Überlegungen zu Feliks D.
Porträtskizze

von Claus Hammel
LP LITERA 8 65 356
Covertext:
Feliks E. Dzierzynski
Immer wieder haben Historiker und Journalisten, Politiker und Schriftsteller sich mit ihm beschäftigt. Gorki, der ihn zum erstenmal in den Jahren 1909 und 1910 sieht, hat „den unvergeßlichen Eindruck seelischer Reinheit und Festigkeit“. Nachdem er ihn in der Zeit von 1918 bis 1921 näher kennengelernt hat, schreibt er: „Seiner Herzensgüte und seinem Gerechtigkeitssinn war es zu verdanken, daß so viel Gutes geleistet wurde. Er hat meine Liebe und Achtung gewonnen.“ Majakowski, in seinem Poem „Gut und schön“, legt jungen Menschen ans Herz: „Lebe nach dem Genossen Feliks!“ Eine Verwandte Churchills, Bildhauerin, bekennt in ihren Memoiren, nie habe sie einen schöneren Kopf zu modellieren gehabt als den Dzierzynskis, seine Hände seien die eines Virtuosen oder genialen Denkers, und sie werde nie mehr auch nur ein einziges Wort von dem glauben, was man in Großbritannen über ihn verbreitete.
Dies ist nun sehr schwärmerisch gesagt, und man kann sich eines Lächelns nicht erwehren, aber es ist doch gewissermaßen im Haus des alten Imperialisten und Kommunistenfressers Sir Winston gesagt worden und in einem Land, dessen Expeditionskorps einmal ausgezogen waren, dem roten Spuk im Russenreich ein Ende zu machen.
Tatsächlich hat die unbelehrbare Bourgeoisie, hat die Internationale des Antikommunismus mit ihrem Rattenschwanz von Mitläufern, Nachläufern und Überläufern keinen Grund, Dzierzynski zu rühmen: Er war ihr Todfeind. Er war der von Lenin vorgeschlagene und vom Rat der Volkskommissare berufene erste Vorsitzende der Gesamtrussischen Außerordentlichen Kommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage, der Tscheka, die am 20. Dezember 1917 gebildet wurde. Die Bildung der Tscheka war notwendig geworden, nachdem die von außen tatkräftig unterstützten Wiederbelebungsversuche der Reaktion am niedergestreckten Körper der alten Ordnung mit immer schärferen Formen des Terrors gegen die Bolschewiki und die mit ihnen Symphatisierenden einherzugehen begannen. Eine Kadertruppe von Revolutionären mußte den Sieg der Revolution sichern helfen. Dzierzynski hat sie zusammengestellt und bis zu seinem Tod geleitet. Und von Dzierzynski wurde der bis heute gültige und für alle Angehörigen der Sicherheitsorgane der UdSSR verbindliche Satz geprägt: „Tschekist kann nur sein, wer ein heißes Herz, kühlen Verstand und saubere Hände hat.“
Was man über seine Funktion als Chef der Tscheka meist vergißt: er ist außerdem Vorsitzender der Kommission zur Verbesserung des Lebens der Kinder gewesen (seit Januar 1921), Volkskommissar des Innern und des Verkehrswesens (seit April 1921) und schließlich (seit Februar 1924) Vorsitzender des Obersten Volkswirtschaftsrates. Wann immer unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten die Entwicklung aufzuhalten drohten, hieß es: „Man wird es wohl Dzierzynski anvertrauen müssen – der schafft es.“ Eine Formel, die Lenin zugeschrieben wird.
Dzierzynski stirbt zwei Monate vor seinem fünfzigsten Geburtstag. Vor seiner endgültigen Befreiung aus einem Moskauer Gefängnis durch revolutionäre Arbeiter, März 1917, hat er insgesamt elf Jahre Haft und Zwangsarbeit hinter sich, dreimal ist er nach Sibirien verbannt – das erste Mal mit zwanzig –, dreimal gelingt ihm die Flucht; einmal schlägt er sich vom Baikal bis Berlin durch. Bis Berlin: Er ist einer von diesen „vaterlandslosen Gesellen“, die die Vaterländer bewohnbar machen wollen.
Seine Eltern entstammen dem polnischen Kleinadel. Er kommt zur Welt am 11. September 1877 auf dem Landgut Dsershinowo im Gouvernement Wilno (Wilna, Vilnius), jetziges Gebiet Minsk. 1895, als Gymnasiast, tritt er in die Sozialdemokratische Partei ein. 1896 verläßt er das Gymnasium: „Weil ich der Ansicht war, daß ich meine Gesinnung auch in die Tat umsetzen, der Arbeiterklasse näher sein und mit ihr lernen müsse.“ Litauen, Polen und Rußland sind fortan Heimat und politisches Wirkungsfeld dieses – man darf wohl sagen – geborenen Internationalisten. Fest steht, daß der Mann in jeder Hinsicht so war, wie ein Kommunist sein soll. Er hat offenbar alle Tugenden in sich vereinigt, die bis in die Gegenwart das Ideal unserer Bemühungen sind. Der Witz dabei ist, daß nicht Lebensfremdheit, „Glaubens“-Eifer, tierischer Ernst und eigentlich Menschenverachtung – „Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie jene!“ – im Spiel waren. Im Gegenteil. Er erkannte eben nur nicht das als „das Menschliche“ an, was in der Vergangenheit, vor allem den bürgerlichen Moralpaukern und Reformern, so oft als der Generalnenner für verzeihliche Schwächen galt und worunter zu verstehen sind: Unaufrichtigkeit, Faulheit, kleine Diebereien, dunkle Geschäfte, Feigheit. Bestechlichkeit, Gewinnstreben, Machtmißbrauch und dergleichen – dieser ganze Dreck, den die Klassengesellschaften in Jahrhunderten als Existenzbedingung für die Krone der Schöpfung anhäuften. Das Menschliche waren für ihn – und allein das war der Zweck seiner Arbeit: dafür die Voraussetzungen zu schaffen Gerechtigkeit, Güte, Liebe, Freude, Begabung zu Freundschaft, Zuverlässigkeit. Mut, Hilfeleistung, also Solidarität im weitesten Sinn, Streben nach Bildung und Wissen … Nur, daß eben dies alles und noch mehr nicht zu befördern war außer, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse von Grund auf verändert wären.
So wird in der schwersten Zeit nach dem Sieg der Revolution die Erziehung zu kommunistischer Moral an den Anfang des großen Wandlungsprozesses gestellt, der den neuen Menschen zum Ziel hat.
Nein, der Typ des Gemütlichen ist er nicht gewesen. Kein Kleinbürger, kein öliger Volkstümler. Kein Beschwichtiger. Er war nicht trunken von Humanitätsdunst. Sein Credo war, daß der Mensch nicht durch eine Hintertür auf die Szene der Weltgeschichte sich schleichen dürfe, sondern klar, offen, öffentlich, als Revolutionär sich der Szene zu bemächtigen habe. Die Diktatur des Proletariats war für ihn das einzig und allein effektive Verfahren, Humanität herzustellen. Denn es hat sie, vorher, nicht gegeben.

Claus Hammel


Man wird es wohl Dzierzynski anvertrauen müssen - der schafft es.
Lenin

Seiner Herzensgüte und seinem Gerechtigkeitssinn war es zu verdanken, daß soviel Gutes geleistet wurde. Er hat meine Liebe und Achtung gewonnen.
Gorki

Das mache ich selbst.
Dzierzynski
Sprecher: Hans-Peter Minetti

Musikzitate aus:
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 5 d-moll op. 47 (1937)
1. Satz: Moderato. Allegro non troppo
Berliner Sinfonie-Orchester
Dirigent: Kurt Sanderling

Regie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Christa Blaumann

Für die Schallplatte gekürzte Fassung.
Vollständiger Text in der Buchausgabe des Militärverlages der DDR, Berlin 1979, 2. Auflage 1982

Ur-Lesung des Werkes durch Hans-Peter Minetti am Volkstheater Rostock, 1977
Künstlerische Leitung: Hanns Anselm Perten