Von und mit Hansgeorg Stengel
LP LITERA 8 65 257
Covertext:
Wenn man Meyers Taschenlexikon „Schriftsteller der DDR“ Ausgabe 1974, folgen darf - und man darf –, dann ist Hansgeorg Stengel (Hansgeorg in einem Wort, ohne Bindestrich, wie er in unermüdlichen, variantenreichen Vergleichen mit mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen hervorzuheben pflegt) im Jahre 1922 in Greiz geboren.

Greiz, das rechnet Stengel spätestens seit dem erfolgreichen Weltraumflug des DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn Ende August 1978 zum Vogtland: Wir Vogtländer sind ein prächtiger Menschenschlag und alles, was wir tun, tun wir für unsere Heimat, das Vogtland – so ähnlich klang es dann unmittelbar danach bei manchem Auftritt Stengels, und natürlich auch später, versteht sich. Für einen Berliner, einen Lausitzer oder einen Uckermärker sind die Stengelschen Unterscheidungen in (Mehrheits-) Sachsen und (Minderheits-) Vogtländer = Thüringer sowieso mehr theoretischer Natur ...

Nach besagtem Lexikon ist Hansgeorg Stengel mindestens viererlei: satirischer Lyriker, Kabarettdichter, Feuilletonist, Verfasser von Kinderbüchern; darüberhinaus ist er noch etwas, nämlich „sowie Filmautor“.

Lassen wir jedoch den Filmautor Stengel, den ich erstens zuwenig kenne und von dem ich zweitens vermute, daß seine filmschöpferische Periode schon ein Weilchen zurückliegt. Lassen wir aber auch den unter Kindern wie Erwachsenen ziemlich populären Verfasser des modernen Struwwelpeter – das wäre ein Kapitel (oder eine Platte) für sich.

Nehmen wir den, darf ich es so sagen, allenthalben bekannten Schriftsteller, der gleichermaßen der Literatur, der Publizistik und der heiter-satirischen Vortragskunst zugehört, oder, um bei Meyers Lexikon zu bleiben, nehmen wir den dreifaltigen Meister der operativen Genres der Literatur: den Feuilletonisten, den Kabarettdichter, den satirischen Lyriker. Von allen dreien wird man auf dieser Platte genügend erleben, wenn man die Begriffsbestimmungen nicht zu wörtlich nimmt. Natürlich liest Stengel keine geschriebenen Feuilletons vor, zumal das, was ein Feuilleton ist, bis auf den heutigen Tag selbst von praktizierenden Feuilletonisten nur ungefähr beschrieben worden ist. Wenn zum Beispiel Lothar Kusche in einem Feuilleton über das Feuilleton schreibt: „Heiterkeit und Leichtigkeit sind Kennzeichen des Feuilletons, wobei man Leichtigkeit nicht mit Oberflächlichkeit gleichsetzen darf, sowenig man die Schwerfälligkeit mancher Zeitungsartikel für Tiefe halten soll“, dann muß er dabei natürlich nicht an Hansgeorg Stengel gedacht haben, aber für Leichtigkeit, gegen Schwerfälligkeit – das ist schon stenglische Art. Was ist denn zum Beispiel eine seiner Standarddarbietungen: Der Autofahrer, der, irgendwohin unterwegs, im Autoradio die Nachricht vom Treffen der Außenminister zweier befreundeter Staaten erfährt und am Schluß eines kunstvoll gebauten inneren Monologs seine Neugier mit der Mitteilung restlos befriedigt sieht, es seien beiderseits interessierende Fragen besprochen worden ... Das ist Feuilleton, aber wohl auch eine nicht nur durch den Vortrag dramatisch wirksam gemachte Kabarettszene. Stengel hat nachweislich Feuilletons geschrieben; ob er sie, so wie er sie schriftlich fixiert, auch vorgetragen hat, ist schwer zu sagen.

