Rote Rosen, dunkle Wolken
Szenen und Lieder mit Elsa Grube-Deister
LP LITERA 8 65 309
Covertext:
Da haben wir die ganze Elsa Grube-Deister, und doch nur einen Teil von ihr: Szenen und Lieder, ausgewählt aus großen Inszenierungen und populären Programmen des Deutschen Theaters Berlin, in denen sie mitwirkte und denen sie Gepräge gab auf ihre Weise. Mit Anmut und Charme, Intelligenz und Witz, starker Leidenschaft und zarter Verhaltenheit. Sie ist seit über zwei Jahrzehnten im weltberühmten Haus in der Schumannstraße 13a beheimatet. Wer Elsa Grube-Deister auf der Bühne sah, kann sich ihre Frauengestalten ins-Gedächtnis zurückrufen, so glaubwürdig und eindrucksvoll sind sie gewesen.
Erinnerlich der Ausdruck ihres Gesichts – heiter oder von einer tiefen Traurigkeit, offen, verschlossen oder aufflammend im Zorn – erinnerlich schlichte Gesten, lebhafte Gebärden und große, dramatische Vorgänge. Ihre Bühnenrollen markieren gleichsam Stationen ihres Lebens, wie sie naiv und ernsthaft begann, hochgemut Glück und Erfolg genoß, an Verlusten, Schwierigkeiten, Schmerzen reifte und wuchs und souverän alle Phasen menschlicher Empfindungen, menschlichen Seins nachzuvollziehen vermag. Indem sie von eigenen Erfahrungen ausgeht, nähert sich Elsa Grube-Deister einer Rolle, erschließt in oft qualvollem Prozeß das Vielschichtige einer Figur. Meist gewinnt sie ihr andere Seiten ab als allgemein üblich, erfaßt sie psychologisch und sozial genau.
Ihre Dorine in Molières „Tartüff“ war statt des neckischen Kammerkätzchen-Klischees ein gescheites, aktiv handelndes Mädchen aus dem Volke. Ihre Daja in Lessings „Nathan der Weise“ keine hausbackene Magd, sondern eine Gegenspielerin Nathans, die im kleinen Politik zu machen versucht, Ihre Marthe Rull in Kleists „Zerbrochenem Krug“ kein auf Recht und Tugend pochender Dragoner, vielmehr eine in Aufruhr gebrachte Frau, die um das Liebste bangt, das ihr geblieben ist, die sorgsam behütetete Tochter Ev. Zu den vielen Frauenrollen, die sie gespielt hat, gehört auch die Margareta in Shakespeares „Richard der Dritte“. Megäre in ihrem Haß, Verwünschungen ausstoßend, raste sie über die Bühne, ordinär wie ein Fischweib, doch jeder Zoll eine Königin.
Wer ihrer Stimme lauscht, entdeckt, zwischen kräftig und sanft, eine Skala feiner Zwischentöne. Hinter Fröhlichkeit verbirgt sich eine Spur von Leid, hinter Enttäuschung ein Quentchen Humor, hinter Getroffensein ein Flügelschlag Zuversicht. Ein kurzer Auflacher, ein leichtes Obenhin, wenn sie das Bedeutsame einer Mitteilung bemänteln will, ein Ausbruch aus Abgründen, wenn sie sich gegen Unrecht empört, zärtliche Behutsamkeit, wenn sie sich Hilflosen zuwendet. Eine Stimme, die hart und unerbittlich sein und sich zu Träumen aufschwingen kann.
Elsa Grube-Deister, die Schauspielerin, ist auch eine Gesangsinterpretin von Format. Das Publikum liebt ihre heiteren und poetischen Volkslieder, ihre schaurig-schönen Moritaten, lacht und weint mit ihr. Beim tragikomischen Lied vom Lieschen, das allein im Wald spazieren ging, schimmert die jahrhundertealte Mütterangst hindurch, die Tochter könne in Schande geraten, bei „O Straßburg, o Straßburg“ Sorge und Leid um den Soldatensohn, bei „Der Mond ist aufgegangen“ die Hoffnung auf eine friedliche Welt. Elsa Grube-Deister scheut sich vor Glätte, vor brillanter Perfektion. Sie stellt sich allabendlich jeder Rolle, jedem Lied aufs Neue, wird jedesmal anders sein, sich wandelnd und verändernd.
Mit der Helena erfüllt sich der Kindheits- und Jungmädchentraum, schön zu sein und sich, singend und spielend, das Publikum zu erobern. Diese Schönheit war nicht gegeben, entstand nicht durch Äußerlichkeiten. Sie erblühte aus glänzendem Charme und einer feinen Ironie, aus raffinierter Schläue, unbändiger Sinnenfreude und aus der Bewußtheit, beliebt und begehrt zu sein. Helena, die mit dem geliebten Schäfer spielt, sich von ihm erobern läßt und dem gekränkten Ehemann eine triumphale Abfuhr erteilt – was für ein Weib, was für eine hinreißende, glanzvolle Leistung der Elsa Grube-Deister!
Daß sie auch in kleinen Rollen groß sein kann, bewies sie, zwei Jahre zuvor, als Herbstfleiß im „Frieden“. Der Weinbauer Trygaios, des seit zehn Jahren währenden Krieges überdrüssig-, hat sich auf den Weg gemacht, sich im Olymp zu beschweren. Mit List und Tücke gelingt es ihm schließlich, die in einem Brunnen gefangene Friedensgöttin mitsamt ihren Gespielinnen zu befreien. Lenzwonne fällt Trygaios zu. Herbstfleiß, drall, appetitlich und für einen Sklaven vorgesehen, spricht, als hätte sie es vorher einstudiert, wie eine Agitatorin von Arbeit und Pflichten. Gerät ein bißchen ins Schwanken und Wanken, beharrt jedoch mit kindlichem Eifer auf ihrer Botschaft.
