Römische Elegien I–XX
mit Musik alter Meister

von Johann Wolfgang Goethe

LP LITERA 8 60 016
Covertext:
„Erotica Romana“ steht auf dem zweiten Blatt der Handschrift, die das Römischste von Goethes Dichtungen enthält. Mit Bleistift hat der Dichter die Überschrift gestrichen und darüber gesetzt: Elegien. Rom 1788. Als „Elegien“ erschienen anonym zwanzig von den vierundzwanzig Gedichten im sechsten Stück des Jahrgangs 1795 von Schillers Zeitschrift „Die Horen“ mit dem lateinischen Motto:
„Sicheren Liebesgenus und gestatteten Raub nur besing’ ich; Nirgend in meinem Gedicht wird ein Verbrechen gelehrt.“
Ovid, Die drei Bücher der Liebeskunst

Vier Jahre vorher, bald nachdem der Gedichtzyklus entstanden war, ließ Goethe die Elegie „Amor bleibt ein Schalk, und wer ihm vertraut, ist betrogen!“ in der von Karl Philipp Moritz herausgegebenen „Deutschen Monatsschrift“ drucken. Als der Zyklus 1806 in Goethes Schriften erschien, trug er den Titel „Römische Elegien“. Und diese Bezeichnung ist es, die sich eingebürgert hat. Die restlichen vier bilderreichen, sinnlich erregten und erregenden Elegien, in getrennt gehefteten Blättern aufbewahrt, wurden erst 1887, verstümmelt zwar, aus dem Nachlaß Goethes bekanntgemacht.

Die „Römischen Elegien“ sind nicht auf dem Boden entstanden, der ihnen Stoff und Form lieh, sondern in Deutschland in der Folge jener Julitage, in denen Goethe Christiane Vulpius, seine spätere Frau, kennen und lieben lernte. Die Geschehnisse der Gedichte erlebte der Dichter in Weimar, der Ort, an den er sie verlegt, ist Rom. Das Gestrige, ein Traum nur noch von dieser Stadt, verwob sich mit dem Gegenwärtigsten zu einem Gewebe, dessen einzelne Fäden fast alle herauszulösen sind, doch dessen prächtiges Bild die ursprünglichen Elemente kaum noch ahnen läßt.

