Pavlos Papierbuch

von Franz Fühmann
LP LITERA 8 60 364
Covertext:
„Ich bin gleich Tausenden andren meiner Generation zum Sozialismus nicht über den proletarischen Klassenkampf oder von der marxistischen Theorie her, ich bin über Auschwitz in die andre Gesellschaftsordnung gekommen. Das unterscheidet meine Generation von denen vor ihr und nach ihr, und eben dieser Unterschied bedingt unsre Aufgaben in der Literatur … Ich werde der Vergangenheit nicht mehr entrinnen, nicht einmal in der Utopie … Ich kann auch hier aus meiner Haut nicht heraus, aber ich kann das tun, was dem, der nicht in ihr steckt, versagt ist: Alle, auch die äußersten, die gräßlichsten wie die tröstendsten Möglichkeiten dieses ,So‘ ausschöpfen“ – dieses Zitat aus „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ mag die drei hier von Franz Fühmann gelesenen, auf den ersten Blick peripheren Texte in den großen Bogen eines so vielgestaltigen schriftstellerischen Œuvres stellen. Denn vor der Folie dieses moralischen Rigorismus, der aus Fühmanns schonungsloser Abrechnung mit seiner Vergangenheit erwächst, erweist sich der 7-Geschichten-Zyklus „Saiäns-Fiktschen“, dem die Erzählung „Pavlos Papierbuch“ entnommen wurde, weniger als geschlossener utopischer Gesellschaftsentwurf denn als beschwörendes Warnbild vor einer möglichen pervertierten Zukunft einer Welt jenseits zweier Atomkriege, die dem Menschen nicht mehr Heimat zu sein vermag. Es ist dies eine monströs-rationale Welt perfektionierter Wissenschaft und Technik und festgeschriebener gesellschaftlicher Konventionen, der gestockten Widersprüche, da die Dialektik der Entwicklungsgesetze in Natur und Gesellschaft ins Leere läuft. „Die Welt dieser Geschichten ist irreale Endzeit, Summe und Konsequenz all des Negativen, das die sich bildende Menschheit entäußert; aber alle diese Ende haben auch ihre Anfänge gehabt, und es sollte gelten, denen zu wehren, vor allem da, wo alles anfängt: im persönlichen Bereich“ heißt es in Fühmanns Einleitung zu diesem Band. Nur so ist die beklemmende absolute Schwärze, das hypertrophiert Alptraumhafte seiner rückblickenden Vorausschau zu verstehen, die unverkennbar quälend auf keimhafte Ansätze einer möglichen Entartung im Gegenwärtigen verweist, jedoch ohne auf kurzgreifende Analogieschlüsse zu zielen, „Bedrängnisse und Nöte jener Art“ materialisierend, „die sich so schwer darstellen lassen, weil sie zwar der Realität entstammen, sie aber, die Realität, wohl maßlos überschreiten“. Einem Programm wie dem oben zitierten, das auch die Utopie so eng an persönliche Vergangenheit, das heißt an subjektive menschliche Erfahrung bindet, wird man nicht vorrechnen dürfen, daß es keine hilfreichen, korrigierenden Gegenbilder aufbaut; es erschöpft sich, legitimes Mittel der Aufarbeitung von Ängsten in der Kunst, im Benennen der „gräßlichsten … Möglichkeiten“, indem es auf die kathartische Wirkung von Literatur vertraut.
Ebendieses Verständnis von Wesen und Wirkung der Literatur wird nun in der Erzählung „Pavlos Papierbuch“ thematisiert. Der zum Gelegenheitserfinder und Trinker herabgekommene „Kausalitätler“ Pavlo, dessen gescheiterter jugendlicher Ausbruchsversuch in einer anderen Geschichte des Bandes („Das Duell“) gestaltet ist, gerät zufällig an eines der seltenen Papierbücher, die sich noch im Besitz von Privatpersonen befinden. Dieses Buch, Träger humaner Botschaft aus schwerer Zeit, läßt Pavlo seine Situation begreifen, indem es Menschen- und Menschheitserfahrung, die nicht auf rationale Information reduzierbar ist, über Jahrtausende weitergibt. So eröffnet sich noch in dieser die schöpferischen Potenzen des Individuums zerstörenden Welt ein Freiraum der Selbstfindung und -behauptung.
Die Vielschichtigkeit des Textes, in dem Fühmanns Literaturbegriff erzählerisch aufgehoben ist, kann hier nur angedeutet werden. Am Anfang steht eine faszinierende Eloge auf die Unersetzbarkeit des Buches in seiner sinnlichen Gestalt. Über den zum ersten Mal so lesenden, bisher nur an Erkenntnisgewinn aus Vor-Gedachtem und aus zur Vorschrift erstarrtem Geschriebenem gewöhnten Philosophen erfährt der Leser einen alltäglichen Vorgang, der nun – durch Verlust bedroht – der Vertrautheit entrückt wird, als individuellen Akt menschengemäßen Handelns.
