Ovid, Der besungen die Lust der zärtlichen Liebe
Eine Ovid-Collage

von Hans Bräunlich
LP LITERA 8 65 348
Covertext:
Versuch mit Ovid
Die Verse eines Dichters der römischen Kaiserzeit auf einer Schallplatte? Heute? Zwei Jahrtausende überspringend ist zu beweisen: das Vergangene kann uns ganz gegenwärtig sein. Ovid – nur in dieser Verkürzung seines Namens kennen wir den Dichter. Wenn überhaupt. Und wenn ein Werk, dann wohl nur „Die Liebeskunst“. Naso Publius Ovidius – so sein vollständiger Name –, geboren am 20. 3. 43 v. u. Z. im mittelitalienischen Sulmo, entstammt einem römischen Rittergeschlecht, dem Geldadel. Die vom Vater gewünschte juristische Laufbahn gibt er auf, denn was er „zu schreiben sich mühte, wurde zum Vers“. Dem intensiven Rhetorikstudium in Rom folgten Studienaufenthalte in Griechenland und Kleinasien. Ovid ist sehr beliebt zu seiner Zeit. Er wird viel gelesen, gefeiert und oft nachgeahmt. Im Jahre 8 u. Z. verbannt Kaiser Augustus den Dichter. Das Exil vermindert Ovids Popularität kaum. Ohne die Heimat, die Familie und die Freunde wiederzusehen, stirbt er 10 Jahre später in seinem Verbannungsort Tomis, heute Konstanza. Über die Gründe der Bestrafung ist viel gerätselt worden. Nachweislich hat Ovid seinem Kaiser nie das gewünschte Loblied gesungen, wie es Horaz und Vergil taten. Das mag Augustus, den Erhabenen, der vorgab, nur „Erster unter Gleichen“ (princeps) zu sein, nicht gefreut haben, bietet aber noch keinen Verbannungsgrund. Aus einem blutigen Bürgerkrieg ist Gaius Julius Caesar Octavianus, Neffe und Adoptivsohn des ermordeten Julius Caesar, als Kaiser Augustus siegreich hervorgegangen und nun unumschränkter Herrscher des römischen Reiches, gestützt auf das Heer, dessen Oberbefehlshaber er bleibt. Ovid setzt auch nie der vorgeblichen Friedenspolitik des Kaisers, seiner Wiederherstellung republikanischer Regierungsformen und der Wiedereinführung von Götterkulten sowie der Propagierung sittenstrengen Lebens aktiv Widerstand entgegen. Allerdings sieht Ovid in den Göttern und im Glauben an sie nur eine Möglichkeit, die Menschen vom Unrechttun abzuhalten. Leben und Welt um sich herum schildert er so, wie sie ihm begegnen: „von republikanischer Sittenstrenge ebenso weit entfernt wie von allgemeiner Sorge der Bürger um das Wohl der Gesamtheit“[1] . Ovid stellt „die Welt in ihrer Buntheit und Grausamkeit“[2] dar. Sein „fröhlicher Realismus kennt den Gedanken nicht, daß etwas nicht sein kann, was nicht sein darf“[3]. So bringt ihn zwangsläufig „seine leichtfertige Liebesauffassung im Gegensatz zu den Bestrebungen des Kaisers, dem Sittenvertall entgegenzutreten“[4]. Doch erst eine Verstrickung in die Skandalaffäre um die Kaiserenkelin Julia. bietet wohl die Handhabe, daß des Herrschers „Blitzstrahl“ auf den Dichter niedersausen kann. Die kaiserliche „Milde“ besteht lediglich darin, dem Bestraften nicht physisch das Leben zu nehmen, sondern ihn zu verbannen, um ihn geistig zu töten. Auch die Werke Ovids dürfen keine Heimstatt mehr in Roms Bibliotheken haben. Dichter aber zu bleiben, daran kann der Kaiser Ovid nicht hindern. Wir lesen bei Goethe: „Ovid blieb klassisch auch im Exil: er sucht sein Unglück nicht in sich, sondern in seiner Entfernung von der Hauptstadt der Welt“[5].
Die Literaturgeschichte sieht in Ovid den letzten großen Elegiker der römischen Literatur, der sich neben seinen namhaften Vorgängern und Zeitgenossen Gallus, Properz und Tibull behaupten konnte. Mit seinen Werken „Amores“ (Liebeselegien), „Ars amatoria“ (Liebeskunst) und „Remedia amoris“ (Heilmittel gegen die Liebe) wird er „Vollender und Überwinder der subjektiven Liebeselegie“[6], Ovid wählt häufig die Form des Lehrgedichts, ist aber stets sehr phantasiereich, voll sprachlicher Anmut und Leichtigkeit. Er besitzt Ironie und Witz, gepaart mit einer scharfen psychologischen Beobachtungsgabe.
Stehen Ovids „Heroides“, jene fingierten Liebesbriefe berühmter mythologischer Frauenfiguren, für seine zweite Schaffensperiode, so die „Tristia“ (Gedichter der Trauer) und „Epistulae ex Ponto“ (Briefe vom Pontus) für die Zeit des Exils. Variantenreich in der Klage, schildern die „Tristien“ die Existenz und das Los des verbannten Dichters. Sie sind gerichtet an Verwandte und Freunde, voller Sehnsucht nach der fernen Heimat. Nach eigener Schuld wird gesucht, versagte Solidarität beklagt und angeklagt. Und unüberhörbar ist die Frage, die auch das frühere Werk durchzieht: welche Stellung gebührt dem Dichter in seiner Zeit? Diese Frage und das Thema der Liebe in Ovids Schaffen sind Brücken, die bis in die Gegenwart reichen. Seit dem 13. Jahrhundert wird Ovid übersetzt, und nach dem 2. Weltkrieg erlebte sein Werk eine Renaissance.
