Unternehmen Ölzweig

nach der „Lysistrata“ des Aristophanes
LP LITERA 8 60 040
Covertext:
Lysistrata, die mutige, schöne Griechin, ist weit mehr als 2000 Jahre alt. Aber sie ist jung geblieben. Jung und schön, weil sie ein Anliegen vertritt, das so alt und so jung wie die Menschheit ist: Sehnsucht, Hoffnung auf Frieden, Kampf für den Frieden.
Aristophanes, der Vater der Komödie, hat diese Frau geschaffen, jener Dichter des alten, klassischen Griechenland, von dem Hegel sagt, daß sich kaum wissen läßt, wie dem Menschen sauwohl sein kann, ohne ihn gelesen zu haben. Aristophanes lebte etwa 450 bis 385 vor unserer Zeitrechnung; er kannte die Menschen und liebte sie. Und die Menschen seiner Zeit, die Menschen aller Zeiten nach ihm, liebten ihn, seine witzigen und lebensvollen Komödien, deren Witz zündet wie am ersten Tag. Die Lebensfreude dieses Dichters steckt an, heute wie damals; sein Wille zum Guten und Besseren ist stark wie vor zweitausend Jahren.
Die „Lysistrata“ schrieb er inmitten des Peloponnesischen Bruderkrieges, der 431 vor unserer Zeitrechnung zwischen den griechischen Stadtstaaten Athen und Sparta um die Vormachtstellung in Griechenland und im Mittelmeerraum ausgebrochen war.
Die Lage Athens war entsetzlich. Die Flotte, die größte des Altertums, war bei Syrakus vernichtet worden. Krieg und Hunger hatten die Menschen erschöpft. Die Kriegsgewinnler aber behaupteten ihre Macht. Das Volk war eingeschüchtert und entmutigt. Einige der Verbündeten versuchten, Athen zu verlassen und Frieden zu schließen. Diese Versuche wurden mit entsetzlicher Grausamkeit niedergeschlagen. In dieser Situation bekannte Aristophanes seinen tiefen Glauben, daß Leben und Liebe über Haß und Krieg siegen werden.
Er bekannte seinen Glauben durch einen genialen Einfall: seine Lysistrata fordert die Frauen Griechenlands auf, der widernatürlichen Einrichtung des Krieges das natürlichste Kampfmittel der Frauen entgegenzusetzen, den Bettstreik. Dieser welthistorische Witz beweist seine Wirkung: bewußt wird, daß die Liebe der Geschlechter von der Liebe zur Menschheit, zu ihrer Zukunft nicht zu trennen ist. Aber die alte, junge Lysistrata weiß mehr. Sie weiß, daß die Liebe nur in einer vernünftigen Ordnung gedeihen kann. Sie weiß, daß nichts gut wird, wenn sie nicht mit ihren Frauenkompanien den Herrschenden die Staatskasse entreißt. Sie tut es. Sie siegt. Mit ihr siegt das Volk. Im Stück, in der Literatur, auf dem Theater damals. Noch nicht im damaligen Leben, in der Wirklichkeit.
Ewan MacColl, der große schottische Volkssänger, Schauspieler und Dramatiker, griff den Stoff auf, als er wieder einmal aktuell geworden war. Er schrieb das „Unternehmen Ölzweig“ als Kampfansage gegen den zweiten Weltkrieg, er ergänzte die alte Vorlage, bereicherte sie um die Erfahrungen der gesellschaftlichen Entwicklung in unserem Jahrhundert, deckte die sozialen Wurzeln des Krieges auf und entlarvte seinen Klassencharakter. Seine Erfindung sind die Soldatenszenen, vor allem die Gestalt des schwarzen Sklaven, der weiß, daß der letzte Akt des Dramas noch ungeschrieben ist. Für „Unternehmen Ölzweig“ wurden Ewan MacColl und seine Regisseurin Joan Littlewood während des Krieges in Großbritannien zu Gefängnisstrafen verurteilt.
1957 inszenierte Joan Littlewood, die inzwischen von aller Welt als „Mutter des englischen Theaters“ gefeiert wird, „Unternehmen Ölzweig“ am Berliner Maxim Gorki Theater. Der Erfolg war groß und verdient. Aber die Schöpfer der modernen Adaption waren nicht zufrieden. Sie schlugen vor, den Stoff auf die deutsche Situation zu übertragen.
Werner Bernhardy unterzog sich dieser Aufgabe. Er ging von einem unserer Situation entsprechenden Ausgangspunkt aus: jetzt geht es nicht mehr darum, einen Krieg zu beenden, sondern ihn zu verhindern. Das zog natürlich eine Reihe wesentlicher Veränderungen nach sich. Innerhalb der Frauengruppe wurde versucht, die Charaktere ein wenig zu vertiefen wenn darin auch jedem Bearbeiter einer antiken Komödie, die eine psychologische Gestaltung in unserem Sinne nicht kannte, Grenzen gesetzt sind. Auch innerhalb der Soldatengruppe wurden die Akzente verschoben. Der Soldat Strepsiades trägt nun die Züge eines unverbesserlichen Faschisten, der nicht einmal vor einem Kameradenmord zurückschreckt. Sein Opfer ist ein Rekrut, ein junger Bauer, der sich gegen den Krieg entscheidet, bevor er ihn noch kennengelernt hat. Auch die Rolle des geschickt gegen den Krieg agitierenden Sklaven wurde verdeutlicht. Eine Erweiterung erfuhr auch die Rolle des Kinesios. Horst Schönemann inszenierte die Neufassung.
Fünf Jahre stand „Unternehmen Ölzweig“ auf dem Repertoire des Maxim Gorki Theaters. Viele Theater der Republik spielten das Stück erfolgreich nach. Die Menschen in unserer Republik, deren Lebensinhalt der tägliche Kampf um Frieden und Sozialismus geworden ist, erkannten in Lysistrata und ihren Freunden tapfere Wegbereiter aus alter Zeit.

Gerhard Wolfram
Lysistrota: Sabine Krug
Kalonike: Eva-Maria Bath
Lampito: Brigitte Lindenberg
Myrrhine: Marga Legal
Krytillike: Annegret Golding
Nikodike: Ruth-Maria Kemper
Paradoxydos: Kurt Steingraf
Dikreopolis: Alfred Müller
Pistheraimos: Heinz Scholz
Chremylos: Walter Jupé
Drakes: Gerd Ehlers
Philokleon: Lothar Förster
Kinesios: Helmut Müller-Lankow
Draphinius: Horst Weinheimer
Chargierter: Willi Narloch
Ein Soldat: Horst Westphal
Ein Deserteur: Uwe-Detlev Jessen
Ein Sänger, zugleich Sprecher: Gerry Wolff
Eine Sängerin: Sylvia Pawlik

nach der „Lysistrata“ des Aristophanes
von Ewan MacColl
Deutsche Fassung: Werner Bernhardy

Querschnitt durch die Aufführung des Maxim-Gorki-Theaters Berlin

Zwischenmusik: Günter Hauk
Instrumentalgruppe
Leitung: Günter Hauk

Regie: Horst Schönemann