Plädoyer einer Frau

LP LITERA 8 65 237
Covertext:
Es scheint, als könne diese Stimme zaubern: der Monolog der „blauen Toni“, gekennzeichnet von der Lust am Schaurigen, Vorgetragen mit genußvoll vibrierender Deftigkeit, wird genauso lebendig wie die kämpferische, hell strahlende Zuversicht der Rosa Luxemburg, die aus dem Gefängnis Briefe voll sprühender Heiterkeit schreibt. Die Stimme der Schauspielerin und Diseuse Gisela May schmiegt sich jeder Veränderung an, schlüpft in jeden der so unterschiedlichen, erfundenen oder historischen Frauencharaktere, die für diese Plattenaufnahme zusammengestellt worden sind. Die Texte sollen dabei nicht nur die Virtuosität einer großen Sprecherin beweisen, sondern vor allem Möglichkeiten weiblichen Verhaltens, weiblichen Bestehens in feindlicher Umwelt vorführen; weibliche List, Klugheit und kämpferische Kraft auf vergnügliche Weise unter Beweis stellen und zugleich in einen großen Entwicklungsbogen spannen.

Egon Erwin Kischs „Himmelfahrt der Galgentoni“, 1924 entstanden, ist eine grimmige Komödie über die Verdrehtheit bürgerlicher Moral- und Rechtsvorstellungen. Die Heldin triumphiert mit ihrer Unerschrockenheit, ihrem tapferen Bekenntnis zu einem arbeitsamen Leben, ja ihrem tiefwurzelnden Mitleid und Gerechtigkeitsgefühl über ein fadenscheiniges Wohlanständigkeits-Getue, das auf grimmiger Ausnutzung der Besitzlosen beruht. Gisela May führt die Galgentoni mit dunkelgefärbter, aus leidenschaftlichem Protest kommender Stimme ein, im schönsten Prager Deutsch mit leicht schnarrendem „r“. Man spürt, da hat eine Spaß am Grotesken, baut sich ihren Auftritt bedeutend hin. Aber auch echtes Gefühl schimmert durch, schlicht, fast warmherzig gerät der Bericht der Toni über den Verurteilten, der plötzlich so etwas wie menschliche Wärme fühlt. Dann aber wird die Galgentoni wieder schrill, hell, laut, wenn sie über die schlimmen Reaktionen der „Kolleginnen“ erzählt – und sie rettet sich in Weinerlichkeit, um mit weiblichen Waffen Recht zu finden beim „hohen Gericht“ …

Shaws Schauspiel „Frau Warrens Gewerbe“, 1902 in London uraufgeführt, machte schon vor Kisch eine Händlerin mit der Liebe zur Heldin eines Stücks. Der irische Dramatiker weist nach, daß normales bürgerliches Geschäftsgebaren auch den Erwerbszweig der Prostitution bestimmt und hier Wohlanständigkeit vom Gewinn abhängig ist wie bei jedem anderen Gewerbe. Gisela May gestaltet die Aufklärungspredigt der Kitty Warren ihrer vornehm erzogenen Tochter Vivie gegenüber mit anklagender Sachlichkeit, mit einer wegwerfenden Schnelligkeit, so, als gelte es, das Allerselbstverständlichste zum wiederholten Male klar zu manchen. Diese Kitty Warren ist erfahren, ist fertig geworden mit ihrem Leben, sie kann sich den Geschäftston der Erfolgreichen durchaus leisten. Dennoch hat dieser Geschäftston auch eine Schwingung von Sympathie und Herzlichkeit. Zwar wird mütterliche Beziehung inniger Art bewußt zurückgehalten, aber es gilt auch, Eindruck auf die Tochter zu machen, für die Kitty ja alles Gute will. Höhnisch also wird die Stimme nur, wenn bürgerlicher „Anstand“ durchgehechelt wird, wenn die Dinge dieser Welt ins richtige, oft recht trübe Licht gerückt werden müssen.

Thomas Mann schrieb den vierteiligen Roman „Joseph und seine Brüder“ zwischen 1926 und 1942. Aus den „siebzigtausend geruhig strömenden Zeilen“ – so hatte der Autor das „pyramidenhafte Stück Arbeit“ schließlich selbst überrechnet, gestaltet Gisela May eine Episode aus dem „Siebenten Hauptstück“ des Romans „Joseph in Ägypten“ unter dem Titel „Die schmerzliche Zunge“ (Spiel und Nachspiel). Mut-em-enet, Potiphars Weib, sucht Joseph durch überströmende Beredsamkeit für ihr Bett zu gewinnen – erfolglos, wie die biblische Überlieferung will und wie es Thomas Mann in dem Kapitel „Von Josephs Keuschheit“ aus dem „Sechsten Hauptstück“ mit wissenschaftlich-ironischer Pedanterie zu erklären weiß. Auch hier vermag sich Gisela May der leicht schwülen Situation meisterhaft anzuverwandeln. In Seufzern, Hauchern und Pausen macht sie die drängende Begierde des lüsternen Weibes deutlich, die Steigerung in eine zwingende, die Stimme hochreißende, fast atemlos stürmende Leidenschaft – und das Herabgleiten von solcher Höhe der Erregung zum Leisen, Zärtlichen, Drängenden, das sich langsam und umso wirkungsvoller entfalten will. Im plötzlichen Lispeln – einem Effekt Thomas Mannscher Erzählkunst zwischen Heiterkeit und Entsetzen – wird das Mordangebot groß aufgemacht, bis zur wilden Drohung gesteigert, die schließlich in einem fassungslosen Zusammenbruch endet.

