Vorübergehen, kommt aber im Vorübergehen genau ans Ziel. – Das trifft die Besonderheit Ihrer Interpretationen. Was machen Sie eigentlich so Besonderes?

Ich bin als Schauspielerin zum Singen gekommen, – die Stücke, Brechts vor allem, verlangten es. Das begann schon während meines Studiums an der Theaterhochschule in Leipzig. Diese Art der Interpretation bedeutet, zunächst einmal präzise zu singen, was das Notenbild fordert, und dann alles zu tun, was man als Schauspieler gelernt hat. Kürzer weiß ich’s nicht zu sagen.

Ist das ein Patentrezept? Es dürfte doch oft komplizierter sein, vielschichtig.

Gute Gedichte und gute Vertonungen machen es leicht Wenn ich ihnen folge, stellt sich das Technische von selbst ein. Im Vorübergehen, im Mitgehen. Aber doch geht es immer um die Spannung zwischen Notentreue und Schauspielerei.

Wir hören hier von Ihnen kein Stück mit ausgesprochen virtuosem Charakter. Ist das Zufall?

Sängerische Artistik ist nicht meine Domäne, wenn ich auch sehr gern Lieder singe, die vom musikantischen Spaß leben: Die Sonne fährt am Himmel sacht oder: Trip, trip, trop zum Beispiel. Wichtig ist für mich ja vor allem, was ich sage, erzähle, besinge. Und die Glaubwürdigkeit des Interpreten ist entscheidend für’s Ankommen. Was da gesungen wird, muß wirklich dem geglaubt werden, der es singt.

Wer Sie von Bühne und Bildschirm her kennt, wird möglicherweise, wenn er die Schallplatte auflegt das Visuelle vermissen!

Glauben Sie mir: die Stimme ist ungeheuer wandlungsfähig und kann schauspielerisches Agieren ersetzen, ja oft sogar überflüssig machen. Die sichtbare Geste muß sich durch die Beherrschung der sprachlichen Mittel ergeben. Vielleicht betreibe ich hier auch alles intensiver …

Diese Lieder für Schauspieler verlangen nun auch vom Hörer das unmittelbare Mitgehen, sie kommen geradewegs auf uns zu.

Ja, das ist es, was ich erreichen will. Beschauliche Hingabe ist fehl am Platz und muß dem – oft zitierten, seltener gelungenen Spaß am Denken weichen. Der Hörer, jeder einzelne, wird mein Gesprächspartner.

Jetzt möchte ich es sogar gutheißen, daß wir nur Ihre Stimme haben. So nah können Sie uns nur in diesem intimen Dialog sein.

3

Werner Pauli, Sie arbeiten seit 1968 mit Sonja Kahler zusammen, haben seitdem eine Vielzahl von Konzerten in der Reihe Stunde der Musik gegeben – neben Rundfunkveranstaltungen, Fernsehsendungen und einer Menge anderer Gelegenheiten. Zum Gelingen bringen beide Partner ihr Kapital ein, was auch aus diesen Aufnahmen sehr deutlich herauszuhören ist. Brachten Sie auch besondere persönliche Ambitionen ins Spiel, als Sie an die Titelauswahl für die Schallplatte gingen?

Mir liegt sehr viel am Gitarrelied. Mir liegt auch sehr viel an der Tradition, die diese Musizierpraxis hat – von den Minstrels bis zur Romantik Webers. Besonders wichtig ist mir aber, die Formen zu pflegen und entwickeln zu helfen, die heute gültig sein können.

Nun sind hier auch reine Instrumentalstücke zu hören!

Das ist doch eine gleichberechtigte Form lyrischer Aussage. Wir halten es in unseren Programmen ebenso.

Aber es sind nicht nur neue, gegenwärtige Stücke, wie es bei den Gedichten und Liedern fast durchgängig der Fall ist. Robert de Visée, Frescobaldi …

In unserer eigenen Gitarrenliteratur vermisse ich noch die Spielfreudigkeit, die gute Virtuosität. Da fehlt es oft, bei allem Respekt vor kunstvollen Geweben, an poetischen Überhöhungen. Und was eigentlich ausschlaggebend ist: wir haben noch keine (oder zuwenig) dem Lied und Chanson adäquate Literatur. Solostücke also, die dem Anspruch der textgebundenen Kompositionen standhalten – verbindlich sind, ohne primitiv zu sein. Sie müssen ja hinführen zu dieser gesungenen und gesprochenen Lyrik.

Ist die Gitarre besonders geeignet für das Genre, das Sie beide hier vorführen?

Sie ist beweglich. Sie geht mit der Sängerin nach vorn. Oder sie tritt zurück – wie es das Lied jeweils verlangt.