Die drei Erzählungen, von Kafkas „In der Strafkolonie“ über des Grafen Villiers de l’Isle-Adam „Die Marter der Hoffnung“ (die „Contes cruels“, „Grausame Geschichten“, dieses nachgeborenen französischen Romantikers des 19. Jahrhunderts erschienen 1883) bis zu „Der Nasenstüber“ eines vorgeblich anonymen Autors, Fiktion in der Fiktion, handeln allesamt von der Entwürdigung und Zerstörung des Menschen durch Folter und Angst: Die Raffinesse der Foltermethoden steigert sich, scheinbar gegenläufig zu ihrer Intensität, der physischen Vernichtung durch eine ausgeklügelte Apparatur folgt die Brechung des Standhaften durch Psychoterror und schließlich das Martyrium alltäglicher Banalität. Pavlo wird lesend eins mit diesen gedemütigten Menschen, wiewohl er begrifflich so manches nicht versteht und, befangen in seinen vorgeprägten Leseerwartungen, auf eindeutige Auflösung aus ist; am Ende begreift er sich als Glied einer Kette – und verliert sich im Alkohol. Ein pessimistischer Schluß? Doch dieses Lehrstück über die nicht zu errechnende, nicht zu ersetzende Wirkung von Literatur zielt über die Erzählung hinaus auf den Leser, auf sein Betroffensein und Handeln, auf seine Verantwortlichkeit als Individuum gegenüber der Gegenwart. Fühmann teilt hier wie in seinen großen Essays Erfahrung mit Literatur mit, nicht als Resultat, sondern wiederum im erfahrbaren Prozeß.
Zum anderen verweist die sorgfältig gefügte Struktur des Textes, in der Wechselwirkung der Zitate, auf das Bezogensein aller Literatur, darauf, daß Literatur immer auch aus Literatur entsteht: „… ,schöpfen‘ heißt ja ,erschaffen‘ wie ,aus Vorhandenem nehmen‘.“ Und: „Aller Zeiten Dichtung und Kunst zusammen stiften ein bleibendes Zeugnis des Menschentums in seinen Möglich- wie Wirklichkeiten.“ („Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht“)
Die Erfahrung, daß alle Dichtung als ein großes Gedicht wirke, Zeit wie Länder und Sprachen übergreifend, gewann Franz Fühmann nicht zuletzt aus seinen Bemühungen als Vermittler und Nachschöpfer der Lyrik andrer Nationen, vor allem der Tschechen und Ungarn. Die „Siebente Ekloge“ und „Der Brief an die Gattin“ des Ungarn Miklós Radnoti (1909–1944) erschienen in seiner Nachdichtung zum ersten Male 1967 in dem Radnoti-Band „Ansichtskarten“, zu dem er auch das Nachwort schrieb. Diese bewegenden Zeugnisse des Golgathawegs eines Dichters – Radnoti wurde „wegen seiner jüdischen Abkunft ebenso wie seiner aufrührerischen Verse wegen“ von den Faschisten ins Arbeitslager Heidenau in den serbischen Bergen geworfen und im November 1944 bei der Evakuierung des Lagers von einem SS-Mann erschossen - stehen hier als einzigartiges poetisches Dokument, dem Fühmann seine Stimme lieh, die „tröstendsten Möglichkeiten“ des Menschseins ausschöpfend: „Fünf Gedichte, ein paar Dutzend höchst kunstvoll geformter Zeilen schlichtester Sprache wurden zum Zeugnis eines Dichters, der sterbend schrieb und schreibend seine Mörder richtete: Zeugnis der Würde, Kraft und Macht der Poesie, abgelegt unter den Stiefeltritten und Schüssen totenkopfgezierter Schlächter in einem gottverlassenen Novembergestrüpp am Rand einer staubigen Straße, Zeugnis der Würde und Vernunft und Hoffnung des Menschengeschlechts …“
(Aus dem obengenannten Nachwort)

Ingrid Prignitz
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Pavlos Papierbuch


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Pavlos Papierbuch (Fortsetzung)

Siebte Ekloge
Brief an die Gattin

Gedichte von Miklós Radnoti
Nachdichtungen: Franz Fühmann

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Leser: Franz Fühmann

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Christa Blaumann

Aufgenommen 1983
Mit Genehmigung der Verlage Hinstorff, Rostock, und Volk und Welt, Berlin