Römische Elegien

von Johann Wolfgang Goethe
LP LITERA 8 65 418
Covertext:
Der verdienstvolle Goetheforscher H. A Korff nennt die Römischen Elegien einen „Dichtertraum in Wirklichkeit“. Real Erlebtes gelangt zum dichterischen Ausdruck. Ein Lebensgefühl wird in Verse gefaßt, das in dem genußvoll erfahrenen Zusammenklang von Antike, Kunst, Architektur und Erotik wurzelt.

Wo sehen Sie Berührungspunkte zu diesem Lebensgefühl?
Ein Berührungspunkt ist natürlich das Erlebnis der Liebe, der Liebe als Quelle von Lust, von Produktivität, der Liebe aber auch in ihrer Gefährdung – eine ewig reizvolle wie beherrschende Erfahrung im Leben der Menschen. Goethe begegnet ihr im Moment einer tiefen Schaffenskrise. Er war, wird behauptet, kaum noch in der Lage, ein Wort zu schreiben. Es war die Enge des Weimarer Hofes, das Engstirnig-Kleingeistige, das ihn peinigte. Aus diesem Grunde suchte er das Welterlebnis, die Begegnung mit der Außenwelt, mit dem natürlichen, freien Menschen. Er war sich durchaus – in den selbstironischen Momenten der Elegie klingt es an – der Gefahr eigener Erstattung in der Saturiertheit, in der Selbstgefälligkeit bewußt. Aber wer hat das alles nicht auch schon an sich selbst erfahren? Die Liebe lehrt Goethe wieder, sich selbst in Frage zu stellen, läßt ihn zur schöpferischen Unruhe zurückfinden – auch zu einer Kunst, die sich in Wirklichkeit einmischt. Das Thema der Liebe erschöpft sich nicht in der schwelgenden Betrachtung eines realitätsfernen Glücks. Die Gefährdung aller Liebe, die Angst um die Beständigkeit der Treue geraten ins Blickfeld. Liebe und Tod wohnen dicht nebeneinander. Der Liebende fleht Hermes an: „… und führe mich später … leise zum Orkus hinab!“ Aus dem Munde der Geliebten kritisiert er die Männer: „… ihr schüttet mit eurer Kraft und Begierde auch die Liebe zugleich in den Umarmungen aus!“ Damit verteidigt Goethe sein Ideal der Liebe, einer Liebe, die sich in den Partner hineinversetzt, die auch aus Glück und Genuß des anderen wächst.
Eine solche Liebe kann für ihn nicht der Besitz eines einzelnen sein: „Und Jedem gewähre aller Güter der Welt erstes und letztes der Gott!“

Sie sprachen von der besonderen Lebensituation Goethes. Dazu gehört ja auch, daß mit dem Erlebnis Rom seine Sehnsucht nach der Antike lebendige Gestalt annimmt.
Ja, es war ein großer Plan seit seiner Jugend. Die Antike zog ihn unwiderstehlich an. Auch er sah in ihr die Wiege der Menschheit, die Wurzel des Humanismus. Aber bei aller Bewunderung für die Reste alter Skulpturen und Bauwerke – es war gleichzeitig die Suche nach den lebendigen Menschen, die in diesen Palästen wohnten: „Oh wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich dereinst das holde Geschöpf, das mich versengt und erquickt?“ Die Römischen Elegien sind ein genialer Versuch, Vergangenes zu vergegenwärtigen, zu verlebendigen durch die Schilderung des Liebeserlebnisses. Wir dürfen annehmen, daß sich Goethe mit der Gestaltung dieser neuen, komplexen Eindrücke aus seiner Krise befreite; und was da entstanden ist, gehört zum Schönsten, was die deutsche Liebeslyrik hervorgebracht hat und auch zum Gewagtesten, Anzüglichsten.

In einer Reihe der Elegien stellt Goethe der Langeweile des Weimarer Hofes das Aufatmen in der Fremde, die Begegnung mit der Liebe gegenüber. Er hat bekanntlich die meisten Verse nach der Rückkehr geschrieben und das Bild der Christiane Vulpius in die römischen Tage projiziert. Sein Dichtertraum stellt also keine Flucht dar, sondern ein Gegenbild. Ein „Lebensmodell“ wird entworfen, das nicht in eine ferne Zukunft zielt.
So ist es – das ist im Grunde wohl keine Flucht. Diese Kunst ist für die Wirklichkeit bestimmt. Mit der Kraft erlebter Verse überwindet Goethe Stumpfsinn und ritualisierte Langeweile. Auch mir scheint einleuchtend, daß die Elegien in ihrer Mehrzahl erst in Weimar geschrieben worden sind, folglich unter dem Einfluß der Liebe zu Christiane Vulpius. Nur, als gestaltender Künstler muß ich mich zwar mit den Umständen der Entstehung des Werkes vertraut machen, dieses Wissen aber auch wieder vergessen können. Im Moment des Gestaltens denke ich weniger an die Vulpius, als an jene geheimnisvolle Römerin, nach der die Wissenschaft noch immer fahndet. Ich versuche mir mein eigenes Bild von dieser Faustina zu machen, sie mir als unverwechselbar romantisches Wesen vorzustellen, so einmalig, wie jede Weiblichkeit sein kann.

