Vietnam-Diskurs

von Peter Weiss
LP LITERA 8 65 169
Covertext:
Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Viet Nam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika die Grundlagen der Revolution zu vernichten.


Vietnam!
… Schon der französische Kolonialisationskrieg in Indochina wurde zu 78 Prozent von Amerika finanziert. Eisenhower sandte der Garnison von Dien Bien Phu ein Telegramm, in dem er die Vorkämpfer der westlichen Zivilisation für ihre Tapferkeit und Ausdauer rühmte. Als das asiatische Volk über die Träger der modernen Waffen siegte und Vietnam durch internationalen Druck im Abkommen von Genf 1954 zu einer Teilung des Landes verurteilt wurde, schloß die amerikanische Regierung sich dem Vertrag nicht an. Eisenhower sah, daß die im Vertrag garantierte Wahl, die zwei Jahre später stattfinden sollte, nur zu einer Wiedervereinigung des Landes führen konnte und zu einem überwältigenden Sieg der um Unabhängigkeit kämpfenden Kräfte. In ihrem Schrecken vor einer kommunistischen Ausbreitung unterstützte die amerikanische Regierung Diems reaktionäres Regime und gab ihm alle Garantien für seine Aktionen gegen die Bevölkerung und die Widerstandsbewegung.
Diem besuchte New York, und in einer Messe, die zu seinen Ehren in der St. Patricks Cathedral abgehalten wurde, nannte Bischof Flannery ihn einen gottesfürchtigen Antikommunisten, einen hervorragenden Staatsmann und den Erretter Vietnams. Bürgermeister Wagner äußerte in seiner Begrüßungsrede, Diem werde in die Geschichte eingehen als eine der großen Figuren des 20. Jahrhunderts. Kardinal Spellman, einer der größten Gönner Diems, überreichte ihm persönlich einen Scheck der amerikanischen Katholiken, während Fachmänner aus der Polizeischule der Michigan State University nach Saigon kamen, um Diem beim Aufbau seiner Palastwache behilflich zu sein. Auf ihren grünen Mützen trugen sie das Emblem „De Oppresso Liber“. Was Diem unter Freiheit verstand, wurde nun mit Hilfe amerikanischen Geldes und amerikanischer Waffen verwirklicht. In seinem Kreuzzug gegen das, was die kommunistische Aggression genannt wurde, tortierte und mordete er Tausende von Verdächtigen und warf Zehntausende in Gefängnisse und Konzentrationslager. Um die Bevölkerung aus dem Einflußbereich der Guerillakämpfer zu ziehen, begann er mit einem großangelegten Plan der Umsiedlung. Die Menschen wurden aus ihrem natürlichen Milieu gerissen, oft mitten in der Ernte, ihre Häuser wurden niedergebrannt, Familien wurden zersplittert, sie durften nichts als ein Bündel mitbringen, als sie in die neuen befestigten Anlagen zogen. Hier hatten sie fortan zu leben, hinter dreifachen Palisaden, Wassergräben, Stacheldraht und Wachtürmen. Neun Millionen Menschen sollten von diesem Plan erfaßt werden, eine Zahl, die der Menge der Juden entspricht, die von Hitler überwältigt wurden. Mitte 1963 waren über sieben Millionen Menschen, 65 Prozent der Bevölkerung Südvietnams, in die strategischen Dörfer verfrachtet worden, deren Modell die Engländer in Malaya entwickelt hatten. Die Bewohner dürfen nur tagsüber zur Feldarbeit das Lager verlassen. Sie werden von Soldaten und Hunden bewacht. Beim Ausmarsch und Einmarsch werden ihre Kleider visitiert, An den Türen ihrer Hütten sind die Listen der Insassen mit dazugehörigen Fotos befestigt. Ihre Identitätskarten sind mit Fingerabdruck gekennzeichnet.