Elegisch, d. h. klagend, im heute zumeist gebrauchten Wortsinn, sind die Gedichte nicht. Aber sie sind auch nicht durch die Verwendung des Distichons als metrische Form allein mit der antiken Elegie verwandt. Die sinnenfrohen Verse entzünden sich sowohl an der Gegenwart wie an der verlorenen römischen Welt. Wie Goethe von Rom scheidet, ist er dem römischen Dichter Ovid vergleichbar, der in der Verbannung die letzte Nacht in der geliebten Heimatstadt besang. „Auf eine besonders feierliche Weise sollte jedoch mein Abschied von Rom vorbereitet werden; drei Nächte vorher stand der volle Mond am klarsten Himmel, und ein Zauber, der sich über die ungeheure Stadt verbreitet, so oft empfunden, ward nun aufs eindringlichste fühlbar ... Und wie sollte mir in solchen Augenblicken Ovids Elegie nicht ins Gedächtnis zurückkehren, der, auch verbannt, in einer Mondnacht Rom verlassen sollte.“ In aller Farbenpracht und Sinnenfreude klingt leise, ganz leise, durch den zärtlichen Jubel der Schmerz um den Verlust der südländischen Welt hindurch, Die geliebten römischen Dichter. Tibull, Properz, Catull, Ovid, durch den römischen Aufenthalt erneut heraufbeschworen und ihre Dichtungen geradezu nacherlebt, steuerten Motive zu den Elegien bei. Aber das Liebesspiel Goethes ist weder antik, noch im antiken Rom beheimatet. Es ist ein durchaus gegenwärtiges Erlebnis, und sein Rom ist eine zeitgenössische, wenn auch nicht eben moderne Stadt. Für den Dichter war sie eben erst für dreizehn Monate Arkadien. So gab er, doppeldeutig, 1815 den Gedichten mit vollem Recht den Vorspruch: „Wie wir einst so glücklich waren, müssens jetzt durch euch erfahren“. Der Vertraute dieser in jedem Bezug „klassischen“ Dichtung ist der Weimarer Freund Knebel, der den Dichter nach seiner Rückkehr aus Italien durch eine Ausgabe der Dichtungen des Properz, Tibull und Catull erfreute. Im Geiste und Stil dieser Dichtungen schwelgten beide, als sich Goethe an sein eigenes Werk machte. „Wenn es Amorn gefällt, so regaliere ich Dich beim nächsten Wiedersehen mit einigen Späßen im antiken Stil. Ich kann von diesem Genre nicht lassen, ob mich gleich mein Heidentum in wunderliche Lagen versetzt“, schrieb Goethe an den Freund. Herder, der andere Vertraute der „Erotica Romana“, riet bald nach, ihrer Entstehung von einer Veröffentlichung ab und Goethe war ihm, wie er an Knebel schreibt, zunächst „blindlings gefolgt“. In Weimar machte die Handschrift der Gedichte allmählich die Runde, so daß Charlotte von Stein 1794 an Schillers Frau etwas indigniert schreiben konnte: „Die bewußten Elegien habe ich schon mehrmals loben hören, aber mir zu lesen gegeben hat mich der ehemalige Freund vermutlich nicht würdig gefunden. Er wollte sie vor einigen Jahren drucken lassen, der Herzog widerriet’s ihm aber; wie unseren gnädigsten Herrn just einen Moment diese pedantische Sittlichkeit überfallen hat, begreife ich nicht“.

Ein wenig neugierig war die Vertraute von ehemals. Doch als sie die Verse in den Händen hielt, fühlte sie sich abgestoßen. „Für diese Art Gedichte habe ich keinen Sinn“. Das Urteil des Herzogs gar fand Wilhelm von Humboldt „drollig“, denn jener meinte, daß ein Dichter, der zum „Vorsteher und Stammhalter des literarischen Volkes gestempelt“ sei, sich derlei Extravaganzen nicht erlauben dürfe, Knebel und Schiller dagegen hielten die Elegien für zu den besten Sachen gehörig, die Goethe gemacht hatte. „Darüber, daß ich die Goethischen Elegien in die „Horen“ aufgenommen habe“, schrieb Schiller, „und noch heute darin aufzunehmen willig und bereit sein würde, werde ich, wenn nur einigermaßen meine Zeit es erlaubt, öffentlich in einem kleinen Aufsatz über die Schamhaftigkeit der Dichter, oder wie er sonst betitelt sein mag, meine Gründe angeben.“ In seiner Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ hat Schiller dieses Versprechen eingelöst.

Hoch über den kleinlichen, engen und nicht ganz aufrichtigen – wenn wir die Wirklichkeit zum Zeugen machen – Vorurteilen des Weimarer Hofkreises steht Schiller. Vielleicht konnte auch er Goethe in diesem Punkte nicht ganz folgen, aber die Erhabenheit des Gegenstands von Goethes Dichtung erfaßt er mit sicherem Instinkt. Er schreibt am 5. Juli 1795: „Die Elegien ... sind vielleicht in einem zu freien Ton geschrieben, und vielleicht hätte der Gegenstand, den sie handeln, sie von den „Horen“ ausschließen sollen. Aber die hohe poetische Schönheit, mit der sie geschrieben sind, riß mich hin, und dann gestehe ich, daß ich zwar eine konventionelle, aber nicht die wahre und natürliche Dezenz dadurch verletzt glaube ...“

