Hörspiele aus der Weltliteratur
LP SCHOLA 8 70 099
Covertext:
Weltliteratur – Literatur geht in die Welt hinaus, Literatur kommt zu uns! Dieser Gedankengang weckt Neugier, vor allem wenn der Frage nachgegangen wird: Wie sehen diese Werke aus, was macht sie so interessant und so wertvoll, daß sie weltliterarischen Rang erhalten und Jahrtausende lang am Leben bleiben? Auf diese speziellen Überlegungen, die mit dem letzten Teil der Frage berührt werden, ist die Auswahl auf unserer Schallplatte eingestellt: Beide, das indische Versepos „Das Ramayana“ und die griechische Prometheus-Sage, sind beinahe unvorstellbar alt, dennoch bereiten sie weiterhin Kunstgenuß.

Über das ursprünglich in Versen geschriebene indische Epos heißt es am Anfang der Schulfunksendung:
„Das Ramayana“ gehört in Indien zu den heute noch in allen Schichten der Bevölkerung lebendigen klassischen Meisterwerken. Episoden aus der weitgespannten Geschichte des Königssohnes Rama, einer Verkörperung des Gottes Veshnu, und der schönen Sita zählen zu den beliebtesten Themen von Märchenerzählern und reisenden Schauspielertruppen. „Das Ramayana“, von dem drei Versionen existieren, soll im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung von einem frommen Einsiedler namens Valmiki geschaffen worden sein, doch wurde in späteren Jahrhunderten immer wieder Neues hinzugefügt, Erweiterungen und Varianten, bis die heutige Gestalt von 24000 Doppelversen, in sieben Büchern gegliedert, vollendet war.

Das Epos gehört zu den heiligen Büchern der Hindus, weil sich in den Haltungen und Handlungen seiner Helden gleichsam die Moralvorstellungen des Hinduismus verkörpern.

Nationalpreisträger Willi Meinck, der mehrfach in Indien weilte und verschiedene Bücher über indische Themen veröffentlichte, hat auf der Basis einer englischen Prosaübersetzung eine auf die Kernfabel zurückgehende poetische Nacherzählung geschrieben.

Mit dem Einsatz der Schallplatte im Unterricht soll auf die Lenkung der außerunterrichtlichen Lektüre hingewirkt werden. In erster Linie als Buchempfehlung ist also der Schallplatten-Vortrag der Geschichte von Sitas Entführung durch den Dämonenkönig Ravana zu verstehen. Dem entspricht am ehesten die ununterbrochene Darbietung nach einer kurzen Vorbemerkung durch den Lehrer. Er führt die Schüler in die märchenhafte Situation ein und erklärt, daß die Geschichte von Sitas Entführung nach Ramas Sieg über ein Heer böser Geister beginnt. —

Prometheus ist eine weltberühmte Gestalt der altgriechischen Mythologie und Poesie. Als Sohn des Titanen lapetos entwendet Prometheus vom Herde des Zeus das Feuer, und er bringt es den Menschen, nachdem er sie handwerkliche und künstlerische Tätigkeiten gelehrt hatte, womit, der Sage nach, die Vermenschlichung des Menschen begann. Zeus rächt sich fürchterlich.

Wenn die Schüler die Sage gelesen haben, wird ihnen Prometheus sehr nahestehen. Sie werden auf seiner Seite sein, ihn bemitleiden, wenn er scheinbar rettungslos der Rache des Zeus ausgeliefert ist, und sie werden sich freuen, wenn dann doch noch Rettung kommt.

Mit dem Schallplatten-Vortrag kann das Ergebnis der Sagenlektüre auf verschiedenen Wegen gefördert werden. Als unterrichtsmethodisch empfehlenswert erscheint es, die Hörszenen geteilt in das unterrichtliche Literaturgespräch einzufügen und mit der Lektüre zu verbinden:
- Bei Erteilung des Lektüreauftrages werden die Szenen 1 und 2 eingesetzt.
- Nach der Erstlektüre werden die Szenen 3-5
in das Literaturgespräch eingegliedert, am besten den Schwerpunkten A, B und C folgend, die nach unserer Erfahrung bedeutsam sind für die Diskussion des Leseergebnisses unter der Zielstellung, den Schülern die Prometheusgestalt als eines der großen Sinnbilder begreifbar zu machen, welche dem unerschrockenen Kampf um Menschlichkeit schon vor Jahrtausenden gewidmet worden sind.

A Einsatz der Hörszene 3
Es wird sich lohnen, während des Literaturgespräches in Vergleichen mit historischen Taten zu entdecken, wann Menschen wirklich im Sinne des Prometheus gehandelt haben. Anregend für die Entwicklung des Literaturverständnisses (sowie der Selbst- und Welterkenntnis durch Literaturgenuß! wird es sein, wenn dann der Frage nachgegangen wird, wo sich Prometheisches im eignen Handeln finden läßt oder sich finden lassen würde, unter dieser oder jener Bedingung.