1957 gab Diem bekannt, daß er sich nicht an das Genfer Abkommen halten könne. Freie Wahlen können erst stattfinden, sagte er, wenn das Volk, das jetzt noch der Propaganda des Feindes unterworfen ist, selbständig zu denken gelernt hat. Er unterstrich gleichzeitig, daß dieses primitive, geteilte, vom Schrecken beherrschte Land nur von einer effektiven Militärmacht zur Ordnung geführt werden könne. Eisenhower beeilte sich, Diem mitzuteilen, daß die USA ihm in verstärktem Maße bei seinem humanitären Einsatz helfen würde. Als Kennedy 1961 seine Regierung antrat, waren die USA schon tief im „größten Geheimkrieg der Geschichte“ engagiert. Auch er versicherte Diem seines Beistandes im Kampf gegen die grausamen kommunistischen Angreifer. Im November 1962 schrieb die „New York Herald Tribune“: Noch nie waren so viele militärische Fachmänner an einem Krieg beteiligt, ohne daß die Öffentlichkeit darüber informiert worden wäre. Es ist ein Krieg ohne offizielle Bekanntgebung der Anzahl der eingesetzten Truppen und der Menge der Ausrüstung und des investierten Geldes. Erst Johnson faßte zusammen, um was es ging. Die meisten freiheitlichen Länder Asiens, so predigte er, können sich nicht allein gegen die Macht und die gierigen Ambitionen des Kommunismus wehren. Diese Länder müssen wir beschützen. Wenn wir uns aus Vietnam zurückziehen, so würde in der Zukunft kein Land mehr Amerikas Versprechungen vertrauen können. Wir müssen den Freunden, die um unsere Hilfe ansuchten, zur Seite stehen und den Feind, der auch unsere Sicherheit bedroht, zurückschlagen.
Erst gegen Ende der 50er Jahre, als Diems Terror den Höhepunkt erreicht hatte, gingen die Guerillatruppen zum Gegenangriff über. 1960 wurde die Organisation der Nationalen Befreiungsfront gebildet. Zum Zeitpunkt der kompakten amerikanischen Einmischung war das Land zum großen Teil politisch von den Widerstandskämpfern beherrscht, und die Mehrzahl der Bevölkerung stand auf ihrer Seite. Tausende von Soldaten desertierten monatlich aus der Regierungsarmee. Der Haß gegen das Diem-Regime wurde immer umfassender. Als in den von der CIA unterstützten Machtkämpfen der Generäle Diem gestürzt wurde, ergab sich nicht die von den Amerikanern erhoffte größere Gefügigkeit des Volkes. Die Bevölkerung war ihrer Rechte beraubt. Der Vertrag von Genf war außer Kraft gesetzt. Die zwei Milliarden Dollar, die zwischen 1955 und 1962 von Amerika einflossen, kamen nicht der versprochenen Bodenreform zugute, sondern der Regierungsclique, der Armee, den Privatunternehmern und dem schwarzen Markt. Der Krieg, der sich über das ganze Land ausbreitete, forderte für jeden getöteten „Vietcong“-Soldaten das Leben zahlreicher Zivilisten.
Daß der Nationalen Befreiungsfront Hilfe aus Nordvietnam zukommt, ist eine selbstverständliche Tatsache. Nordvietnam ist ein Teil des gemeinsamen Landes, dessen südliche Zone von einer Regierung beherrscht wird, die sich gegen den Willen der Bevölkerung etabliert hat. In der brutalsten Weise versucht die Regierung, sich zu behaupten. Daß der Kampf mit Hilfe Nordvietnams fortgesetzt wird, zeigt nur den Lebenswillen, die Zähigkeit und den Mut dieses bewundernswerten Volkes, das sich mit einem Minimum von technischer Ausrüstung gegen eine Super-Militärmacht zu behaupten weiß.
Während das Wachstum des Landes durch chemische Mittel vernichtet wird und Menschen und Tiere den giftigen Stoffen und Brandbomben zum Opfer fallen, bringt der Krieg den Vereinigten Staaten von Amerika einen großen ökonomischen Aufschwung. Die Industrien verzeichnen rekordartige Gewinne. Die Arbeitslosigkeit ist durch die Anstellungsmöglichkeiten in den Rüstungsbetrieben verringert worden. Wie Hitler Bewunderung in den Augen der Welt weckte durch den Bau von Autobahnen, von Metallindustrien, chemischen Werken und Waffenfabriken, so steht ein großer Teil der USA und der westlichen Welt hinter Johnsons Politik, weil sie den Aufschwung und den wachsenden Lebensstandard zu sichern scheint. Der Krieg in Vietnam ist fern. Er richtet sich gegen Menschen einer anderen Rasse. Noch sind in Amerikas Bevölkerung von 193 Millionen die 4200 toten Soldaten eine geringe Anzahl. Die 26 000 Verwundeten werden nicht gerechnet. Noch überwiegt das von der Presse, dem Fernsehen und der Erziehung unaufhörlich eingeprägte Bild der gerechten, freiheitlichen Demokratie. Doch täglich kommen Meldungen über die Umerziehung amerikanischer Soldaten. Langsam beginnen sie zu zweifeln an der Freiheit und Humanität, die sie unter ihrer Fahne in fremde Länder bringen. Und anstatt weiter auf einen vermeintlichen Feind zu schießen, stellen sie sich dem Militärgericht und den schweren Gefängnisstrafen.