Wie ist das mit der Partnerschaft? Fühlen Sie sich nur als Sonja Kehlers Begleiter?

Je mehr ich der echte Begleiter bin, desto mehr werde ich dabei der echte Partner, der Teilhaber – wie es ja wörtlich heißt. Das bezieht die Programmauswahl ebenso mit ein. Für diese Platte fühlten wir uns beide zu gleichen Teilen verantwortlich, wählten wir doch aus unserem gemeinsamen Repertoire. Da gab es natürlich auch Auseinandersetzungen, jeder hatte sein Für und Wider zu verteidigen.

Sieht man den Ausgang, dürfte das nichts Schlechtes gewesen sein! Denn was wir hier gesungen, gesprochen, gespielt hören, zeigt sich als wohlausgewogenes Ganzes mit einer erfrischenden Vielfalt von Stimmungen, Aussagen und Charakteren.

Dürfen wir Ihnen beiden noch einmal zuhören?

Aber bitte! Legen Sie nur auf.

Die Gespräche führte Helge Jung.


Sonja Kehler verfügt über eine herbschöne wandlungsfähge Stimme, wohlfundiert in der Tiefe und bis in erstaunliche Höhe ausdrucksvoll moduliert. (Neue Zeit, 1971)

Konsequent bleibt Sonja Kehler in ihrem stimmlichen wie darstellerischen Gestus immer auf dem Ausgangsboden des Schauspielerischen, meidet jede rein sängerische Ambition in genauer Kenntnis der Spezifik des Genres. (Leipziger Volkszeitung, 1972)

Das Lied erscheint die ganze Zeit von vollem Bewußtsein durchdrungen. Sie weiß, was sie singt und sie versteht auch, ihren Zuhörern das verständlich zu machen. (Helsingin Sanomat, 1972)

… Wie überhaupt die leisen Töne, verhaltener Charme, Innigkeit gelegentlich auch gepaart mit leiser Ironie, ihre eigentlichen Domänen zu sein scheinen. (Der Morgen, 1971)
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Das Lied vom Anderssein
Text: Johannes R. Becher
Musik: Helge Jung

Trip, trip, trop
Text: Peter Hacks
Musik: Manfred Schmitz
Bearbeitung: Werner Pauli

Schön bist du, Sommer
Text: Johannes R. Becher

Aria con Variazioni
Komposition: Girolamo Frescobaldi

Drachenlied
Text: Bertolt Brecht
Musik: Rudolf Wagner-Régeny
Bearbeitung: Werner Pauli

Vom Kind, das sich nicht waschen wollte
Text: Bertolt Brecht
Musik: Paul Dessau

Mittags
Text: Georg Maurer
Musik: Tilo Medek

Bei Tisch
Text: Georg Maurer

Fünf Kiesel im Bach
Text: Rose Nyland
Musik: Wolfgang Dehler
Bearbeitung: Tilo Medek

Als ich nachher von dir ging
Text: Bertolt Brecht
Musik: Paul Dessau

Wenn du mich lustig machst
Text: Bertolt Brecht

Sieben Rosen hat der Strauch
Text: Bertolt Brecht
Musik: Paul Dessau

Rosenlied
Komposition: Tilo Medek

Ich liebe dich
Text: Johannes R. Becher

Ach, dummes Herz
Text: Johannes R. Becher
Musik: Georg Katzer

Bitte der Kinder
Text: Bertolt Brecht
Musik: Paul Dessau


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Courante
Komposition: Robert de Visée

Mein Liebster hat mein Herz
Text nach einem altenglischen Volkslied

Abendlied
Text: Rainer Kirsch
Musik: Klaus Schneider
Bearbeitung: Werner Pauli

Daß zwei sich herzlich lieben
Text: Hermann Claudius
Musik: Helge Jung
Bearbeitung: Werner Pauli

Choros
Komposition: Heitor Villa-Lobos

Der Himmel schuppt sich
Text: Sarah Kirsch

Birnbaumlied
Text: Erwin Strittmatter
Musik: Werner Pauli

Ein Jüngling liebt ein Mädchen
Text: Heinrich Heine

Müller und Mädchen
Volkslied
Bearbeitung: Werner Pauli

Capriccio
Komposition: Werner Pauli

Die Sonne fährt am Himmel sacht
Text: Wolfgang Tilgner
Musik: Manfred Schmitz
Bearbeitung: Werner Pauli

Woher sind wir geboren
Text: Johann Wolfgang Goethe

Ich glaube an das Menschenkind
Text: Georg Maurer
Musik: Tilo Medek

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Gesang, Sprecherin: Sonja Kehler

Werner Pauli, Gitarre
Regie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt