Nacht und Licht werden Licht

von Johannes R. Becher
LP LITERA 8 65 157
Covertext:
Ziellosigkeit und Wirrnis, aber auch ein unbändiger Wille zum Anderswerden standen am Beginn der Entwicklung des Dichters, dessen Werk von dieser Schallplatte zu uns spricht. Kämpfe gegen die finsteren Mächte der Reaktion und des Faschismus prägten seine Persönlichkeit, wachsende Überzeugung von dem einzig richtigen und gangbaren Weg band ihn unlösbar an die Seite der Arbeiterklasse. „Nacht und Träume werden Licht“ – diese Gedichtzeile Johannes R. Bechers schließt ein ganzes Leben ein, von den Verzweiflungs- und Protestschreien des jungen Bürgersohnes, der sein Elternhaus verließ, um ins Ungewisse vorzustoßen, bis in die Wärme und das Glück einer wahrhaft humanistischen Gesellschaftsordnung, die er selbst in unserer Deutschen Demokratischen Republik verwirklichen half.
Uns scheint es legitim, die dichterischen Zeugnisse dieses Lebens einmal nicht streng zu binden an Zeit und Ort der Entstehung, nicht Schritt für Schritt den Entwicklungsgang Johannes R. Bechers nachzuvollziehen, sondern stattdessen eine Rückschau zu halten, die in Gedanken- und Problemkreisen verläuft, in der Gedichte und Prosa mit unterschiedlichen Themen und Motiven aus z. T. weit auseinanderliegenden Jahren ein Grundthema variieren: das Werden des sozialistischen Menschen, seine Kämpfe um eine sozialistische Welt.
Legitim scheint diese Art der Rückschau vor allem deshalb, weil sie dem Wesen und der Schaffensmethode des Dichters entspricht. So, wie sie auf der vorliegenden Schallplatte abläuft, hätte Johannes R. Becher selbst sie halten können, dürfte er, nachsinnend über das Erreichte, heute noch unter uns sein. Seit er den richtigen Weg gefunden hatte, dachte er über die Zwangsläufigkeit seiner Entscheidung nach, die er als beispielhaft auch für andere bürgerliche Menschen seiner Zeit empfand. Poetische Gedanken über sein eigenes Schicksal implizierten deshalb stets Verallgemeinerungen, zielten auf die historische Notwendigkeit einer solchen Entscheidung.
Aus der Sicht eines Bürgers unserer Republik zieht der alternde Dichter – „Das Altersgedicht“ Bilanz: beherrschten Trauer und Verzweiflung die Gedichte seiner Jugend, so dominierte gegen Ende des Lebens das Glück, eine neue Jugend besingen zu können, die ihre Kraft für den Frieden, für das Neue einsetzt. Der Blick zurück erfüllt ihn mit Stolz, in diese Zeit, das 20. Jahrhundert, hineingeboren zu sein. „Mit ungestümer Kraft gestalte ich / Mich um, daß ich nicht diese Zeit verliere“, hatte er 1941 im Gedicht „Wir, unsere Zeit, das 20. Jahrhundert“ gesagt. Von der ersten Phase dieser Umgestaltung sprechen die weiteren Beiträge unserer Folge. Zwei von ihnen wurden aus Zusammenhängen gelöst, die der Erwähnung wert sind. Den hier gekürzten Prosaabschnitt „Der Weg eines bürgerlichen Dichters …“ schrieb Becher anläßlich der Anklage wegen literarischen Hochverrats, die in den zwanziger Jahren gegen ihn erhoben wurde. „Statt einer Autobiographie“ setzte er als Titel über sein Bekenntnis zum Proletariat, das zugleich Gegenklage erhebt gegen eine Gesellschaftsordnung, der er den Kampf angesagt hatte. In den Versen „Ich habe den Traum vom / Vollendeten Menschen geträumt“, nimmt Becher das gleiche Thema auf. Sie gehören in das Epos „Der große Plan“ von 1931. Dem ersten Fünfjahrplan der Sowjetunion gewidmet, berichtet das Werk von den konkreten Kämpfen um den Aufbau einer neuen Welt. Der Dichter ist glücklich, sagen zu können: ich gehöre zu diesen Menschen, sie gestalten, was ich einst nur träumen konnte. „Diese da gehen nun einen Weg, / Er ist lang und nicht gewaltlos, / Aber dort, wohin sie wollen, / Geh auch ich /Mit meinem Traum –“.
Glück und Trauer, Größe und Elend des Menschen auf diesem Weg sind in der Folge aus verschiedenen Blickwinkeln erfaßt: vom Stolz auf das Wort „Genosse“ bis zum Dank an die Gefährten, von der Mahnung, den Frieden zu verteidigen, bis zum Gedenken an die Opfer des Klassenkampfes. Und nicht von ungefähr verbindet sich die Frage nach dem Menschen mit der Frage nach der wahren Heimat, die er sich auf dieser Erde zu schaffen imstande ist. „Darum ist die Heimat auch wahrhaft schön nur dort, / Wo der Mensch sich eine menschliche Ordnung geschaffen hat“ heißt es in dem Gedicht „Schöne deutsche Heimat“. Um die menschliche Ordnung, die nur unter großen Entbehrungen und Anstrengungen zu schaffen war, geht es in den Gedichten „Ihr, die ihr nach uns kommt“ oder „Tröstliche Botschaft“ und auch in dem innigschönen „Deutschland, meine Trauer, du, mein Fröhlichsein“. Und die wahre Schönheit dieser Ordnung scheint uns, ohne daß der Dichter politische Begriffe in Anspruch nahm, vollendet ausgedrückt in Versen wie „Keiner braucht sich / Des Alltags zu schämen / Mühe reift / Zum Ergebnis“ aus „Nächtlich auf den Wellen“ oder in den Schlußzeilen des Gedichts „Abends vor den Türen“: „Und wir schauen weithin in ein Blühen, / Und wir haben nicht umsonst geträumt.“
Bechers Epos „Der große Plan“ von 1931 endet mit einer „Hymne auf den Beginn einer neuen Geschichte der Menschheit“, deren beeindruckendster Teil unter dem Titel „Zeitalter des Kommunismus“ mit an den Schluß unserer Vortragsfolge gesetzt wurde, weil er, den großen Prozeß umreißt, den der Dichter damals in seiner Anfangsphase sah und der uns heute unaufhaltsam vorwärts reißt: „Die Grenze der Zeit / Haben wir überschritten / Und sind aufgebrochen / Ins Zeitalter/ Des Kommunismus.“
Innerhalb dieses Prozesses bewegen sich alle poetischen Gedanken und Bilder Johannes R. Bechers, die hier mit der Musik von Siegfried Matthus zu einem geschlossenen Programm zusammengefügt sind. Am Ende steht wieder der reife Dichter, „Rückschauend“ aus den fünfziger Jahren auf Durchlebtes, aber gleichzeitig mit der Sicht auf das Heute, prüfend, „Welche Kräfte am Werke sind, / Den Frieden zu begründen“, und mit dem Blick ins Künftige, „Den Menschen sichtend: Frei, / Einfach, / Schön“.
Rückschau und Vorausschau, beides gehört zusammen in dialektischer Durchdringung, die für Johannes R. Bechers Verse kennzeichnend ist. Deshalb wird eine Vortragsfolge wie die unsere nicht „historisch“ wirken in einem abgeschlossenen Sinne, sondern als lebendige Vergangenheit, die hineinreicht in Gegenwart und Zukunft unseres sozialistischen Lebens.

