Reportage unter dem Strang geschrieben

von Julius Fucik
LP LITERA 8 60 049
Covertext:
Hier, in Berlin wurde am 8. September 1943 ein tschechoslowakischer Bürger ermordet, der unter der Intelligenz seines Landes einen hervorragenden Platz einzunehmen berufen war.
Damals kannten ihn in Deutschland am besten seine Mörder. Das deutsche Volk, verantwortlich für viele Millionen Erschlagene, lernte ihn erst nach seinem Tode kennen, erst, nachdem das „Dritte Reich“ besiegt war. Julius Fucik war einer von den vielen Millionen, einer von den wenigen, die aus der Anonymität heraustraten – heraustraten mit einer Reportage unter dem Strang geschrieben, die einen Menschen von seltener Größe zeigte. Er gestattet es nicht, daß man in Schmerz und Erschütterung über seinen Verlust verharrt, er sprach für alle, für die wir die Verantwortung tragen: „Ich möchte, daß man weiß, daß es keine namenlosen Helden gegeben hat. Daß es Menschen waren, die ihren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnungen hatten, und daß deshalb der Schmerz auch des letzten unter ihnen nicht kleiner war als der Schmerz des ersten, dessen Name erhalten bleibt. Ich möchte, daß sie alle euch immer nahe bleiben, wie Bekannte, wie Verwandte, wie ihr selbst.“
Als Julius Fucik starb, war er gerade vierzig Jahre alt. 1903 wurde er in einem Prager Arbeiterviertel geboren, sein Vater war Eisendreher. Beide Eltern vermittelten ihm Liebe zur Kunst, insbesondere zur Musik. Der Vater hat neben seiner Arbeit in Vereinen und auf Bühnen gesungen. – Julius Fucik hat schon als Kind die Haltung und die Neigungen geäußert, denen er später mit großer Konsequenz treu blieb. Er litt das Leid anderer mit, er kämpfte für Gerechtigkeit. Kunst sah er als einen notwendigen Bestandteil im Leben aller Menschen an, der das Leben schöner, reicher macht. In seinen kindlichen Spielen war er Journalist, der den Lesern mit seiner Arbeit Freude machen wollte. Der Dreizehnjährige kündigte eine von ihm herausgegebene „Zeitschrift“ folgendermaßen an:
Achtung! Achtung!
In Kürze erscheint die humoristische Zeitschrift „Veselá mysl“
Wenn Sie diese Zeitschrift abonnieren,
Vergessen Sie die jetzigen schweren Zeiten.
Herausgeber und Redakteur: Julius Fucik.
Es war Krieg, und Fucik wollte etwas tun gegen das Elend dieser Zeit. Zwei Jahre später wußte er schon mehr: Er veranlaßte seine Mitschüler dazu, an der großen Maidemonstration der Prager Arbeiter im Jahre 1918 teilzunehmen. – 1921 trat Julius Fucik der Kommunistischen Partei bei.
Das Geld für sein Studium mußte er sich selber verdienen. Eine Stelle als Hilfskanzleiangestellter verlor er bald, weil er sich dort politisch betätigt hatte; so arbeitete er als Handlanger auf dem Bau und als Hilfsarbeiter beim Straßenbau. Damals schrieb er schon für versiedene Zeitschriften, bis schließlich die Journalistik ganz sein Beruf wurde. Seine Frau schrieb darüber: „So, von seinem achtzehnten Lebensjahr an, wuchs Fucik als revolutionärer Journalist auf. Zuerst schrieb er über das Theater, dann über Literatur und zuletzt wurde er politischer Journalist und Reporter. Seine tiefe Beziehung zu Fragen der Kultur, zu Theater und Literatur änderte sich aber dadurch überhaupt nicht. Julius Fucik kämpfte sein ganzes Leben lang für die Unteilbarkeit von Politik und Kultur.“
1930 fuhr Fucik zum ersten Mal in die Sowjetunion. Er kehrte begeistert zurück und übernahm die angesichts der unzähligen Verleumdungen des ersten sozialistischen Landes höchst notwendige Aufgabe, die Wahrheit über die Sowjetunion zu verbreiten. Das wurde von der bürgerlichen tschechoslowakischen Republik mit Verfolgungen quittiert, und Fucik mußte damals schon zeitweise illegal leben.
Als nach dem Münchener Abkommen die Tschechoslowakei von den Deutschen besetzt wurde, wurden alle Zeitungen eingestellt, für die Fucik gearbeitet hatte. Die Kommunistische Partei war verboten und kämpfte in der Illegalität weiter.
Julius Fucik wurde aufgefordert, am Kulturteil einer faschistischen Zeitung mitzuarbeiten. Er lehnte ab. Die Gestapo suchte ihn. Er hielt sich versteckt und studierte die tschechische Literatur des 19. Jahrhunderts. Über sie schrieb er Aufsätze unter fremdem Namen, um das Nationalbewußtsein seiner Landsleute gegen die deutschen Okkupanten zu stärken, und in diesem Kampf waren für ihn Kunst und Politik erst recht eine Einheit. Er schrieb illegale Zeitungen und Flugblätter. Nach der Verhaftung des ersten illegalen Zentralkomitees der KPC nahm er gemeinsam mit zwei anderen Genossen die Arbeit in die Hand und bildete mit ihnen ein neues ZK.
Am 24. April 1942 wurde er verhaftet. Über ein Jahr behielt ihn die Gestapo in Untersuchungshaft, er wurde geschlagen und gefoltert, damit er seine Verbindungen, die Namen seiner Mitkämpfer nennen sollte. Fucik schwieg.
Am 25. August 1943 stand er vor Freisler, dessen Name zum Synonym für die faschistische Mordjustiz wurde. Der Gequälte und Geschlagene brachte diesen Gerichtspräsidenten aus der Fassung, und Fucik hielt dem Tobenden entgegen: „Ihr Urteil wird mir jetzt vorgelesen werden. Ich weiß, es lautet – Tod dem Menschen. Mein Urteil über Sie ist schon längst gefällt. In ihm steht mit dem Blut aller anständigen Menschen geschrieben: Tod dem Faschismus, Tod der kapitalistischen Sklaverei! Das Leben dem Menschen! Die Zukunft dem Kommunismus!“
Als er zur Hinrichtung geführt wurde, sang Fucik die Internationale. Die SS verstopfte ihm den Mund; Aber Gefangene in Berlin-Plötzensee hörten ihn und nahmen den Gesang auf. Die „Reportage unter dem Strang geschrieben“ gehört zu den Büchern die nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft bei uns am nachdrücklichsten zur Bewußtseinsveränderung beigetragen haben. Die Persönlichkeit Julius Fuciks, die wir durch sein Buch kennenlernten, ließ nichts übrig von dem Bild des Kommunisten, das hier verbreitet worden war. Sie wird immer Gültigkeit behalten für das wahre Bild des Kommunisten. Fucik war ein junger Held von einer Reinheit, wie man Ihn nur in der Literatur zu finden glaubte. Jede Freude, jeder Genuß, die er gesucht und gefunden hatte, fügten seinem Bild neuen Glanz hinzu. Was Liebe zum Leben ist, das lehrt die Tapferkeit, mit der er in den Tod ging. Seine letzte Reportage, in dem das Bild seiner Persönlichkeit wie in einem Kristall gesammelt ist, bleibt immer ein großes Dokument der Humanität.

U. P.
Sprecher: Emil Stöhr

von Julius Fucik
Zusammenstellung der Ausschnitte: Ursula Püschel