Mutter kommt zu spät
oder: Das Verhängnis der Müllerstochter


von Gerhard Branstner

LP LITERA 8 65 435
Covertext:
Gerhard Branstner wohnt in der Berliner Friedrichstraße, im Zentrum. Er brauche das, sagt er, die Verlagshäuser in der Nähe, die Theater, alles zu Fuß. Auch das Fischgeschäft, den Fleischer, den Laden, wo es Rotwein gibt, und den Bäcker. Die lärmende Stadt stört ihn nicht, sie hüllt ihn ein, da fühlt er sich immer mitten drin. Besucher sind willkommen, Branstner will Kontakte, er ist mitteilsam, und wenn er in Fahrt ist, ist die letzte Straßenbahn kein Argument ...

Er wurde 1927 im thüringischen Blankenhain geboren. Die Arbeiterfamilie legte sich mit Hitler an, Flugblätter und Nein-Stimme zur „Wahl“, in der Kleinstadt, das will was heißen. Man hält dicht und zusammen, kann sich aufeinander verlassen. Verläßlichkeit als hervorragende Eigenschaft und Familiensinn bezieht Gerhard Branstner aus Kindheitserlebnissen. Wenn er erzählt von seinen Thüringern, kommen verschmitzte Geschichten über verschmitzte kleine Leute heraus, die sich nicht unterbuttern lassen.

Er geht als Lehrling ins Rathaus, wird Soldat, kein guter, wie man sich leicht vorstellen kann, einer, der weiß, wie man in schlechten Zeiten mit dem Hintern an die Wand kommt. Nach dem Ende arbeitet er bei Bauern in Frankreich und Belgien, bis er sich 1947 auf den Weg macht nach Hause.

Im Rathaus sitzen neue Leute, die schicken ihn zur Arbeiter- und Bauernfakultät, zur ABF, die für solche wie ihn gegründet wurde. Philosophiestudium in Berlin, er wird Assistent, Dozent und schreibt eine Dissertation „Über den Humor und seine Rolle in der Literatur“. Da sieht man schon, woher der Wind weht. Vier Jahre braucht die Fakultät, um sich über die Doktorarbeit einig zu werden. „Wortgetreue Schüler sind im Ernstfall hilflos wie ein Kind“, meint Branstner und ändert kein Wort – die sollen sich ändern, denkt er. Sechs Professoren werden nacheinander bemüht; schließlich, 1963, erhält er ein „Sehr gut“. Aber da hat er die Uni schon hinter sich gelassen, ist Cheflektor beim Verlag Eulenspiegel/Neues Berlin. Das war geplant, sagt er: erst Philosophie, dann Verlag, bald habe ich alles zusammen, nun weiß ich, wie man Bücher machen kann und muß. 1968 steigt er folgerichtig ein in die Risiken freiberuflicher Schreiberei, und da ist er heute, noch.

Zahlreiche Bücher sind entstanden indessen, und wenn einer ruft: dieser Vielschreiber, antwortet er kalt: jeder schreibt, was er kann, und wer viel kann, schreibt viel. Außerdem wolle er praktisch erproben, was er sich ausgedacht hatte – die Anwendung seiner Theorie von der heiteren Verstellung auf alle nur möglichen literarischen Gattungen. Das ist fertig und gelungen, sagt er heute. Fertig ist er natürlich nicht, auch theoretisch nicht ... Ein Zitat sei erlaubt, auch für jene, die meinen, Branstner schwebe in den Wolken, er überliste die Gegenwart zugunsten beschwingter Sternträume: „Nichts zehrt so sehr an der Kraft der Menschen wie die kleinen Ärgernisse. Mangelndes gegenseitiges Verständnis, unbedachte Kritik, ausbleibende Anerkennung, ungeklärte Mißverständnisse und dergleichen machen in ihrer Summe eine Last aus, die den Menschen unmerklich, aber stetig niederdrückt. Es wäre von unschätzbarem Nutzen, da Abhilfe zu schaffen.“ Er versucht Abhilfe mit seinen Mitteln, mit seinen Fabeln zum Beispiel, „Der Esel als Amtmann“. Und stolz vermerkt er es, wenn die Von-Mund-zu-Mund-Verbreitung seiner Sprüche schneller wieder bei ihm anlangt als das Signalexemplar der nächsten Auflage vom Verlag.

