Sati(e)risches und Musikalisches über Tiere
LP LITERA 8 60 078
Covertext:
„Der Spiegel ist, was wir Satire nennen.
Kein Scheusal aber will sich selbst darin erkennen.“ (I. A. Krylow)

Ist es wirklich nur das ausgesprochene „Scheusal“, das den „Spiegel der Erkenntnis“ scheut? Seien wir getrost etwas weniger höflich als der russische Fabeldichter I. A. Krylow und schauen wir ruhig – mit einem Augenzwinkern ins wahre Antlitz der Realität: Wieviele Menschen gibt es schon, die Humor und Größe genug haben, ihre Schwächen selbst zu erkennen, einzuschätzen und darüber zu lächeln? Blättern Sie im Buche Ihrer Erinnerungen: Ich glaube, Sie werden mir zustimmen! Und ... wie steht es mit Ihnen selbst, Mesdames et Messieurs? Pardon – das nur so nebenbei gefragt – ich will ja nicht indiskret sein …

Da nun Dichter und Schriftsteller im allgemeinen kluge Leute zu sein pflegen und das Leben, die Menschen beobachten, wissen sie auch, daß Kritik, Humor und Satire seit eh und je mehr Ärger als Brot einbringen. Das war schon von 500 Jahren und mehr so, und damals wie heute haben deshalb diese klugen Leute oft den Kunstgriff benutzt, nicht durch die „Blume“, sondern durch die „Tiere“ den Menschen gezielte und allgemeine Wahrheiten über ihre kleinen und großen Fehler zu sagen. Denn es ist gar nicht so schwierig, an den „lieben Tieren“ Ausdruck und Verhaltensweise festzustellen, die der Frau U. oder dem Herrn X. so ähnlich sind … Haben Sie noch nie bei der Beobachtung einer Eule an irgendeine skurrile Tante oder Bekannte gedacht? Ich habe z. B. beim Anblick eines ältlichen Schimpansen im Tierpark, der pedantisch sein Gemüse sortierte, stets einen bestimmten Bürokraten (ich sage nicht wo – warum soll ich dümmer als die Schriftsteller sein!) vor mir gesehen, der während jeder unserer Unterhaltungen seine Butterbrote (und auch seine Akten!) genauso eingehend untersuchte.

Oberhaupt die Affen … Verzeihung, ich schätze diese Tiere so sehr, daß ich besser schweige und lieber mit Genuß an die „Schöpfungslieder“ von Heinrich Heine denke – an diesen Großen unserer Dichtkunst, der durch die Humorlosigkeit in seiner trotz allem geliebten Heimat recht trübe Erfahrungen gemacht hat.

Ob Affe oder Mensch – eine recht verbreitete, doch oft bestrittene Schwäche ist – die Eitelkeit. Zwar ist der „Adam“ noch immer geneigt, diese allein der „Eva“ in die zierlichen Pumps zu schieben, doch war schon Wilhelm Busch – zu Recht – anderer Meinung. Auf seine Weise äußert er sie in seinem „Hahnenkampf“ – einem „Eifersuchtsdrama“ aus gekränkter Männchen- (Hähnchen-) Eitelkeit. Und von so einem „Hahnenkampf“ hörte ich erst kürzlich: Ein Wartburgbesitzer raufte sich in heftigen, langwierigen Auseinandersetzungen mit einem „schäbigen Trabantfahrer“ um die „Perle“ seiner Leidenschaft. Als sie sich schließlich geeinigt und ihr „gesträubtes Gefieder“ geglättet hatten, war der Traum ihrer Eroberungsgelüste längst in einem Skoda-Sport-Zweisitzer davongefahren.

Zu Sergei Michalkows „Eine einfache Auskunft“ kann ich nur gedankenverloren nicken und sehe recht viele mit mir nicken: Wir alle bekamen und bekommen doch so manche „einfache Auskunft“ … Ja, in solcher Loge ist man dann leicht geneigt, an Rudi Strahl zu denken und sich in die Haut – pardon, in das Fell – des „kleinen Murmeltiers“ hineinzuwünschen:
„Das kleine Murmeltier schläft sowieso.
Bald wird es Tag. Und gibt es kein Gewitter,
so kommen tausend Menschen in den Zoo
und gaffen staunend durch die Käfiggitter.“
(Nacht im Zoo)

Seit langem gehört zu meinen unerfüllten Träumen eine Reportage mit den Bewohnern des Tierparks nach einem munteren Sonntagnachmittag: Ich glaube, es wäre sehr aufschlußreich! Man denke nur an das oft äußerst angewiderte Mienenspiel des Löwen oder eines Papageiengroßvaters beim Anblick von … Nun, mir genügt schon der verachtungsvolle Ausdruck meines einjährigen Katers bei meinen Versuchen, ihn in seiner Sprache anzumauzen!

Ich bin überzeugt – bei all unserer Liebe zu den Tieren werden sie doch von uns überheblichen Menschen weitgehend unterschätzt. Und damit gebe ich meine volle Zustimmung zu einer „Rehabilitierung der Tiere“, die der tschechische Satiriker Jaroslav Hasek – weltberühmter „Vater“ des braven Soldaten Schwejk – allerdings auf ganz bestimmte Umstände seiner Zeit bezogen hat: Er wollte damit die Repräsentanten einer scheindemokratischen bürgerlichen Republik glossieren.

Schenken wir uns zum Schluß einige Minuten der Besinnlichkeit, wenn wir Bertolt Brechts „Herrn Keuners Lieblingstier“ hören: Wie schön könnte es sein, wenn alle Menschen so menschlich wären – so denken, empfinden und handeln würden, wie der Elefant in Brechts „Kalendergeschichten“.

Myriam Sello-Christian
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Nikolai Rimski-Korssakow
„Hummelflug“
(aus: „Das Märchen vom Zaren Sultan“ – Sinfonische Suite)

Heinrich Heine
„Die Launen der Verliebten“
(aus: „Schöpfungslieder“)

Louis Claude Daquin
„Le Coucou“

Wilhelm Busch
„Der kühne Ritter und der greuliche Lindwurm“
„Hahnenkampf“


Helmut Bräutigam
„Was sich Hühner gackern“
(aus: „Von allerlei Tieren“ – Kantate)

Iwan Krylow
„Der Spiegel und der Affe“
„Die Gänse“


Jean Philippe Rameau
„La Poule“

Sergei Michalkow
„Eine einfache Auskunft“
„Die Krähe und die Nachtigall“


Wolfgang Amadeus Mozart
„Kanarienvogel“
(aus: Sechs deutsche Tänze – KV 600 Nr. 5)


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Jaroslav Hasek
„Über die Rehabilitierung der Tiere“

Joseph Haydn
„Menuet du boeuf“ (Ochsenmenuett)

Rudi Strahl
„Nacht im Zoo“
„Von Tieren“


Helmut Bräutigam
„Der Kuckuck auf Freiersfüßen“
(aus: „Von allerlei Tieren“ – Kantate)

Erich Hanko
„Der Storch“

Peter Tschaikowski
„Tanz der kleinen Schwäne“
(aus: „Schwanensee“ – Ballett op. 20)

Bertolt Brecht
„Herrn Keuners Lieblingstier“

Igor Strawinski
„Zirkuspolka auf einen jungen Elefanten“

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Sprecher: Norbert Christian

Auswahl der Gedichte: Myriam Sello-Christian
Musikalische Gestaltung: Dieter-Gerhardt Worm
Regie: Myriam Sello-Christian