Shakespeare-Sonette
Und Leben ohne Liebe muss vergehn
LP LITERA 8 60 038
Covertext:
Zu der Zeit, als Shakespeare seine Sonette dichtete, war es Mode, solche Gedichte über die Liebe zu schreiben. Er leistete dem Zeitgeschmack seinen Tribut; aus seiner Feder liegen 154 Sonette vor. In diesem lyrischen Werk ist ein Schatz verborgen von einmaliger Größe und Schönheit. Nicht alle Sonette Shakespeares sind gleich gut, viele sind konventionell, manche könnte man entbehren. Diese Qualitätsunterschiede erschweren den Zugang zu diesen ohnehin nicht leichten Dichtungen. Wer aber die Mühe nicht scheut, in diesen 154 Sonetten zu suchen, der wird Werke finden von einer Köstlichkeit, die in der Poesie der Völker nicht ihresgleichen hat.
Über Shakespeares Lebensumstände ist wenig bekannt; Werkdaten stehen kaum fest. Auch die Sonette können nicht genau datiert werden. Das hat zu einer Flut von Spekulationen Anlaß gegeben. Man hat aus diesen Gedichten biographische Realitäten erschließen wollen. Ist der junge Freund der Sonette der Earl of Pembroke oder der Earl of Southompton? Ist die schwarze Dame die Hofdome Mary Fitton oder nicht? Auch hier wurde die Autorschaft Shakespeares bestritten, und aus vielen anderen Details der Sonette sehr viele weitere Hypothesen in die Debatte geworfen, die mit einer Intensität geführt wurde, die in keinem Verhältnis zu ihrer Wichtigkeit steht. Sie bringt für das Verständnis der Sonette keinen Gewinn.
Shakespeare war Zeitgenosse der Renaissance. „Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit“, schrieb Friedrich Engels. Ein Riese war Shakespeare, der in seinen Dramen das Universum menschlicher Leidenschaften ausgeschritten ist, in dem sich die gewaltigen inneren und äußeren Kämpfe und Veränderungen abspielten, die den Machtantritt der Bourgeoisie begleiteten. Er war der Dichter, der den Anbruch des modernen Zeitalters dichtete, er hat solche Dimensionen des Lebens umfaßt und bewegt, daß das Staunen über dieses Genie bis heute kein Ende nehmen kann.
„Die erste Seite, die ich in ihm las, macht mich auf Zeitlebens ihm eigen“, schrieb der junge Goethe, „und wie ich mit dem ersten Stück fertig war, stund ich wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu, unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt ich sehen, und, dank sei meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhaft, was ich gewonnen habe.“ Der deutsche Dichter, der die Erkenntnis aussprach: „Von Verdiensten, die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns“, gibt uns mit der Beschreibung des Eindrucks, den Shakespeare auf ihn machte, eine Vorstellung von der Größenordnung, in der die Leistungen des englischen Dichters sich bewegen.
Eine Folge jener gewaltigen Umwälzungen der Renaissance war die Befreiung des Menschen aus dem Gefängnis des Glaubens, aus den Fesseln der Kirche. Anstelle der weltverachteten, unterworfenen und geduckten Kreatur trat die autonome Persönlichkeit, der weltoffene, seiner selbst bewußte und auf sich allein gestellte Mensch. Shakespeares Dramen sind von den Individualitäten bevölkert, die im Guten wie im Schlimmen diese neue Freiheit verkörpern. In den Sonetten tritt uns der Dichter als er selber entgegen ohne das Gewand einer von ihm erdachten Figur, er, der eine Lady Macbeth und die Julia, der den Falstaff und den Lear mit der Kraft seines Geistes geboren hat. Die Liebe ist das Thema dieser Sonette, und worin ließe sich ein Mensch besser erkennen als in seiner Liebe?
In den Sonetten Shakespeares begegnet uns Freundesliebe von gewaltigem Ausmaß und die Liebe zu der Frau. Die Größe der Freundesliebe ist kaum verstanden worden, hier beschäftigten sich Deuter und Ausleger damit, ob der Dichter ein homosexuelles Verhältnis unterhalten habe. Man wird sich diese Welt Shakespeares erobern können, wenn man unbefangen der starken Gefühlskraft des Dichters folgt. Die Liebe zur Frau hat eine andere Temperatur als die zum Freund. In einem in diese Auswahl nicht aufgenommenen Sonett (129) heißt es:
Der Seelen Tod in schimpflicher Zerstörung
Ist Lust in Tat: und bis zur Tat, ist Lust
Meineidig, mörd’risch, blutig, voll Betörung,
Roh, wild, wüst, grausam, ihrer unbewußt.
Wir können diese Sätze leicht aus dem ungezügelten Leben der Gesellschaft zu Shakespeares Zeit verstehen, dem er gewiß nicht fern gestanden hat. Sein Ideal war eine humane Liebe, keine tierische Hingabe. Daraus erklären sich seine Vorbehalte gegen seine eigene sinnenberauschte Leidenschaft für die Frau, die die anderen Seiten einer Beziehung zwischen zwei Menschen hier überschattete. Und doch liebte er an der Geliebten gerade ihr „freies, sichres Wesen“ (150); wir erkennen darin leicht den Dichter der Julia wieder. Erst durch die Einbeziehung der Freundesliebe kann Shakespeare jene Enzyklopädie der Liebe schaffen, die uns in den Sonetten vorliegt. Wir erleben zu einem Zeitpunkt, in dem sich der Mensch eben erst seines Gefühlsreichtums bewußt wurde, hier bereits Differenzierungen des Gefühls, die uns dennoch in einer kraftvollen Ursprünglichkeit entgegentreten. Die Eifersucht in allen ihren Schattierungen wird uns vorgeführt, die Klage über die Lauheit des geliebten Menschen, die Kraft zum Verzicht, die die Liebe gibt, die Demütigung der eigenen Größe vor dem anderen, der dafür kein anderes Verdienst in Anspruch nehmen kann, als daß er geliebt wird. Eine Schuld des Freundes wird damit entlastet, daß sich der Dichter schuldig bekennt, zuviel Schuld des Freundes vergeben zu wollen (35). Ihren Gipfel erreichen die Sonette in dem Augenblick, als Freund und Geliebte ein Paar werden. Des Dichters Liebe ist so groß, daß er den Freund und sich in der Sprache der Liebenden als ein Wesen erklärt und damit die Untreue von Freund und Geliebter aufhebt. Seine Liebe ist aber auch so realistisch, den Freund davor zu warnen, aus bloßem Leichtsinn, aus Übermut, die von ihm selber echt geliebte Frau zu genießen.
Shakespeares Liebe ist eine Liebe in der Zeit, die in den Gedichten immer mitenthalten ist, am ausdrücklichsten in dem großen Sonett 66, das gleichzeitig das schönste Freundschaftsgedicht ist. Der Dichter erscheint in erniedrigender Demütigung und stolzer Größe, er verurteilt Untreue und begeht sie, er verwirft Lust ohne Geist und bekennt sich ihr unterworfen, und alles dieses nennt er Liebe – eine Liebe des großen und schrecklichen 16. Jahrhunderts, in dem er für seine Sünden „des Glückes Göttin“ verklagt, „weil sie nichts Bess’res mir zum Leben lieh / Als feiles Brot, das feile Sitten gibt“ (111). In dem Sonett 105 erscheint die Liebe selber als der Freund, er nennt sie „fair, kind and true“, in unserer Übersetzung „schön, gut und wahr“. In diesem Wechsel, sagt er, sei aller Dichtung Samen, und so vermittelt er uns die humanistische Botschaft seiner großen Leidenschaft.