Nun also Ovids Verse auf einer Schallplatte, realisiert von Menschen, die zweitausend Jahre nach des Dichters „Aufenthalt auf Erden“ leben. Die Beteiligten an diesem „Versuch mit Ovid“ streben mit ihrer Unternehmung eine lebendige Traditionspflege an, eine rigorose Innovation der Erbeaneignung. Es ist ihnen daran gelegen, ein Kunsterlebnis, voll von emotionalem Reiz, zu vermitteln. Allerdings: das Kunsterlebnis schließt das Auch-Bildungserlebnis nicht aus. Im Gegenteil.
Um eine vollständige Wiedergabe der Werke Ovids konnte und sollte es nicht gehen. Es galt, die Fülle des Materials zu sichten und eine Auswahl vorzulegen, die einem konzeptionellen Zentrum und einem formalen Prinzip verpflichtet ist. Dem Bemühen, Individualität und Subjektivität Ovids aufzuspüren und vorzuführen, folgte die Entscheidung für einen – im kreativen Sinne – freien Umgang mit den Ovid-Texten, ohne sprachliche Beschädigung derselben. Angewendet ist das Collage- bzw. Montage-Prinzip, eine dramaturgische Struktur, die auf eine fiktive Autobiographie als Monolog abzielt. Das Porträt bzw. Selbstporträt des Ovid ist aus den Versen der „Liebeselegien“ und der „Briefe der Trauer“ montiert worden. Das verfremdete lyrische Ich entspricht natürlich nicht absolut dem authentischen Ich des Dichters.
Wichtiger ist: das lyrische Ich artikuliert Bekenntnisse zum Leben, zur Liebe und zum Dichten, mit denen der heutige Mensch sich identifizieren kann, die ihn auch durch ihre poetische Kraft und realistische Glaubwürdigkeit erreichen. Eine Zwiesprache findet statt mit einem Dichter, der das Seinige geleistet und erlitten, gefühlt, gedacht und ausgesprochen hat. Wir entdecken einen Menschen wie einen fremden Kontinent. Und doch: beinahe Zeitgenossenschaft stellt sich ein. Alle noch bleibende historische Distanz ist kein überwindbares Hindernis. Sie fordert statt dessen zum produktiven Umgang mit Dichter und Werk heraus.
Die Monolog-Form erzwang die Entscheidung, nur einen Darsteller zu wählen. Und diesem Schauspieler war eine Textinterpretation abzufordern, die vitale Gegenwärtigkeit ebensowenig scheut wie intensives, subjektives Engagement. Gert Westphal (Schweiz) liefert das in hohem Maße, darüber hinaus Musikalität und Sensibilität im Umgang mit Ovids Sprache.
Die Wahl Georg Katzers als Komponist und seine Entscheidung für nur ein Instrument und damit für den Solo-Oboisten Burkhard Glaetzner erfolgte nicht aus der Überlegung heraus, Musik sollte die Ovid-Texte zusätzlich illustrieren oder untermalen. Das war nur ein auch möglicher Aspekt, sozusagen ein Nebeneffekt. Wesentlicher ist, daß Katzers Musik eine weitere Dimension den Versen hinzufügt. Gegenwärtigkeit beispielsweise wird noch deutlicher. Im klanglich Fremden wird Vertrautes entdeckt, hörbar gemacht, nicht zuletzt durch technische Verarbeitung (Elektronik) der komponierten Musik. Starke Zäsuren durch Katzers Musik markieren einerseits Gefühls- und Gedankenbrüche innerhalb der durch die Collage miteinander verbundenen Texte. Andererseits aber verknüpfen musikalische Mittel an wichtigen Stellen die erzählten Vorgänge. Katzer war gehalten, seine sensible Wirklichkeitserfahrung als künstlerisches Subjekt ebenso einzubringen wie der Wort-Interpret Westphal, der Musik-Interpret Glaetzner, der Regisseur Fritz Göhler und der Collage-Autor Hans Bräunlich sowie der Tonregisseur Karl Hans Rockstedt. Konsequente schöpferische Kooperation und kontinuierliche Kommunikation ermöglichten so, den von Beginn gewünschten Teamgedanken bei diesem „Versuch mit Ovid“ – nach Meinung aller Beteiligten – durchzusetzen. Und wir bejahen nach Fertigstellung die eingangs gestellte Frage: Ja, das Vergangene kann uns ganz gegenwärtig sein. Auch die Verse eines Dichers der römischen Kaiserzeit.
Doch dem Urteil derer, für die dieser „Versuch mit Ovid“ gewagt wurde, darf und soll nicht vorgegriffen werden.

Hans Bräunlich


Zitate: 1, 2, 3, 6: Ovid, Werke. Bibliothek der Antike, Aufbau-Verlag Berlin, 1968
Einleitung von Liselot Huchthausen
4: Lexikon der Antike, Leipzig 1971, Stichwort „Ovid“
5: Goethe: Maximen und Reflexionen, Aufbau-Verlag Berlin, 1982
Sprecher: Gert Westphal

Oboe: Burkhard Glaetzner
Musik: Georg Katzer

Regie: Fritz Göhler
Künstlerische Mitarbeit: Leni Lopez
Tonregie: Karl Hans Rockstedt

Eine Ovid-Collage von Hans Bräunlich auf der Grundlage der Übersetzung von Liselot Huchthausen, erschienen im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar