Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden / Das Erdbeben von Chili

von Heinrich von Kleist
LP LITERA / ETERNA 8 60 017
Covertext:
Der Dichter Heinrich von Kleist (1777–1811) sah seine literarische Leistung vor allem in seinen Dramen. Um sie rang er mit dem Einsatz seiner ganzen Kraft bis zum Zusammenbruch in lebensgefährlichen Krisen. Seinem Prosawerk widmete er dagegen wenig Aufmerksamkeit. Er betrachtete es als Nebenarbeit. Dabei sind seine Novellen, Aufsätze und Anekdoten lebendiger, geblieben als seine Dramen mit Ausnahme des „Zerbrochenen Kruges“.
Den Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ schrieb Kleist während seines Aufenthaltes in Königsberg (1805/06). Der Dichter beschäftigt sich hier mit einer merkwürdigen Beobachtung, die er an sich selbst gemacht hatte. Er nimmt wahr, wie der Vorgang des Sprechens, der Aufbau von sprachlichen Gefügen, die Klarheit des Denkens erzwingt. Kleist gibt mit diesem Aufsatz einen Einblick in seine Schaffensmethode. Wir verstehen, weshalb in seiner Prosa die Sätze sich kompliziert und vielfach verschachtelt ineinanderfügen, so daß weitgespannte Perioden entstehen, die dennoch stets übersichtlich bleiben und die Spannungen und Widersprüche vermitteln, aus denen der Gedanke oder die Handlung erwächst. Was Kleist als ein „unerhörtes Ereignis“ beschreibt. ist, daß er zu sprechen beginnt, nach ohne eigentlich zu wissen, was er sagen will. Diese Erfahrung betrachtet er als eine Art von allgemeiner Gesetzlichkeit. Er versucht, sie durch zwei Beispiele zu belegen, von denen das erste freilich mehr die Kleistsche Denk- und Anschauungsweise erhellt als seine Entdeckung unterstützt. Mirabeaus berühmte Erklärung, daß die französischen Stände sich als Vertreter der Nation nicht dem Befehl des Königs beugen werden, deutet Kleist als plötzliche Eingebung während des Sprechens. Ein Zufall bestimmt für ihn den Gang der historischen Ereignisse. Statt gesellschaftlicher Kräfte, die er nicht erkennt, sieht Kleist eine Art von Naturgesetzlichkeit wirken, die der Mensch nicht wirklich durchschauen kann und der er ausgeliefert ist. Er vergleicht Mirabeaus Verhalten mit der Reaktion eines Kondensators, der zur Hochspannung aufgeladen den Funken überspringen lost. Solche Hochgespanntheit des Gemüts ist ihm die eigentliche Quelle für die „Verfertigung der Gedanken“. Deshalb erscheint es ihm als das günstigste, wenn die Entwicklung des Gedankens und der sprachlichen Formulierung gleichzeitig erfolgt. „Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse.“ Wenn aber der Gedanke schon vorher gedacht wird, ist die Lage weitaus ungünstiger, denn dann geht bei der Suche nach dem gemäßen Ausdruck die Klarheit des Gedankens womöglich wieder verloren. Kleist nimmt richtig wahr, daß Sprache und Denken in einem engen Wechselverhältnis stehen. Er entstellt seine Entdeckung aber dadurch, daß er den Denkprozeß dem Prozeß des Sprechens unterordnet und somit das Denken als etwas ganz spontan aus der Situation sich Ergebendes auffaßt. Indem er diesen Prozeß mit einem physikalischen Vorgang gleichsetzt, betrachtet er den denkenden Menschen als ein Objekt in naturgesetzlichen Vorgängen, die sich nicht völlig durchschauen lassen.
Mit solchen Gedankengängen stellte sich Kleist bewußt gegen die herrschende, allgemein anerkannte Meinung. Solch oppositionelle Haltung bestimmte seinen ganzen Entwicklungsgang, bestimmte auch seinen Weg zur Literatur. Kleist, der aus einer alten preußischen Offiziersfamilie stammt, verläßt den Offiziersstand, weil er die Pflichten eines Menschen und die eines Offiziers für unvereinbar hält. Er versucht sich in der Wissenschaft, scheitert aber, als er in Kants Erkenntnistheorie den Beweis zu finden glaubt, daß der menschliche Verstand untauglich sei, sichere Wahrheit zu gewinnen. Zur gleichen Zeit erlebt er das nachrevolutionäre Paris. Und hier entdeckt er nicht etwa den gesellschaftlichen Fortschritt, sondern Sittenverfall, menschliche Entfremdung, alle Schattenseiten der sich entwickelnden kapitalistischen Gesellschaft. Die Welt erscheint ihm düster, feindlich und undurchdringlich. Der Mensch ist dem blinden Zufall ausgeliefert.
„Das Erdbeben in Chili“ ist die erste Novelle, die Kleist veröffentlichte. Alle seine Novellen erzählen von unerhörten Ereignissen. Das rasch hinstürmende Geschehen konzentriert sich auf einen wesentlichen Gipfelpunkt der bei aller Außergewöhnlichkeit der Situation die menschlichen Beziehungen blitzartig erhellt. Kleist ordnet sich als Erzähler ganz dem Geschehen unter. Scheinbar unbeteiligt berichtet er als Chronist die außerordentliche Begebenheit, die sich während des Erdbebens in Chili zugetragen hat. In wenige Sätze zusammengedrängt, wird die Vorgeschichte erzählt. So sachlich der Dichter sich gibt, seine Darstellung ist durchglüht von der heiligen Empörung über die Unmenschlichkeit, mit der hier in Gestalt der katholischen Moral die gesellschaftliche Konvention die natürlichsten menschlichen Empfindungen und Handlungen verurteilt. Wie ein Gottesurteil erscheint die Naturkatastrophe. Während alle umkommen, die für die Kerkerhaft und das Todesurteil der Liebenden verantwortlich waren, werden diese in wunderbarer Weise wieder vereint. Die Katastrophe hat alle gesellschaftlichen Schranken zerbrochen. Die Menschen sind gleichsam in den Naturzustand zurückversetzt worden. Sie helfen und trösten sich gegenseitig. Aber diese Idylle währt nicht lange. Kaum haben die Erdstöße aufgehört, strömen die Menschen in die Kirche, um Gott für seine Rettung zu danken. Da zeigt es sich, daß die Vorurteile nur vorübergehend außer Kraft gesetzt waren. Von der Kanzel herab wird die angebliche Sünde der beiden Liebenden zur Ursache der Katastrophe erklärt. Eine fanatisch erregte Menge erschlägt die Liebenden, wobei der eigene Vater des Jeronimo die Rettung vereitelt. Das Erdbeben war kein Gottesurteil – oder es ist nicht begriffen worden. Kurze Zeit, bevor die Novelle erscheint, schreibt Kleist in einem Brief: „Es kann kein böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht: es ist ein bloß unbegriffener!“ Ein Schimmer von diesem verzweifelten Selbsttrost über eine unbegriffene Welt scheint darin zu liegen, daß das Kind dieser durch nichts einzudämmenden Liebe gerettet wird. Aber wie viele völlig Schuldlose werden durch die Naturkatastrophe und das gesellschaftliche Vorurteil vernichtet!
Kleists Novelle drückt das Grauen vor einer unmenschlichen Welt aus, in der der Dichter keinen Weg zu einem menschlichen Leben fand. Alle Bemühungen, die er unternahm, scheiterten. Kein Erdbeben öffnete seinen Kerker. Verzweifelt flüchtete sich Kleist am 21. November 1811 in den Tod.

Siegfried Streller

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(Fortsetzung)

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Leser: Werner Krynitz