Er hat Widerhall, wird gelesen und verstanden, hat das auch immer im Auge gehabt und notfalls mit dem pädagogischen Zeigefinger unterstrichen. Volkstümlich, schlicht wollte er sein von Anfang an. „Das Einfache schwerverständlich zu machen ist die Genialität der Dummköpfe.“ (Aus Heinfried Henningers Nachbemerkung zu „Handbuch der Heiterkeit“ von Gerhard Branstner)


„Es sollte ein Gesetz geben, das langweilige Redner verpflichtet, ihre Vorträge auf einem Bein stehend zu halten.“

„Mitunter machen wir so ungeschickte Fehler, daß wir nicht einmal etwas daraus lernen können.“

„Leider gibt es keine Scheuerfrauen der Geschichte, auch keine historische Müllabfuhr. Der ganze Dreck muß verarbeitet werden.“

„Humor hat, wer gleich lacht. Später lachen ist keine Kunst.“

„Wenn es in der Praxis geklappt hat, muß deshalb nicht immer die Theorie gestimmt haben.“
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Entree

Freue dich, kein Tier zu sein
Roeder, Bause

Das Schäfchenspiel
Roeder, Bause

Es ist ein eigen Dingen
Bause

Die kleine Liebelei
Roeder (Melodie: Branstner)

Ein Obstgärtner, ein Lagerhalter und ein Totengräber loben ihre Frauen
Bause

Das Verhängnis der Müllerstochter
Roeder, Bause

Wie Herr Strunk sich erhunk
Roeder

Der arme Mann
Bause

Ja,die Zeit ändert viel
Bause

In Erwartung des Liebsten
Roeder (Melodie:Branstner)

Der Gefoppte
Roeder, Bause

Besorgnis
Roeder, Bause

Ein gutes Mundwerk
Roeder, Bause

Ach, Liebster, laß uns eilen
Roeder, Bause

Das Mittelding
Roeder

Wie lang mag das noch gehen
Bause

Elf Liebchen und eines
Roeder

Laß sausen, Kind, laß sausen
Bause (Melodie: Branstner)

Tragik; Jungfer ade!
Roeder, Bause

Liebesdienst
Bause


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Das scheintote Kind
Roeder

Eine herbstliche Elegie
Bause

Das geschüttelte Doppelstockbett
Roeder

Klagelied eines Rothaarigen
Bause

Ein Teufelskreis
Roeder, Bause

Der geplättete Zorn
Roeder

Elegie auf den Biß eines tollen Hundes
Bause

Der Geselle in der Fremde
Roeder

Eine kastrierte Welt
Roeder

Wohin gehst du, kleines Wort
Bause

Hund und Katze im Liebesduett
Roeder, Bause

Hinterhofballade
Bause

Schnakenballade
Roeder

Der Pflichtbürger
Bause

Ein deutsches Schicksal
Roeder

Das Zustandekommen der kleinen Arschkriecher
Bause

Ein gutbürgerliches Schlaflied
Roeder

Lebensregeln
Roeder, Bause

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Sprecher, Gesang: Constanze Roeder, Peter Bause

Sänge und Reime von Gerhard Branstner
Vertonungen und Arrangements von Olaf Tabbert
Es spielt ein Studioorchester unter Leitung von Olaf Tabbert

Musik- und Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Wortregie: Jürgen Schmidt
Schnitt: Christa Blaumann

Mit frdl. Genehmigung des Mitteldeutschen Verlages Halle-Leipzig
(Buchtitel: Das Verhängnis der Müllerstochter)