Elsa Grube-Deisters Daja im „Nathan“ war geschwätzig, von ihrer Unentbehrlichkeit überzeugt. Wenn sie die Pflegetochter des gerühmten Weisen mit dem jungen Tempelherrn verkuppeln will, zieht sie alle Register. Täuscht die Zufälligkeit einer Bewegung vor, redet ihm zu Munde, will mit Klagen Mitgefühl erheischen und preist mit honigsüßer Stimme die Vorzüge ihres Brotgebers, den sie später – als er dem Tempelherrn die Tochter verweigert – schamlos verrät. Eine frömmelnd Lavierende, die doch nur eine Verbindung von Christ und Christin anstrebt, in Elsa Grube-Deisters Darstellung bewußt gegen die Festigkeit und menschliche Würde des Nathan gesetzt.
Ganz anders ihre Haushälterin in „Doña Rosita bleibt ledig“. Sie lebt in einer Welt der schönen Bilder und des Verfalls, kann den Ruin des Hauses und Rositas Mißgeschick nicht verhindern, obwohl sie selbst nur noch an die Freuden im Jenseits glaubt. Wütend auf den Verlobten Rositas, der das Mädchen sitzen und verblühen ließ, denkt sie sich Strafen für ihn aus. Die Grube-Deister tuts fast genüßlich, zerstapft, pisakt den Schmählichen, ihre Wut schlägt um in einen großen Haß auf die Reichen, auf die ungerechte Verteilung von Glück und Unglück, sie bringt es sogar fertig, ihre von Leid erstarrte Herrin aus der Reserve zu locken, mit ihr gemeinsam zu hecheln und gegen die eigene Ohnmacht anzuschreien. Sich plötzlich vergangener Zeiten erinnernd, malt sie poetisch und blumenreich ein Zukunftsbild, erzählt es wie ein schönes Märchen, läßt die Guten über wolkenreichem Himmel schweben und steigert sich so in diese Vorstellung, daß sie ihre einstige Lebenslust zurückgewinnt.
In „Guten Morgen, du Schöne“ spricht, spielt, ist Elsa Grube-Deister die Karoline: Verheiratet, fünf Kinder und nach mehreren Versuchen, wieder einen Beruf zu finden, in dem sie nützlich sein kann, heute Kaderleiterin. Sie hat die Stimme eines jungen Mädchens, wenn sie sich des Beginns ihrer Liebe zu Richard erinnert. Kann heiter über die Mühen der Anfangsjahre, ganz selbstverständlich über alltägliche Sorgen und Mühen reden, weil alles gut, wenn auch nicht glatt gegangen ist. Bis sie krank wurde und ihre Ehe fast zerbrach. Der damalige Schmerz ist noch spürbar, kaum überwunden, doch sie hat an Sicherheit gewonnen, Elsa Grube-Deister liebt die Karoline, weil sie – positive Heldin, ohne es zu wissen – charakteristisch ist für die Frauen ihrer Generation. Sie offenbart den inneren Reichtum dieses Menschen, der so gut mit anderen umgehen und aus jeder Situation das Beste machen kann, seine Fähigkeiten aber erst nach beglückenden und bitteren Erfahrungen entfalten konnte.
In „Juno und der Pfau“, ihrer wohl schönsten Rolle, gab Elsa Grube-Deister alles, was sie bisher erlebt, erlitten und zu bestehen hatte: Lust, Schmerz und die Kraft, sich Unabänderlichem zu stellen und über Alltäglichkeiten und Katastrophen hinauszuwachsen. Schon als sie das Stück las, löste die Figur der Juno in ihr Zuneigung und eine große Zärtlichkeit aus. Sie muß sich in ihr wiedererkannt haben, fand sich in ihr wieder.
Beim Spiel war ihr selbst das Hantieren in der Armeleuteküche, das Nichtendenwollen häuslicher Pflichten vertraut, geläufig das ewige Treppauf, Treppab, das Umsorgen der Familie und der Ärger, daß sich jeder nur auf sie verläßt. Wie sich diese Proletarierfrau abplagt – geschlagen mit einem stellungslosen Mann, der große Sprüche klopft und sich vor jeder Arbeit drückt, die ihm unter seiner Würde dünkt (dargestellt von dem unvergessenen Schauspieler Dieter Franko), belastet vom verkrüppelten Sohn und der schwangeren, vom Geliebten verlassenen Tochter – wie sie auf eine Erbschaft hofft, die sich als Illusion erweist, wie sie die Familie zusammenhalten und nahendes Unheil abwenden will, gehört zu den ganz großen, wunderbaren Leistungen dieser Schauspielerin.
Komödiantin und Tragödin, brachte sie die Zuschauer zum Lachen und bewirkte tiefes Betroffensein, als sie am Ende den Mann und die Trümmer ihres Lebensgebäudes verläßt, um für die Zukunft ihres noch ungeborenen Enkels zu kämpfen. Diese Juno, realistisch und durchaus keine Idealgestalt, behaftet auch mit Fehlern und Schwächen, bleibt im Gedächtnis als Sinnbild mütterlicher Wärme und unzerstörbarer Kraft.