Ursula Püschel


Wir legen die Sonette in der Übersetzung von Gottlob Regis (1836) vor, die zwar die anspruchsvollste ist, aber dem Original der schwer übersetzbaren Dichtung am meisten gerecht wird.
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Henry Purcell: Ground c-moll
23. Wie auf dar Bühn’ ein ungeübter Held
31. Die Herzen aller, die ich für begraben
91. Der prahlt mit seinem Adel, der mit Kunst
36. Gesteh’ ich’s nur: gesondert bleiben wir
57. Dein Sklave, der ich bin, wie wär’ ich freier
61. Ist es dein Wille, daß in öden Nächten


Martin Pearson: The Fall of the Leaf
88. Wenn dir gefallen wird, mich zu verschmähn
92. Doch tu dein Ärgstes nur, mir zu entgehn
86. War es sein großer Vers, mit stolzer Segel Schwinge
97. Wie ist von dir, dem Stern des flücht’gen Jahrs
120. Daß du einst hart warst, schafft mir nun Genügen
35. Sei nicht mehr bang um das, was du getan
117. Beschuld’ge mich, daß ich mit karger Gegengabe
66. Müde von alle diesem wünsch’ ich den Tod
Henry Purcell: A new Ground


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John Blow: Mortlack’s Ground
147. Mein Lieben ist ein Fieber
130. Von Sonn’ ist nichts in meines Liebchens Blicken
142. Mein Sündigen ist Lieb’
138. Wenn Liebchen spricht, daß nie ihr Herz erkalte
150. O welche Macht kann dir die Allmacht leihen
149. Wie sagst du, Harte, daß ich lieblos sei
133. O Schmach dem Herzen, das mein Herz entseelt
151. Lieb ist zu jung, sie weiß nichts von Gewissen

John Bull: The Duke of Brunswick’s Alman
40. Nimm meine Lieben alle, mein Gespiele
42. Daß du sie hast, ist nicht mein ganzer Schmerz
111. Verklage nur des Glückes Göttin
139. O, nicht Beschönigung des Unrechts brauche
110. Ach, wohl ist’s wahr, ich schwärmte her und hin
32. Wenn, überlebend meiner Tage Ziel
Henry Purcell: Sefauchi’s Farewell

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Sprecher: Renate Thormelen, Wolf-Dieter Panse

von William Shakespeare
in der Übersetzung von Gottlob Regis (1836)
Englische Virginal-Musik aus „Fitzwilliam Virginal Book“

Ruth Zechlin, Cembalo