Tätigkeit, Leben, Jugendmut …
Briefe des jungen Friedrich Engels
LP LITERA 8 65 132
Covertext:
Im August 1838 kommt Friedrich Engels nach Bremen. Der Vater hat dafür gesorgt, daß er hier bei dem angesehenen Kaufmann und sächsischen Konsul Heinrich Leupold eine Ausbildung erfährt. Der Bremer Handelsherr ist als Mann von politisch und religiös konservativer Gesinnung bekannt. Aber Friedrich Engels sen. hat ein übriges getan; er hat den Siebzehnjährigen beim Pastor der Bremer St. Martins-Kirche, Treviranus, untergebracht und diesem das geistliche und leibliche Wohl des Sohnes anvertraut.

Den Herzenswunsch aber hat der Fabrikant aus dem Wuppertal dem Sohn nicht erfüllt. Friedrich Engels wollte studieren. Der Vater nahm ihn jedoch 1837, ein Jahr vor dem Abitur, aus dem Elberfelder Gymnasium, das der junge Engels seit 1834 besuchte, und setzte ihn in das Kontor seiner Firma.

Unter den Lehrern des Gymnasiums hatte es immerhin einige gegeben, die mit den liberalen Ideen des Bürgertums zumindest sympathisierten. Die Liebe des Schülers Engels zur Literatur, ein jugendliches Freiheitsstreben hatten sich enwickeln können: kurz ein Verhalten, das ganz dazu angetan war, einen heftigen Gegensatz zu den Bahnen orthodox-pietistischer Erziehung im Elternhaus abzugeben. Verweigerung des Studiums und die Lehrzeit in Bremen zielten so darauf ab, den lebhaften, nach Wissen und Kenntnis hungernden Fabrikantensohn dem Geist und der borniertreligiösen Atmosphäre wie er später schrieb „ganz radikal christlichpreussischen Familie“ zu erhalten.

Es kam jedoch anders. Die Bremer Zeit (1838–1841) wurde eine wichtige Etappe in der geistig-weltanschaulichen Entwicklung von Friedrich Engels, eine bedeutsame Zeit im Prozeß der Reife einer Persönlichkeit, die in der Folgezeit zum engsten Freund und Kampfgefährten Karl Marx werden sollte. Briefzeugnisse aus diesen Jahren werden hier vorgestellt. Sie führen uns ein in die vielseitige Entwicklung eines humorvollen, spottlustigen jungen Menschen mit reichen Interessen, dessen hervorstechendste Eigenart eine unerschütterliche Wahrheitsliebe und die beeindruckende Konsequenz seines weltanschaulichpolitischen Vorwärtsschreitens sind. Diese Qualitäten, die Einheit des Charakters in der Vielfalt seiner Äußerungen, die Kompliziertheit einer geistig-charakterlichen Entwicklung, die sich nicht glatt und sanft vollzog, sucht die Auswahl zu verdeutlichen. Sie konzentriert sich dabei auf die Briefe an die Schwester Marie und an die Brüder Graeber.

Voller Liebe und Verständnis schreibt er an die 1824 geborene Marie, erst nach Bremen, dann, als sie sich im von Fräulein Jung geleiteten Großherzoglichen Mädcheninstitut befindet, nach Mannheim. Der Bruder weiß schalkhaft zu tadeln oder die Lieblingsschwester innig ins Vertrauen zu ziehen. Er berichtet vom Leben im Kontor, dessen er überdrüssig ist, und wie er sich dem jungen Prinzipal Wilhelm Leupold und Derkhiem, dem Angestellten der Firma, wenn nötig, zu entziehen weiß. Er berichtet von Erfolgen beim Sport und beim schönen Geschlecht und trotzigem Aufbegehren gegen die Bremer Philister. Bestechend ist die Beobachtungsgabe des jungen Engels, die sich auch in den Zeichnungen äußert, die die Briefbögen aufweisen. Sein in der Heimatstadt wachgewordener Blick für die Not und Armut der Ausgebeuteten übersieht auch hier nicht das Elend der Auswanderer, den hohlen Pomp der Ratsherren und die Prügelstrafe für die Soldaten. Er übergeht dies nicht, wenn er an seine fünfzehnjährige Schwester schreibt, klammert nicht aus, was ihn bewegt, wenn er auch freilich Interessen und Verständnisbereitschaft der Schwester berücksichtigt.

