Rolf Ludwig – Ein Schauspielerportrait

LP LITERA 8 60 235
Covertext:
Über Rolf Ludwig
Rolf Ludwig ist jetzt über zwanzig Jahre am Theater und gilt noch immer als ein jugendlicher Tausendsassa des Theaters. Es ist ganz selten, heutzutage. daß ein Schauspieler von der Bühne her – und ohne Film; obwohl er vielfach gefilmt hat – diese Popularität erlangt. Bei Ludwig hat das Gründe. Nicht davon allein, daß er in einer endlosen Serie von Vorstellungen einen berühmt gewordenen übermutstollen Truffaldino in Goldonis „Diener zweier Herren“ gespielt hat, kommt das her ...

Herbert Jhering über Rolf Ludwigs Interpretation des „Truffaldino“: Er spielt entfesselt und diszipliniert zugleich. Auch er springt scheinbar hemmungslos über Tische und Stühle. Alle Einfälle wirken improvisiert. Locker und leicht jongliert er mit Worten und Gebärden. Aber bewundernswert wird seine Leistung erst durch die Disziplin, mit der er die scheinbaren Improvisationen zusammenhält, durch die Dispositionskraft seiner Phantasie, mit der er den Sturzbach der Einfälle gliedert und in den Ufern der Situation hält. Ja mehr: alle komödiantische Lust dient nur dazu, sich selbst und die Wirkung dieser Einfälle auf die Menschen zu beobachten und aus dieser Beobachtung neue Freude, neue Laune zu ziehen.“

... Der Schauspieler Rolf Ludwig begann als Operettenbuffo, als Komiker. Er hat dabei gelernt (zu Anfang der fünfziger Jahre konnte man ihn im Berliner Metropoltheater in solchen Rollen noch sehen), daß man sein Publikum zu den Wirkungsabsichten einer Rolle hin mitzunehmen hat, intellektuelle Vorführungen nicht ausreichend sind, eine Geschichte und die Erzählung über eine bestimmte Figur in der Geschichte „an den Mann zu bringen“. Wenn Rolf Ludwig spielt, fühlt man sich als Zuschauer nie durch die berühmte vierte Wand zum Parkett hin ausgeschlossen. Immer wird einem der Mensch, der da dargestellt wird, zur Sympathieempfindung oder zu kritisch-komischer Distanz buchstäblich anvertraut.

Am allermeisten erinnerlich ist das bei seinem Konfliktkommissions-Vorsitzenden Hirsch im „Lorbaß“; eine seiner Glanzleistungen am Deutschen Theater über Jahr und Tag. Ursprünglich gab es Sorgen, er sei für diesen abgebrauchten, müden, aber immer noch kampfwilligen Mann fast im Veteranen-Alter zu jung besetzt. Es gab Vermutungen über die Gefahr, sein Talent – ganze Feuerwerksunternehmungen zu veranstalten mit komischen Charaktereigenschaften einer Figur – wurde das Kauzige, ja Bornierte an dem Hirsch überziehen. Was dann zu sehen war, war ein sehr ruhiger Mann mit der Fähigkeit zur Selbstdistanz. Mit der Fähigkeit bei den Überspitzungen, die ihm im Drang der Geschäfte fortwährend unterlaufen und mit denen er gemäß dem Gang des Stücks nicht durchkommt, nicht passiv und enttäuscht auf die Niederlagen zu reagieren die ihnen folgen, sondern sein Fehlverhalten in fortlaufend neuen, fast unerschütterten Offensivitäten selber zu beheben. Und dabei neu in Fehler zufallen. Das war für den Zuschauer betrachtbar gemacht von daher stellte sich der Dauerzustand leiser Komik ein, den ganzen Theaterabend durchwärmend, ohne daß Ludwig, scheinbar, irgendwelche außerordentlichen Mittel eingesetzt hat um Blickpunkt des Abends zu werden.

Dabei sind seine darstellerischen Mittel außerordentliche. Es fällt auf, daß er alles, was er macht sehr zart genau und leise macht. Sogar der laute, vitale Ausbruch verläuft noch so!

Zu seiner künstlerischen Selbständigkeit hat die Rollenfülle, die ihm seinerzeit Fritz Wisten am Theater am Schiffbauerdamm ermöglichte, Grundlagen gelegt. Die Besonderheit seiner Kunst hat sich entwickelt, nachdem er mit nunmehr sehr strenger Auswahl seiner Aufgaben ein Schauspieler der Schule Benno Bessons geworden ist.

