Thomas Mann: „Deutsche Hörer!“
Radiosendungen aus dem Exil 1941–45
LP LITERA 8 65 447
Covertext:
Ein Jahr nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen, der die Welt in den bis dahin größten und blutigsten aller Kriege der Menschheitsgeschichte stürzte, wandte sich die British Broadcasting Corporation an Thomas Mann, um ihn für ihre deutschsprachigen Sendungen zu gewinnen. Damals, Ende 1940, befand sich das Hitler-Regime noch auf der Höhe seiner Macht. Nach Österreich und der Tschechoslowakei hatte es Polen, Dänemark, Norwegen, Belgien, Luxemburg, die Niederlande und Frankreich erobert; die Luftschlacht um England war im vollen Gange, und dem weiteren Siegeszug der Deutschen durch ganz Europa schienen keine Grenzen gesetzt.
Es war kein Zufall, daß die BBC gerade an Thomas Mann herantrat, in regelmäßigen Monatsansprachen das Wort an das deutsche Volk zu richten. Der Dichter, seit 1933 ein Emigrant wie so viele der Antifaschisten, galt als prominentester der aus seiner Heimat vertriebenen, in Deutschland verbotenen Schriftsteller. Wie schon vor 1933, so hatte er, nach anfänglichem Schweigen, immer wieder seine Stimme erhoben, um in Aufsätzen, Reden, Manifesten auf die vom NS-Regime ausgehenden Gefahren für Europa und die ganze Welt hinzuweisen.
Was den Dichter in die politische Arena trieb, geschah nicht so sehr aus eigenem inneren Antrieb. Als er während des ersten Weltkrieges die „Betrachtung eines Unpolitischen“ schrieb, war es kaum denkbar, daß er einmal die Rolle eines „Wanderredners der Demokratie“ spielen würde, ihm selbst wohl am wenigsten. Der „Zwang zur Politik“ ergab sich erst, als mächtige Kräfte den sowieso schwachen Lebenswillen der Weimarer Republik zu unterminieren begannen, und verstärkt dann, als in Deutschland „die unglückliche Machtkombination, das weltbedrohende Bündnis von Junkertum, Generalität und Schwerindustrie“ den politischen Irrationalismus faschistischer Ausprägung vor ihren Wagen spannte und die Staatsform des Dritten Reiches, die absolute Diktatur hervorbrachte.
In 55 Monatssendungen, von England nach Deutschland ausgestrahlt, auch als Flugblätter von der Royal Air Force verbreitet, fordert der Dichter beschwörend seine Landsleute im Reich auf, die „Nazi-Geißel zu zerbrechen“, das hundsmiserable „Spiel dieser blutigen Schmierentruppe“ zu beenden und nicht weiter mitschuldig zu werden an den Greueln, die im Namen Deutschlands an den Völkern Europas verübt wurden. Wie Mose in seinen Strafpredigten an das Volk Israel, als es vom Weg aus barbarischer Tiefe und Götzenanbeterei zu gesitteter Menschlichkeit abwich und rückfällig werdend wieder ums goldene Kalb tanzte, so appellierte nun Thomas Mann voll bebenden Zorns an das Gewissen der Deutschen, sich ihrer großen humanistischen Tradition zu besinnen und den „Feind der Menschheit“, diesen „Teufelsdreck“ davonzujagen, zur Rettung ihrer nationalen Ehre, ehe die Nacht sich vollends über sie ausgebreitet haben würde.
Thomas Manns Mahnrufe kamen von Amerika herüber, zunächst aus Princeton, wo er seit 1938 eine Gastprofessur wahrnahm, seit 1941 aus dem kalifornischen Exil am Pazifischen Ozean. Die Schwierigkeiten, die Texte auf kürzestem Weg zu übermitteln, über den Atlantik hinweg, waren in diesen Zeiten des Krieges nicht gering. Die ersten vier Sendungen – Oktober 1940 bis Januar 1941 wurden noch nach London gekabelt und dort von einem Sprecher verlesen. Dann ging man zu einem aufwendigeren, für die Wirkung auf die Zuhörer aber effektiveren Verfahren über. Ab März 1941 klang aus dem sogenannten Volksempfänger, der „Goebbels-Schnauze“, Thomas Manns Stimme selbst, in Kalifornien auf Schallplatte festgehalten, per Flugzeug nach New York geschafft, von da mittels Telefon nach London überspielt und hier von der BBC nach Deutschland hineingesendet.
Wer aber und wieviele waren es, die sein Wort erreichte? Oder war er nur ein Rufer in der Wüste? Das Abhören feindlicher Sender war ja bei Androhung schwerster Strafen verboten, war lebensgefährlich. Und so mußte auch das Echo, das die Sendungen damals fanden, für Thomas Mann fast ungehört bleiben; wenngleich wir heute aus den Erinnerungen von Zeitgenossen wissen, daß dadurch manche von ihnen moralisch ermutigt wurden, diese Jahre zu überstehen. „Es lauschen mehr Menschen, als man erwarten sollte“, stellte Thomas Mann 1942 fest, „nicht nur in der Schweiz und in Schweden, sondern auch in Holland, im tschechischen ,Protektorat‘ und in Deutschland selbst, wie durch aufs sonderbarste chiffrierte Rückäußerungen aus diesen Ländern belegt ist. Auf Umwegen kommen solche tatsächlich auch aus Deutschland. Offenbar gibt es in diesem besetzten Gebiet Leute, deren Hunger und Durst nach dem freien Wort so groß ist, daß sie den Gefahren trotzen, die mit dem Abhören feindlicher Sendungen verbunden sind.“
Ein öffentlicher Widerhall aus Deutschland kam dagegen von ganz anderer Seite, aus Hitlers eigenem Mund, als unmittelbare Antwort auf die Weihnachtssendung 1940. Thomas Mann kommentierte das als einen „zugleich erheiternden und degoutanten Beweis“ der Wirkung seiner Ansprachen: „… mein Führer selbst“ hat „in einer Bierkellerrede zu München unmißverständlich auf meine Allokutionen angespielt und mich als einen derer namhaft gemacht …, die das deutsche Volk zur Revolution gegen ihn und sein System aufzuwiegeln versuchten. Aber diese Leute, brüllte er, täuschten sich sehr: so sei das deutsche Volk nicht, und soweit es so sei, sitze es Gott sei Dank hinter Schloß und Riegel.“
Am Ende des Krieges, in der letzten Rundfunkansprache Thomas Manns an die deutschen Hörer, 10. Mai 1945, zeigt sich kein Triumph darüber, daß der Verlauf der Geschichte seine Vorhersage über das unvermeidliche Fiasko der Naziherrschaft bewahrheitet hat. In die Freude über den Sieg mischt sich die Trauer. „Wie bitter ist es, wenn der Jubel der Welt der Niederlage, der tiefsten Demütigung des eigenen Landes gilt!“
Thomas Manns Radiosendungen lagen bereits 1945 im Wortlaut gesammelt vor. Bis auf die Sendung vom 18. Januar 1943 („Zehn Jahre Nationalsozialismus“") mußten aber die Tonaufnahmen als verloren angesehen werden. Erst vierzig Jahre später wurden einige der Aufnahmen, zum Teil als Fragmente, in den Archiven der BBC wiederentdeckt und als historische Dokumente wieder zugänglich.