Viele der Briefe aus Bremen gelten seinen Jugendfreunden und Mitschülern, den Brüdern Friedrich Graeber (1822–1895) und Wilhelm Graeber (1820 bis 1895), die beide später als Pfarrer wirkten. Obwohl chronologisch mit den Briefen an die Schwester verzahnt, sind sie in der Auswahl zusammengerückt, um den Prozeß der raschen weltanschaulich-politischen Entwicklung von Engels in jener Zeit sichtbar zu machen, der in dem Bekenntnis vor den Freunden, in der Aufforderung, zu seinen Auffassungen Stellung zu nehmen, sich deutlich äußert. Eine der vielen verbindenden Klammern aller Briefe ist das Bekenntnis zur humanistischen Tradition, zur Ablehnung des Neuen um seiner selbst willen. Vom „Das ist ein Kerl, der Goethe“ an Marie, reicht sie, in den Briefen an die Brüder Graeber, bis zur Einschätzung der literarischen Situation von den positiven Ergebnissen klassisch-bürgerlicher Literatur her, bis zur Akzeptierung von Goethes Ratschlägen an junge Dichter für die eigene literarische Produktion. Wir finden die Ablehnung pietistischer Heuchelei, das vielfarbige Ja zur Lebensfreude in den Briefen an die Brüder wieder, deutlicher noch, drastischer.

Der Spott ist beißender, gilt den „politischen Schlafmützen“ mit ihrem „höchsten Ziel“ einer Landpfarre und dem „Abendspaziergang mit der Frau Pfäffin“.

Vor uns wird der schwere innere Kampf eines jungen Menschen lebendig, „in dessen Brust es gärt und kocht“, der sich aus religiösen Fesseln befreit und von Logik, Vernunft und Konsequenz nicht nur spricht, sondern ihnen gemäß handelt. Rasch geht er so über das junge Deutschland Gutzkows und Wienbargs hinaus, findet von David Friedrich Strauß zu Hegel, zum revolutionären Kern seiner Philosophie. Das politische Urteil wird schärfer und klarer, die Attacken gegen den preußischen König, gegen „Servilismus, Aristokratenwirtschaft und Zensur“ zeigen es.

Es waren wichtige entscheidende Jahre in Bremen. Als ihr Epilog sei der Brief an Karl Marx verstanden, in dem Engels fünf Jahre, nachdem er Bremen verlassen hat, von der Notwendigkeit spricht, sich vom pietistischen Barmen, dem Kontor, dem „Schacher“ endgültig zu trennen.

Vom Bekenntnis zum „fortschreitenden Leben“, zu „Tätigkeit, Leben, Jugendmut“ führte der Weg Friedrich Engels’ zum großen Theoretiker der Arbeiterklasse, zum Führer der internationalen Arbeiterbewegung, zum Schöpfer eines Werkes, das wir verehren, das wir heute und immer brauchen.

Hans-Joachim Bernhard (1970)
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I. Danse legère: Andantino allegretto

Briefe vom 28. 8. 1838, vom 10. 4. 1839 und
vom 7. 7. 1840 an Marie Engels


II. Gavotte gracieuse: Andantino

Briefe vom 21. 12. 1840, vom 18. 2. 1841 und
vom 8. 3. 1841 an Marie Engels


III. (Contredanse:) Allegretto


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Brief vom 8. 4. 1839 an Friedrich Graeber

IV. Romance: Lentement

Brief vom 15. 6. 1839 an Friedrich Graeber
Brief vom 13.11. 1839 an Wilhelm Graeber


V. (Danse générale:) Allegro

Brief vom 21. 1. 1840 an Friedrich Graeber
Brief vom 20. 11. 1840 an Wilhelm Graeber


VI. Pas do trois: Andantino

Brief vom 20. 1. 1845 an Karl Marx

VII. Gavotte retenue: Andantino

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Leser: Gerd Micheel
Sprecher: Wilfried Kretschmer

Die Brieftexte wurden vom Institut für
Marxismus-Leninismus beim ZK der SED autorisiert
Auswahl und Zusammenstellung:
Prof. Dr. habil. Hans-Joachim Bernhard
Wissenschaftliche Beratung: Hans-Joachim Bernhard

Ballettmusik „La Rosière Republicaine“
von André Ernest Modest Grétry
Dresdner Philharmonie
Dirigent: Kurt Masur

Regieassistenz: Werner Schurbaum
Regie: Hanns Anselm Perten
Musikregie: Heinz Wegner
Tonregie der Musikaufnahmen: Bernd Runge