Mir gefallen Mickels einfühlsame Veränderungen, die unser Sprachempfinden zum Klingen bringen, Goethes Gedankengängen und witzigen Pointen deutlicheres Profil geben.
Karl Mickel hat sich lange und kenntnisreich mit den Elegien beschäftigt und dabei eine Reihe sehr interessanter Entdeckungen gemacht. An einigen ausgesuchten, exponierten Stellen hat er auf die Urfassung zurückgegriffen. Im Grunde genommen sind seine Vergegenwärtigungen minimal, nur „unter dem Mikroskop“ zu erkennen. Er ist unwahrscheinlich sparsam und genau. Auf der anderen Seite findet er und durch ihn der Schauspieler – zu einer gewissen Respektlosigkeit gegenüber dem Genius aus Weimar. Ohne diese Respektlosigkeit wäre es einem nicht möglich, auch nur einen Vers zu sprechen. Man muß sich seine Unbefangenheit wieder organisieren.

Sie haben mit Karl Mickel schon an der Hochschule für Schauspielkunst zusammengearbeitet. Kam von ihm die Anregung zur Arbeit an den Römischen Elegien?
Er drängte darauf, daß ich sie erneut lese, und ich begann langsam, ganz allmählich, Feuer zu fangen und meine Vorurteile, die Verse seien elegisch im abwertenden, schwelgerischen Sinne, abzubauen. Nun begleiten sie mich als künstlerische Aufgabe schon mehr als sechs Jahre, und ich habe sie sowohl auf vielen Bühnen im In- und Ausland als auch im Fernsehen wiederholt vorgetragen. Jetzt freue ich mich, sie über das Medium Schallplatte an das Publikum herantragen zu können.

Diese Aufgabe stellt an den gestaltenden Schauspieler enorm hohe Anforderungen. Klangzauber muß entstehen ohne sinnentleertes Schwelgen, die Anmut einer unendlichen Melodie ohne Gleichförmigkeit, das Fortschreiten des Geschehens, die dauernde Beunruhigung durch das Liebesabenteuer, muß sich mit größter Ruhe verbinden. Wie ist das zu bewältigen?
Sie haben diese Anforderungen überzeugend beschrieben. Ja – wie kann man dem Ziel nahekommen? Ich glaube, es ist wichtig, sich nicht wegtragen zu lassen von der Flut der Bilder und Metaphern, die ja sehr anspruchsvoll sind (ohne daß sie ein zu hohes Maß an humanistischer Bildung voraussetzen). Der richtige Weg, scheint mir, ist das ständige Bemühen, jedem Gedanken nachzuspüren. Wir sprachen am Anfang vom Lebensgefühl. Im Grunde genommen findet Gefühl wohl kaum ohne Gedanken, ohne Denken statt. Indem man Gefühle und Bilder „denkt“, wirkt man der Gefahr des Weggetragenwerdens womöglich am besten entgegen.

An Goethes Versen beeindruckt die Vielfalt, der souveräne Wechsel der dichterischen Formen: Dem Rückblick auf die Monotonie in Weimar folgt der Traum, auf dein Olymp von Jupiter empfangen zu werden, der prallen Realistik in der Schilderung des Liebeserlebnisses folgen Mittel der Phantastik in der siebenten Elegie, Formen epigrammatischer Kürze in den Elegien 8–10.
Der Wechsel der Formen, der Bilder, des Rhythmus’ gehört zu den Wesensmerkmalen großer Kunst. Mir hat es Vergnügen bereitet – ich hoffe, das teilt sich dem Hörer mit – diese verschiedenen Elemente miteinander zu konterkarieren, zu kombinieren: reflektierende mit aktiven Elementen, Sinnlichkeit mit Sinnfälligkeit, Unbändigkeit des Genusses mit überlegener Beherrschung, Lust und Freude mit banger Vorahnung, ja Verzweiflung. Der Wechsel des dichterischen Ausdrucks gibt dem Interpreten die Chance, den Zuhörer in Spannung zu halten, seine Aufmerksamkeit zu binden.

Goethes Text leuchtet immer wieder Grundsituationen aus: die erwartungsvolle Vorfreude in der ersten Elegie etwa, dieses Absuchen der Paläste nach erhofften Freuden. In ihrer Gestaltung fällt mir das sparsame Andeuten von Situationen und Vorgängen auf; das Vermeiden von nachahmenden Ausspielen, das den Fluß des Ganzen sprengen würde.
Die Phantasie des Lesers, Zuschauers oder Zuhörers darf, glaube ich, nie erschlagen, nie beeinträchtigt werden. Er muß die Chance haben, mitzudenken, Freiräume individuell zu nutzen. Phantasie braucht leichte, spielerische Anstöße …

Die Fragen an Hans-Peter Minetti stellte Volker Trauth.
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Sprecher: Hans-Peter Minetti

Regie der Schallplattenaufnahme: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig
Aufgenommen 1987

Musikeinblendung aus dem Konzert für Oboe und Orchester KV 314 (285d) von Wolfgang Amadeus Mozart
Staatskapelle Dresden
Dirigent: Herbert Blomstedt
Oboe und Kadenzen: Kurt Mahn