Harry Matter
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19. März 1941
Auszug aus der ersten, von Thomas Mann selbst gesprochenen Rede.
Seine Stellung als deutscher Dichter im Exil.

November 1941
Zustände in Hitler-Deutschland „Appell an die Vernunft“ schon 1930.

April 1942
Über die Zerstörung von Coventry durch deutsche Flieger.
Angriff auf die Vaterstadt Lübeck durch britische Flieger.

August 1942
Der Europagedanke bei Nietzsche und bei den Nationalsozialisten
(Ausschnitt)

18. Januar 1943
Zehn Jahre Nationalsozialismus
„Ein düsteres Jubiläum“

29. August 1943
„Die Verderber des Volkes“.
Die Folgen der „Welteroberung“
(Ausschnitt)


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30. Oktober 1943
Über die Bestialität der Luftangriffe
(Ausschnitt)

29. Mai 1944
Die Folgen des totalen Krieges. Schuld will Sühne

1. Januar 1945
Es gibt keinen Nazi-Sieg.

16. Februar 1945
Über die Konferenz von Jalta.

10. Mai 1945
Nach der Kapitulation.
Die Rückkehr Deutschlands zu Menschlichkeit.

(letzte Radiosendung)

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Sprecher: Thomas Mann

Herausgeber: Walter Andreas Schwarz.
Übernahme von L & M (Literatur und Musik)
Wermatswil/Zürich/Schweiz

© 1945 Bermann-Fischer-Verlag Stockholm
mit Genehmigung des S. Fischer Verlages, Frankfurt a. M.