Für die amerikanische Kriegsführung ist es an der Zeit, einen Sieg herbeizuführen. Doch in der ideologischen Verblindung wird immer noch außer Acht gelassen, wer der eigentliche Gegner in diesem unerklärten Krieg ist. Die Verantwortung für den Krieg wird Nordvietnam und dem asiatischen Kommunismus zugeschrieben. Die Volksbewegung der Nationalen Befreiungsfront gilt als nichtexistent. Damit wird die Möglichkeit der Friedensverhandlung mit dem einzig legalen Partner abgewiesen. Die Städte Nordvietnams geraten in die Beschußzone. Die Deiche, Dammanlagen und Kanäle im Delta des Roten Flusses, einem der dichtbesiedeltsten Flecken der Erde, werden bedroht. Die Generäle drängen zur Anwendung von Waffen, die den Feind in die Knie zwingen. 250 Millionen Napalmbomben sind in den chemischen Industrien Amerikas produziert worden, Ein Teil davon kam in Kongo und Angola zur Anwendung. Der Rest wird in Hunderten von Flugeinsätzen täglich auf Hütten, Ställe, Depots, Krankenhäuser, Schulen und alles, was einen Menschen verbergen kann, abgeworfen, 638 000 Tonnen Explosivbomben sind nach einem Bericht des Pentagons dieses Jahr für Vietnam vorgesehen. 700 000 Hektar Saatfelder wurden im vergangenen Jahr durch Giftstoffe zerstört. Über die Hälfte aller Tiere in diesen Gebieten kamen dabei um. Viele Kinder, Alte und Kranke starben unter unmittelbarer Einwirkung der Gifte. Hunderttausende erlitten schwere Schäden. Schwangeren Frauen starb die Leibesfrucht. Stillenden Müttern versiegte die Milch. Bei diesen Angriffen nimmt das Land des Überflusses einem Land des Hungers nicht nur die letzten Ernährungsreserven: Es bestimmt durch die systematische Entlaubung der Wälder, durch Vergiftung der Pflanzungen auch die folgenden Generationen zur Notlage.
Seit 1965 benutzen die amerikanischen Truppen und ihre Verbündeten offiziell Tränen- und Brechgase in täglicher Routine. Großangriffe in Gasmasken werden gegen den gelähmten Feind geführt. Höhlen, Tunnelanlagen, Schutzkeller werden mit Gas ausgeräuchert. Neue effektive Maschinen zur Gasausschleuderung werden von amerikanischen Produzenten angeboten. Die Gebrauchsanweisungen entsprechen dem Erfindungsgeist, den deutsche Fabrikanten einmal der Errichtung von Vergasungs- und Verbrennungskammern widmeten. 125 Millionen Dollar stehen in diesem Jahr amerikanischen Laboratorien für Forschungszwecke in chemischer und bakteriologischer Kriegführung zur Verfügung. Vietnam bildet ein Versuchsfeld für alle Arten von Gift- und Brandstoffen. Unter der zynischen Erklärung, daß es sich hierbei um eine Schonung des Gegners handele, werden neue Mittel zur umfassenden Menschenausrottung erprobt…
Die Besitztümer der reichen Nationen sind verpestet von Aasgeruch. Der Fortschritt, von dem ihre Staatsmänner mit tränenerstickter Stimme sprechen, wird mehr und mehr zu einem Fortschritt in der Eliminierung von Menschenleben. Amerika, dieses Land, das viele wahre Demokraten beherbergt, steht heute vor den Völkern, die nach Freiheit und Unabhängigkeit streben, als Weiterführer der Tradition von Guernica, Lidice und Maidanek …

Peter Weiss (2. August 1966)

Sprecher: Annelise Matschulat, Christine van Santen, Peter Bause, Ralph Borgwardt, Karl-Heinz Fischer, Wilfried Kretschmer, Georg Lichtenstein,
Wolfram Lindner, Eberhard Mellies, Gerd Micheel, Hans Rohde, Frank Schenk, Erhard Schmidt,
Christian Stövesand, Dieter Unruh, Ulrich Voss,
Kurt Wetzel, Horst Ziethen

von Peter Weiss

Schallplattenbearbeitung: Hanns Anseim Perten
Musik: Günter Kochan
Musikalische Beratung: Gerd Puls
Instrumentalgruppe
Leitung: Gerd Puls
Regie-Assistenz: Werner Sthurbaum
Regie: Hanns Anselm Perten

(c) Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1967.
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