Politisches Kabarett aus der BRD

von Dietrich Kittner

LP LITERA 8 65 236
Covertext:
Der Kabarettist Dietrich Kittner aus Hannover ist im konsequenten Einmannbetrieb Theaterleiter, Hauptdarsteller, Regisseur, Texter, Chauffeur, Bühnenarbeiter, Dramaturg, Komponist, Gitarrist, Tonmeister und Diskutator.
Einziger Helfer, wo immer es nötig wird: seine Frau.
In Hannover unterhält er eine kleine Kabarettbühne. Auf Gastspielreisen absolviert er im Jahr bis zu 70 000 Autokilometer in der BRD, der Schweiz, in Österreich und in anderen Ländern.
Dietrich Kittner trat oft in der DDR auf, so zu den X. Weltfestspielen und 1974 in der Berliner „Distel“. Dort wandte er sich mit folgenden Worten an sein Zuschauer:

Lieber Zuschauer, jeder richtige Kabarettist will beim Publikum etwas erreichen.
Na klar: Ich freue mich, wenn Sie im Programm etwas Belachenswertes finden, schließlich handelt es sich um Kabarett. Aber Kabarett bedeutet – wie ich meine – auch noch mehr: wirklich wirksames Kabarett soll zeigen, was wo nicht stimmt was geändert werden muß, am besten auch gleich noch, wie es geändert werden kann.
Und wenn dann der eine oder andere im Publikum merkt daß es seine Sache ist die da verhandelt wird, daß er selbst gefordert ist, wenn es gilt, die Dinge gemeinsam zu verändern – dann hat der Kabarettist das geschafft was er erreichen kann.
Präziser: Kabarett wird dann zur (nicht nur) moralischen Anstalt, wenn der Zuschauer seine eigene Lage erkennt und – im Idealfall – praktische Konsequenzen daraus zieht.
So sehe ich Kabarett und so betreibe ich es auch dort wo ich lebe, wo die Herren Abs und Flick regieren, in der BRD. Und das stimmt auch noch, wenn ich mal in der Schweiz spiele oder in Österreich oder auch in Dänemark oder Schweden, denn da sind die Verhältnisse nicht grundsätzlich anders: die Großkonzerne des „freien Westens“ sind schließlich auch übernational angelegt.
Heute abend aber; lieber Zuschauer; sehen wir uns in der Distel in Berlin, der Hauptstadt der DDR. Muß ich da nicht – für heute abend – meine ganze schöne Kabarett-Theorie über den Haufen werfen? Renne ich da nicht offene Türen ein, gieße ich da nicht Wasser in die Spree? Was kann und will ich mit einem antikapitalistischen Programm bei Ihnen, dem Bürger eines sozialistischen Staates, eigentlich noch erreichen? Ihre eigenen Probleme kennen Sie schließlich besser als ich. Die mit Ihnen zu erörtern, dafür sind meine Kollegen und Freunde von der Distel wirklich kompetenter.
Nach einer meiner Vorstellungen während der X. Weltfestspiele in Ihrer Stadt kam ein junger Genosse aus Karl-Marx-Stadt zu mir in die Garderobe und sagte: „Eben ist mir erst richtig klargeworden: die – Dinge, die Du in Deinem Programm ansprichst das sind ja Sachen, mit denen sich meine Großeltern herumschlagen mußten.“
Eben: Etwa die Hälfte der Bevölkerung der DDR gehört der Generation an, die nach 1945 geboren wurde und den Imperialismus nicht mehr von Angesicht zu Angesicht kennt. Deswegen werden Sie vieles, ja eigentlich das meiste meines Programms mit einem einfachen Betrifft-mich-nicht beiseite schieben können, ganz im Gegensatz zudem, was ich mir als Kabarettsoll gesetzt habe.
Aber gerade da, meine ich, kann der heutige Abend einen Sinn haben. Nehmen Sie das Ganze getrost als Sittenbilder aus einer für Sie anachronistischen Landschaft. Sie dürfen es, denn für Sie ist das, was für mich noch immer Gegenwart ist schon längst Geschichte.
Wenn Sie sich das klarmachen und wissen, daß wir – die wir das Klassen-Ziel noch nicht erreicht haben – Ihre Solidarität brauchen, dann hätte ich – ganz eigennützig – bei Ihnen doch etwas erreicht.
Was nicht heißen soll, Sie dürften heute abend nicht lachen. Ich hoffe sogar sehr; daß Sie es tun.

Herzlichst
Ihr
Dietrich Kittner
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Text und Musik: Dietrich Kittner

Zwischenmusiken und Arrangements: Friedhelm Schönfeld
Instrumentalgruppe unter Leitung von Friedheim Schönfeld
Tonregie: Karl Hans Rockstedt

Die Aufnahmen für diese Schallplatte entstanden 1976 in Dresden, wo Dietrich Kittner vor Studenten auftrat.