Ilse Siebert
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Das Altersgedicht (1952)
Wir, unsere Zeit, das 20. Jahrhundert
(1941)
Aus „An eine Jugend“ (1941)
Ich habe den Traum vom
vollendeten Menschen geträumt …
(1931)
(aus „Der große Plan“)

Der Weg eines bürgerlichen Dichters … (1928)
(aus „Statt einer Autobiographie“)

Ihr Dichter meiner Zeit (1929)
Es geht um die Gestaltung des Menschen
(1941)
(aus dem Artikel „Standhaftigkeit“)

Gesucht habe ich (1950)
Den Menschen suchend
(1951)
„Genosse“
(1930)
Der schwere Weg
(1948)
Glück
(1946)
Im Frühling
(1950)


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Deutscher Totentanz 1933
Still, mein Herz
(1933)
Den Gefährten
(1948)
Lang ist der Weg
(1927)
Schöne deutsche Heimat
(1958)
Ihr, die ihr nach uns kommt
(1946)
Tröstliche Botschaft
(1948)
Deutschland, meine Trauer, Du, mein Fröhlichsein
(1949)
Ihr Sommer der Welt
(1951)
Und wer erkennt
(1957)
Sommerglück
(1951)
Nächtlich auf den Wellen
(1952)
Die Zeltstadt
(1958)
Abends vor den Türen
(1951)
Du, unser Jahrhundert
(1951)
Ihr alle, die ihr auf dem Wege seid
(1938)
(aus „Jalta“)

Zeitalter des Kommunismus (1931)
(aus „Der große Plan“)

Rückschauend (1952)

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Sprecher: Marga Legal, Wolf-Dieter Panse

Musik: Siegfried Matthus
Musik für Oboeninstrumente und Klavier
Jutta Czapski, Klavier
Peter Basche, Oboe, Oboe d’amore, Schalmei, Englisch Horn
Musikalische Leitung: Siegfried Matthus

Regie: Rudolf Böhm