Der Zyklus der Elegien ist aus einem Guß. Die Szenen bauen sich aufeinander auf. Elegie I ist Einleitung. Der Schauplatz wird genannt und das Hauptmotiv, die Liebe, angeschlagen. II stellt Römerin und nordischen Fremden gegenüber. Sie suchen ihre Liebe vor dem Lärm der Tagespolitik wie vor dem Schwatz der Gesellschaft zu retten. Die Elegie III rechtfertigt die Liebenden angesichts des Vorlebens der mythischen Götter. In IV wird das Thema der raschen, heißblütigen Umarmung fortgesetzt, unter allen Göttern wird der Göttin „Gelegenheit“ gehuldigt. In den letzten Versen scheint das Bild Christianens aufzusteigen. V, in der die Liebe selbst zur Kunst erhoben und die Kunst in die Liebe eingeführt ist, führt zu einem ersten Höhepunkt des Zyklus: „... und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand ihr auf den Rücken gezählt.“ Mit VI erscheint ein neues Motiv. Die Geliebte klagt über unbegründete Eifersucht. In VII tritt der elegische Ton in dem häufig hervorgehobenen Gegensatz von nordischer Trübe und südlicher Klarheit hervor. Die Seligkeit, mit seiner Liebe unter dem hellen Himmel Italiens leben zu dürfen, läßt den Dichter Jupiter, den Göttervater, überschwenglich preisen. VIII und IX kehren zur Betrachtung der Liebsten zurück. X, die kürzeste der Elegien, mißt den Triumph des Lebendigen am Schattendasein der Verstorbenen. XI und XII stellen die Liebenden in den Kreis der griechischen und römischen Liebesmythen. Die große Elegie XIII beschwört durch Amor antikes Leben herauf, um es hinter der Gegenwart zurückweichen zu lassen. XIV ist ein kurzes Zwischenspiel zwischen XIII und XV, die der zweite Höhepunkt des Zyklus ist. Von der Fülle des Volkslebens in den Osterias wendet sich der Blick des Dichters, nachdem er sich mit der Geliebten verständigt, in ungeduldigem Warten der Pracht der Stadt zu, hoffend, das Sonnenlicht möge rascher als sonst darüber hingleiten. XVI und XVII sind erneute Intermezzi mit retardierender Funktion. Erst XVIII bringt die letzte Erfüllung des Liebesspiels. Die längere XIX bringt noch einmal die Götterwelt und ihre Sagen gleichnishaft ins Spiel, während XX die Rechtfertigung des Dichters bringt, sein Glück der Dichtkunst anzuvertrauen und es damit aus der Verschwiegenheit zu entlassen.

Wieviel Künstler versuchten, die zum Überströmen gefüllte Schale, in die Goethes Sprachkunst Bild auf Bild häufte, mit ihren Mitteln auszuschöpfen, die wechselnden Situationen der „Göttin Gelegenheit“ festzuhalten. Zuletzt deutete Max Schwimmer die Elegien mit graziler Hand aus. Jedem stellen sie sich anders dar. Unabsehbar ist seither die Zahl der frohbewegten Herzen, die lächelnd und wissend dem Dichter in die römisch-deutsche Welt der Liebe und der Kunst, umgeben von der bunten Götterwelt der Antike, folgen.

Helmut Holtzhauer
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Vorspruch
Rigaudon von Francois Couperin

Elegie I
Menuett von Charles Dieupart

Elegien II–V
Menuett von Georg Muffat

Elegie VI
Gavotte von Charles Dieupart

Elegien VII–XII
La Latuine von Johann Philipp Kirnberger


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Elegien XIII–XIV
Sarabande von Johann Krieger

Elegie XV
Gavotte gayment von Francois Couperin

Elegien XVI–XIX
Sorabande von Johann Caspar Ferdinand Fischer

Elegie XX
Tambourin von Jean Philipp Rameau

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Sprecher: Wilfried Ortmann

Musikalische Bearbeitung: Manfred Nitschke
Fritz Klingenstein, Viola da gamba
Werner Tast, Flöte
Heinz Christoph, Cembalo
Regie: Renate Thormelen


In Zusammenarbeit mit den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar