Traum oder Wirklichkeit
Humor, Satire und Kriminalistisches

von Jaroslav Hasek und Karel Capek

LP LITERA 8 60 136
Covertext:
Meine vorgefaßte Meinung, daß man Kurzgeschichten am besten still für sich liest, ist ins Wanken geraten. Die auf dieser Platte zusammengetragenen Geschichten – zwei von Hasek und eine von Capek – vor Jahren einmal gelesen, glaubte ich zu kennen und sie meinem geistigen Besitz einverleibt zu haben.
Ein Irrtum, wie mir vorliegende Platte deutlich machte. Diese Geschichten vorgelesen – von Hans Hildebrandt vorgelesen, muß ich hinzufügen – offenbaren den Verlust, der im Verfall der Sitte des Vorlesens in unserer schnelllebigen Zeit liegt. Doch vielleicht tragen Veröffentlichungen wie vorliegende zur Belebung dieses schönen Brauchs bei.
Denn es ist ja nicht so, daß es zum Vortrag literarischer Perlen im geselligen Kreis besonderer Kunstfertigkeit bedürfte. Ein aufgeschlossenes Herz und ein wenig Sinn für den poetischen Reiz oder den Witz eines Werkes ist alles, dessen man zu dieser genußreichen Übung bedarf. Zumal Geschichten wie die erste z. B., über das verschwundene Schmalz, schon vom Inhalt her zünden wie eine straff pointierte Anekdote, ja wie ein ganzes Anekdotenbündel. Ich denke an die kleine Szene mit Omagulko, der das „staatseigene Schmalz“ gefressen haben soll. Der Stabsarzt pumpt ihm den Magen aus, findet keine Spur von Fett, sondern fördert nur die resistenten Knödel vom vorigen Mittag zu Tage und brüllt dann: „Dieser Simulant!“ Und der Ärmste fliegt in Arrest.
Das ist Haseks satirische Manier. Das waren seine Vorstudien für den „Schwejk“ und dessen Abenteuer als „braver Soldat“. Wie er die Loyalität auf die Spitze treibt, die k.u.k. Dynastie, die österreichische Monarchie und die politischen Parteien seiner Zeit solcher Art bloßstellt, daß selbst die Hühner über sie lachen ...
Darin hat ihn bis heute noch niemand erreicht.
Im überaus wackeren Herrn Zeman der zweiten Geschichte, nimmt er die Unverschämten Typen unter den Zeitgenossen aufs Korn. Diesem Leben und Schmarotzen auf Kosten anderer begegnet man ja nicht nur bei Pumpgeflies. Herrlich die Darstellung der phantasievollen Abgefeimtheit dieser Leute auf ihren krummen Wegen! Ganz anders wieder das nächtliche Kirchhofabenteuer mit dem Verfasser seines Nekrologs.
Rund 1200 Satiren und Geschichtchen hat Hasek geschrieben. Es ist fast auch ein Stück Satire, daß einige bürgerliche Kritiker damals und selbst heute, da er längst Weltruf genießt, von ihm keine Notiz nahmen und nehmen wollen und über seinen „Lebenswandel“ die Nase rümpfen. Ist eine andere Reaktion zu erwarten, wenn man so hart getroffen wird wie sie von Hasek, oder wenn einer so erfolgreich ist wie er; da kommen Mißgunst, Zorn, Neid und alles mögliche Negative mit ins Spiel. Hinzu kommt, daß Hasek früh Kommunist wurde. Wie ist selbst Capek scheel angesehen worden, als er nicht mehr der bürgerlichen Demokratie vertraute und seine liberalen Illusionen aufgab.
Die beiden Capek-Geschichten sind charakteristisch für ihren Autor. Im Reclam-Bündchen mit dem Titel „Die blaue Chrysantheme“ finden wir sie neben zwölf anderen.
Phantastisch und aufregend ist dieser Bericht des Dirigenten Kalina ... Erst die groteske Einleitung des alten Fußballers, der sich in den Streit vor seine Haustür stürzt und nicht einmal ahnt, wen er verprügelt. Und dann der plötzliche Übergang zu Kalinas Bericht aus Liverpool. Faszinierend, wie das Ohr des Musikers die menschlichen Stimmen ablauscht, obwohl er kein Wort der Sprache versteht! Dennoch bekommt er alles mit, nur den Klangvariationen nachspürend.
So, wie die Baßstimme des Mannes die Klarinettenstimme der Frau zu etwas Furchtbarem zu überreden versucht. Wie der Dichter uns klarmacht, daß hören mehr bedeutet, als Worte verstehen.
Und wie sich schließlich sein schrecklicher Verdacht bestätigt. Dann wieder die groteske Situation, daß er den sturen englischen Polizisten nicht zu alarmieren vermag. Und wie alle Worte, selbst das herausgebrüllte „Mord“, versagen ...
Mit der letzten Geschichte, dem „Dichter“, tritt Capek bei den Abstrakten, die es auch früher schon gab, ins Fettnäpfchen. Ist es doch umwerfend komisch, wenn der Dichter sein Gedicht vorträgt, das er – inspiriert durch den Unfall – gemacht hat.
„Marsch dunkler Häuser ein zwei Halt gebieten / Licht des jungen Tages auf Mandolinen spielt / Warum Mädchen warum errötest du / Wir fahren mit dem Wagen hundertzwanzig HP ans Ende der Welt oder nach Singapore / gebietet Halt der Wagen rast dahin / die große Liebe sich im Staube wälzt eine gebrochene Mädchenblüte / Schwanenhals Brüste Trommeln und Cinellen / warum weine ich so sehr.“
Aus dieser Reimerei wird dann Autofarbe, Tageszeit, Geschwindigkeit des Wagens, der das Unglück verursachte und sogar die Autonummer ermittelt – eine tolle Idee!
Capek ist, wie F. C. Weiskopf schreibt, „nicht der größte, wohl aber der vielseitigste tschechische Schriftsteller. Sein Werk umfaßt Dramen, Novellen, Romane. Reisebücher, Kurzgeschichten ...“ Die bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs forderten, Karel Capek den Nobelpreis für Literatur zu verleihen. Doch vergebens. Dennoch wurde er berühmter als mancher, der den Preis erhielt. Kurz, ich glaube, daß es lohnt, mehr von diesen beiden großen Schriftstellern zu lesen und vorzulesen.

Victor Weimer
|  Seite 1  |

Wie aus der Mannschaftsküche des Kaschauer Regiments das Schmalz verschwand
Der überaus wackere Herr Zeman
Eine Nacht mit dem Verfasser meines Nekrologs



|  Seite 2  |

Die Geschichte des Dirigenten
Der Dichter


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Erzähler: Hans Hildebrandt

Autor, Seite 1 von Jaroslav Hasek
Autor, Seite 2 von Karel Capek

Komposition: Jean Kurt Forest
Cloviset und Elektronenorgel: Jean Kurt Forest