Erich Kästners Gedicht „Plädoyer einer Frau“ entstand 1929. Es hat die elegische Stimmung mancher Verse des Dichters, der sich als Moralist verstand, als einer, der die törichten Dummheiten eines schlimmen Zeitalters unter Tränen belächelt. Gisela May fügt sich in den Ernst des Gedichts, das leise, schleppend, ganz aus tiefer, bitterer Erfahrung kommend, Gestalt gewinnt.

Unter einem seiner Pseudonyme, Peter Panter, veröffentlichte Kurt Tucholsky am 26. Oktober 1930 in der „Vossischen Zeitung“ den Text „Ein Glas klingt“. Mit bissigem Humor gibt er das indirekte Porträt einer bürgerlichen Vernunftehe, deren Leere mit einer Vielzahl kleiner Querelen, Albernheiten, Widerwärtigkeiten nur noch betont wird … Gisela May stürzt sich in den Bericht mit dem rechthaberischen Getue der großen Dame, sucht einer komischen Aufgeregtheit mit untergründiger Ironie tragische Töne abzugewinnen. Mehr und mehr wird das Unbefriedigte, das Affektierte der über ihren Mann räsonierenden Ehefrau spürbar – überraschenderweise steigert Gisela May dann die Beichte zu einer triumphierenden Selbsterkenntnis, die in einem resignierenden Ton ausklingt – da gibt es Schwingungen von wirklichem Betroffensein, von Trauer, von ehrlichem Fragen an das Ich, So entsteht eben keine Karikatur, sondern ein Bild vielfarbigen, auch widersprüchlichen Verhaltens.

„Furcht und Elend des Dritten Reiches“ schrieb Brecht während der Emigration in den Jahren 1935 bis 1938. Die Szenen wurden für den Malik-Verlag in Prag gedruckt, konnten aber infolge des Überfalls der Faschisten auf die Tschechoslowakei nicht mehr erscheinen. Später ist eine Bühnenbearbeitung für Amerika in New York und San Franzisco aufgeführt worden. Innerhalb der 24 Szenen der Druckfassung ist „Die jüdische Frau“ die neunte. Gisela May gestaltet den ganzen Monolog, die Regiebemerkungen Brechts mitsprechend als kommentierende Brücke zwischen den einzelnen Text-Teilen. Das erste Telefongespräch beherrscht aufgedrehte Munterkeit, es wird geschwind und wie nebenbei, dennoch mit einer nervöshastigen Grundstimmung absolviert. Das nächste Gespräch mit der Schwester ist weicher angelegt, gerät bittend, fast unterwürfig, findet aber zur Härte einer nach langem Kampf über den Dingen stehenden Persönlichkeit zurück. Dann die Freundin – hier bricht ganz menschliche Wärme durch, das Gefühl der Nähe und des Vertrauens. Schließlich die „gespielte“ Auseinandersetzung mit dem Mann, das Einstudieren des Abschieds – mühsam sucht die Sprecherin nach dem richtigen Ausdruck, den richtigen Worten, Möglichkeiten durchprobierend zwischen Härte und Weichheit, einmal beschwörend und ganz und gar ehrlich, dann verschlossen, in sich gekehrt. Der klare Blick auf Tatsachen bleibt das Einende dieser heldenhaften Anstrengung, einen Abschied, der unmenschlich ist, menschlich zu gestalten …

Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis sind einzigartig in ihrer Daseinsfreude, ihrer Zukunftsgewißheit, ihrer klaren Menschlichkeit. Hart, strahlend, hell liest Gisela May diese Zeugnisse einer unbeugsamen revolutionären Kämpferin, mit großem Spaß auch an ihrer zupackenden Direktheit – und schön und nachdenklich in den stilleren Teilen voll wacher Mütterlichkeit, besonders, beim Vortrag des Gedichtes von Mörike. In ruhiger Nachdenklichkeit klingt der zweite Brief aus, kündend von den Möglichkeiten, die Rosa Luxemburg den Frauen erkämpfen wollte – Möglichkeiten, die heute zur gesellschaftlichen Realität geworden sind.
Zwischen den Texten schaffen Lieder von Heine und Brecht heitere, beschwingte Pausen, vorgetragen mit der Kunst der Diseuse Gisela May, die zu rühmen schon längst nicht mehr nötig ist.

Christoph Funke (1977)
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Egon Erwin Kisch
Die Himmelfahrt der Galgentoni

Heinrich Heine
Lied der Marketenderin
Musik: Henry Krtschil

George Bernhard Shaw
Aus: Frau Warrens Beruf

Heinrich Heine
Ein Weib
Musik: Henry Krtschil

Thomas Mann
Aus: Joseph und seine Brüder


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Erich Kästner
Plädoyer einer Frau

Kurt Tucholsky
Ein Glas klingt

Heinrich Heine
Lyrisches Intermezzo
Musik: Manfred Schmitz

Bertolt Brecht
Aus: Die jüdische Frau

Rosa Luxemburg
Zwei Briefe an Mathilde Wurm

Bertolt Brecht
Sonett Nr. 19
Musik: Henry Krtschil

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Sprecherin, Gesang: Gisela May

Zusammenstellung und Einrichtung der Texte: Hans Nadolny
Instrumentalgruppe
Leitung: Henry Krtschil

Regie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt

Rechte:
– Egon Erwin Kisch: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
– George Bernhard Shaw in der deutschsprachigen Übersetzung von Martin Walser: Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.
– Der Text von Thomas Mann ist dem Gesamtwerk von Thomas Mann, erschienen im S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. entnommen.
– Erich Kästner: Atrium-Verlag, Zürich
– Kurt Tucholsky: Mary Tucholsky
– Bertolt Brecht: Bertolt-Brecht-Erben