Diese Anspruchshöhe („Lorbaß“ hat davon auch abbekommen) erbrachte als erstes die theatralische Sensation seines gleich in dreifacher Gestalt personifizierten Drachen in Jewgeni Schwarz’ gleichnamigem Stück. Alle seine komödiantischen Temperamentsmöglichkeiten zu mimischem und Körperausdruck waren genommen und zu diesem absichtsvoll ganz sanft und leise hingesetzten Zerrbild eines Menschenkneblers hochstilisiert.

Und als Kontrast zu der durchorganisierten Ausdrucksvielfalt dieser Rolle stand eines Tages da der infolge von Dauerarbeitslosigkeit brutalisierte Flieger Sun in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ – auf zwei, drei fast programmatisch zu nennende Körperhaltungen reduziert – in einem solche Haltungspostulate ermöglichenden flächigen Bühnenbild. Ein neuer Rolf Ludwig, radikal enthaltsam gegenüber allen in Jahr und Tag bewährten Ausdrucksturbulenzen.

Als direkteste Nahtstelle seiner Existenz zwischen den Extremen so einer (ihm nach den Erfahrungen mit Besson möglichen) Bändigung und jener Vitalität, mit, der sich Rolf Ludwig als Schauspieler jedesmal von seiner eigentlich sehr ernsten, grüblerischen Wesensart abhebt ist der Sganarelle, zu sehen in Molieres „Don Juan“, 1968 am Deutschen Theater inszeniert. Bei ihm war diese muntere Dienertype, kontrapunktisch gegen den erfebnislüsternen Don Juan gesetzt, eigentlich ein Leidender: leidend an der sozialen Unmöglichkeit sich auch Lebenslust zu leisten, leidend an den expressiven Unvernunften seines Herrn, denen er nachfolgen muß statt sie zu regulieren.

Und es war schön, zu sehen, wie Ludwig das Am-Leben-Leiden ausgerechnet durch die direktesten Gegen-Eigenschaften, nähmlich Kraft und Einsatzbereitschaft, bezeichnete und kenntlich machte, Sganarelle (immert, auf Änderung hoffend) jede Zwangssituation, in die ihn sein Geschick bugsiert unverdrossen anging.

Ilse Galfert


Daß Rolf Ludwig seine Interpreten-Kunst in einem eigenen Rezitations-Abend dem antifaschistischen Schriftsteller Wolfgang Borchert (1921–1947) widmet ist gewiß nicht zufällig. Der Dichter wie der Schauspieler gehören der gleichen Generation an, deren Charakterbild vom schrecklichen Erlebnis des Krieges geprägt worden ist. Rolf Ludwig, wenn er Borchert spricht wächst über sich als Komiker und Schauspieler hinaus und wird zum Verkünder eines streitbaren Humanismus.

Lothar Kusche
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Lothar Kusche mit Rolf Ludwig im Gespräch

Rolf Ludwig in Theaterszenen:

Jewgeni Schwarz
Der Drache
lnszenierung Benno Besson, Deutsches Theater 1964
Rolf Ludwig als Drache

Horst Salomon
Ein Lorbaß
Inszenierung Benno Besson, Deutsches Theater 1967
Rolf Ludwig als Hirsch,
Vorsitzender der Konfliktkommission
Partner: Peter Dommisch, Jutta Hoffmann, Eberhard Esche,
Günter Sonnenberg, Jürgen Holtz, Reinhard Michalke,
Reimar Joh. Baur

Jean-Baptiste Moliere
Don Juan
Inszenierung Benno Besson, Deutsches Theater 1968
Rolf Ludwig als Sganarelle
Partner: Reimar Joh. Baur
Musik: Reiner Bredemeyer

Jean-Baptiste Moliere
Arzt wider Willen
Inszenierung Benno Besson, Volksbühne 1971
Rolf Ludwig als Sganarelle
Partner: Carmen-Maja Antoni

Alexander Ostrowski
Wald
Inszenierung Manfred Karge und
Matthias Langhoft,
Volksbühne 1972
Rolf Ludwig als Gennadi
Partner: Hans Teuscher, Ursula Braun,
Carl-Hermann Risse,
Klaus Mertens


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Rolf Ludwig liest Schischyphusch
von Wolfgang Borchert
Aus: Wolfgang Borchert „Gesamtwerk“,
erschienen bei Mitteldeutscher Verlag Halle

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Darsteller, Leser, Sprecher: Rolf Ludwig

Auswahl und Zusammenstellung
der Theatermitschnitte: Dieter Kranz
Künstlerische Mitarbeit: Karin Lorenz
Tonregie: Karl Hans Rockstedt