Anne Braun
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Aus Faust. Der Tragödie erster Teil
von Johann Wolfgang Goethe
Zueignung
(Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten)

Zwei Lieder aus
Die schöne Helena
Operette für Schauspieler
von Peter Hacks
nach dem Libretto von Meilhac und Halévy
Musik von Jacques Offenbach,
bearbeitet von Herbert Kawan und Reiner Bredemeyer
Regie: Benno Besson, Premiere 1964
Helena: Elsa Grube-Deister
Paris: Fred Düren
Kalchas: Rolf Ludwig
Menelaos: Günter Sonnenberg
Instrumentalgruppe des Deutschen Theaters,
Leitung: Reiner Bredemeyer

Zwei Szenen aus
Der Frieden
Komödie des Aristophanes
in der Bearbeitung von Peter Hacks
Musik: Andre Asriél
Regie: Benno Besson, Premiere 1962
Herbstfleiß: Elsa Grube-Deister
Lenzwonne: Brigitte Soubeyran
Trygaios: Fred Düren
Ein Sklave: Peter Dommisch
Jazz-Optimisten Berlin, Leitung: Andre Asriél

Szene aus
Nathan der Weise
Dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Friedo Sober, Premiere 1966
Daja: Elsa Grube-Deister
Tempelherr: Dieter Mann

Drei deutsche Volkslieder
aus den Volkslieder-Abenden des Deutschen Theaters Nr.1 (1975)
und Nr.2 (1981)
1) Ach, wie ist’s möglich dann
Chorus: Dieter Franke, Günter Sonnenberg
Satz und Klavier: Uwe Hilprecht
2) Lieschen ging allein spazieren
Chorus: Uwe Hilprecht, Günter Sonnenberg
Geige: Uwe Hilprecht
3) Dunkle Wolken
Gitarre: Reimar J. Baur
Klavier: Uwe Hilprecht

Doña Rosita bleibt ledig oder Die Sprache der Blumen
Granadische Dichtung in drei Akten von Federico Garcia Lorca.
Aus dem Spanischen von Enrique Beck
Regie: Siegfried Höchst/ Horst Sagert, Premiere 1970
Haushälterin: Elsa Grube-Deister
Tante: Inge Keller


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Deutsches Volkslied
aus dem Volksliederabend Nr. 1
Achim von Arnim: O Straßburg, o Straßburg

Aus
Guten Morgen, du Schöne
Protokolle nach Tonband von Maxie Wander
Leitung: Regina Griebel/Gabriele Heinz,
Premiere 1982
Karoline (gekürzt aus „Das Kupferdach“)

Zwei irische Volkslieder aus
Finnegans Whiskey
Lieder und Geschichten aus Irland
Leitung: Michael Hamburger, Premiere 1974
1) Alte Jungfer
2) Gebt dem Kind da Porter
Sätze: Reiner Bredemeyer
Musikalische Begleitung:
Gondola Sonsalla, Gitarre
Christian Braun, Hans-Joachim Müller, Johannes Nöhring

Zwei Szenen aus
Juno und der Pfau
Tragödie in drei Akten von Sean O’Casey
Aus dem Englischen
von Michael Hamburger und Adolf Dresen
Regie: Adolf Dresen, Premiere 1972
Juno Boyle: Elsa Grube-Deister
„Käptn“ Jack Boyle: Dieter Franke
Jerry: Horst Lebinsky
Mrs. Madigan: Käthe Reichel
Mary Boyle: Margit Bendokat

Deutsches Volkslied
aus dem Volkslieder-Abend Nr. 1
Matthias Claudius/Johann Abraham Peter Schulz:
Der Mond ist aufgegangen
Uwe Hilprecht, Gitarre

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Auswahl und Zusammenstellung aus Inszenierungen und Programmen des Deutschen Theaters: Regina Griebel und
Anne Braun
Tonregie: Karl Hans Rockstedt

Mit freundlicher Genehmigung des Henschel Verlages, Berlin (Juno und der Pfau), des Buchverlages „Der Morgen“ (Guten Morgen, du Schöne) und der Reiss-AG, Basel (Doña Rosita bleibt ledig).