Die Lust am Entwickeln eigner Gedanken (und Gefühle) zur Lektüre wird weiterwachsen, wenn dem Prometheus andere Sagengestalten gegenübergestellt werden, Gestalten aus anderen Sagen, vielleicht auch aus Märchen und Fabeln, die den Schüler bei einer solchen Aufgabe einfallen. Sicherlich gibt es Gemeinsamkeiten festzustellen, aber es werden wohl die Unterschiede sein, die das Verständnis der Schüler dafür entwickeln helfen, warum diese alten Kunstgestalten lebendig geblieben sind und, wie es bei Marx heißt, „für uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten.
Ein Mann kann nicht wieder zum Kinde werden, oder er wird kindisch. Aber freut ihn die Naivität des Kindes nicht, und muß er nicht selbst wieder auf einer höher Stufe streben, seine Wahrheit zu reproduzieren? Lebt in der Kindernatur nicht in jeder Epoche ihr eigner Charakter in seiner Naturwahrheit auf? Warum sollte die gesellschaftliche Kindheit der Menschheit, wo sie am schönsten entfaltet, als eine nie wiederkehrende Stufe nicht ewigen Reiz ausüben?“
(Marx. Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie.)

An diesen Gedankenkomplex heranzukommen, und eigne Antworten auf die Frage zu erdenken, ob uns der Reiz der alten Dichtung in dem angesprochenen Sinn erreicht hat oder nicht – das kann helfen, die erste Begegnung mit der Prometheusgestalt für die Schüler zu einem eindrucksvollen Literaturerlebnis mit hohem Stellenwert für die Entwicklung des Literaturverständnisses werden zu lassen.

Mit dieser Empfehlung geht es uns sehr darum, daß Erlebnis und Verständnis der Prometheussage so zu fördern, daß den Schülern die große Bedeutung aus eignem Fühlen und Denken begreifbar wird.

B Einsatz der Hörszene 4
Am liebsten würden wir es völlig unterlassen, bei der Erstbegegnung mit der Sage auch auf Goethes „Prometheus“ einzugehen. Oftmals genügt schon der Hinweis, der junge Goethe rebellierte mit dieser Dichtung gegen die deutsche Gesellschaft seiner Zeit, und die Gefahr ist da, daß die Schüler später meinen, alles, was sie von der Prometheus-Sage in Erinnerung haben, ohne weiteres auf das andere Werk übertragen zu können. Dieser vorschnellen Betrachtungsweise wirkt es entgegen, wenn man sich die Zeit nimmt für die Klärung des Inhalts der Worte: Mensch und menschlich. Welche Bedeutung haben sie bei den Griechen vor Tausenden von Jahren gehabt? Wie denken wir heute darüber?!

C Einsatz der Hörszene 5
Wie würde sich Prometheus verhalten und wie würde es ihm ergehen, wenn wir seine Geschichte neu erdichten? Diese Aufgabe ernsthaft ins Spiel zu bringen, das kann zum guten Schluß noch einmal alles zusammenhängend erfassen helfen, was Lektüre und Unterricht zu leisten vermochten bei der Behandlung eines wohl ewig reizvollen literarischen Werkes aus der „gesellschaftlichen Kindheit der Menschheit“. Zu den schönsten Lösungen dieser Aufgabe gehört das Rollenspiel. Der dramatische Charakter des Prometheusstoffes verlangt regelrecht danach. Leider werden solche Spielmöglichkeiten immer noch viel zu selten unterrichtsmethodisch genutzt. Die Aufforderung zur Besserung ist gegeben. Und die Dialoge in der Schallplattenaufnahme sind zumindest ein Muster. Es wäre also schade, würde die günstige Gelegenheit auch diesmal verpaßt!

Horst Dahm, 1981
|  Seite 1  |

Die Geschichte von Sitas Entführung durch den Dämonenkönig Ravana
aus dem indischen Epos des Valmiki
„Das Ramayana“ neu erzählt von Willi Meinck
Schulfunksendung vom 19. 2. 1980, gekürzt
Autor der Sendung: Heinz-Dieter Tschörtner


| Seite 2  |

Die Promet heus-Sage
Hörszenen nach der alten griechischen Sage:
1. Prometheus betritt die Erde und schafft den Menschen
2. Prometheus lehrt das Menschliche
3. Prometheus bringt das Feuer
4. Bericht über Pandora; Prometheus wird an den Kaukasus geschmiedet
5. Prometheus’ Befreiung
Ausschnitte aus der Schulfunksendung vom 1. 2. 1979
Autoren der Sendung: Dr. Edith Gaida
und Dr. Marianne Wehr

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Als Unterrichtsmittel zugelassen
durch das Ministerium für Volksbildung der DDR,
Hauptverwaltung Unterrichtsmittel und Schulversorgung
Entwickelt von der
Akademie der Pädagogischen Wissenschaften
der DDR, Institut für Unterrichtsmittel

Redaktion: Angela Rückert