Nicht ohne Interesse für den, der sich beim Anhören der Stengelschen Schnurren darüber den Kopf zerbricht, ist eine Außerung des Autors aus dem Jahre 1975: „Und außerdem macht es mir natürlich Vergnügen, vor dem Publikum meine Geschichten so zu formulieren, daß ich ihrer Wirkung sicher bin. Und das geschieht manchmal erst im Laufe von sechs bis sieben Abenden. Ich erzähle sie zwar immer wieder anders, ich habe das alles nie aufgeschrieben, bis auf die Epigramme. Alles andere, die Geschichten, die ich erzähle, die Märchen, die gibt es gar nicht als Literatur. Die habe ich bloß hinzugesponnen, von Mal zu Mal ausgewechselt, und was nicht ankam, habe ich wieder fallengelassen. Ich erzähle jedesmal ein paar neue Sätze. Was ich da mache, ist ja eigentlich gar nicht so neu, das war ja früher sogar die Norm; bei Ringelnatz, Wedekind und anderen Literaten, bei denen die Art und Weise ihres Schreibens so an ihre Person gebunden ist, daß eigentlich auch nur sie das vortragen konnten. Ich habe schon so oft gehört, wie meine Epigramme vorgetragen wurden, und ich erschauerte. Es ist furchtbar, ich kann es nicht – und das jst keine Überheblichkeit –, ich kann es keinem Schauspieler übergeben. Das muß ich bringen, das ist meines, und ich kann mir auch erlauben, dies und jenes zu verändern. Verändern heißt bei Stengel oft aktualisieren. Es gibt dieses abgedroschene Wort – vom Schriftsteller, der die Hand am Puls der Zeit habe. Von Stengel darf man mit Fug und Recht behaupten, er kennt seine Leute, ihre Lebens- und Wirkensumstände, er spürt den großen und kleinen Ärgernissen, Schiefheiten, Lächerlichkeiten nach. Er haßt Aufgeblasenheit, Hohlheit und Falschmünzerei und bekämpft sie mit sprachlicher Genauigkeit und wortgewandten, wörterumprägenden, wortverändernden Formulierungen, die schärfere Konturen in Begriffe bringen, Zustände erhellen, Umstände deutlicher machen, zum Anderssehen auffordern, den Spaß am Wortspiel wecken und nolens-volens zum eigenen Spiel mit der Sprache ermuntern.

Der satirische Lyriker Hansgeorg Stengel ist viel gedruckt worden. Immer wieder ist es vornehmlich das Epigramm, das ihn gereizt hat. Über Stengels Vorliebe zum Epigramm wird auch auf dieser Platte, in der typisch untertreibend-übertreibenden Stengelschen Selbstbeweihräucherung, die sich selbst zum Besten hat, etwas zu hören sein. Epigramme sind Gedichte für den Tag – also vergänglich, schnell vergeßlich?

Lassen Sie mich hier ein Epigramm aus dem ersten Band einer inzwischen stattlichen Serie von Epigrammbüchern, veröffentlicht 1967, wiedergeben. Ganz sicher ein Gedicht für den Tag, oder ...?

Kurzstrecke
Er ist knapp neunzehn. Achtzehn seine Braut.
Sie streiten sich, bis ihre Ehe bricht.
Man hat sie standesamtlich zwar getraut,
verstandesamtlich aber leider nicht.

Hansgeorg Stengel hat seine satirische Begabung nicht wild wuchern lassen, er hat sie überlegt und verantwortungsbewußt entwickelt zum Nutzen und zur Freude eines wachsenden Publikums.

Wolfgang Sellin
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Ich könnte ohne mich nicht sein

See, see rider
Traditional
Bearbeitung: Heinz Lippold

Von der Dreifaltigkeit

l shall not be moved
Traditional
Bearbeitung: Heinz Lippold

Der Verdrossenheitsstau


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Germanenstraße 120

Shine
Traditional
Bearbeitung: Heinz Lippold

Die Quarzreise

Blues für Ernst
Komposition und Arrangement: Hartmut Behrsing

40-Pfennig-Ware

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Leser: Hansgeorg Stengel

Mitwirkende: Jazz-Collegium Berlin
Hartmut Behrsing, Piano;
Heinz Lippold, Posaune;
Wolfgang Müller, Trompete;
Ernst-Georg Hering, Trompete;
Wolfgang Riemer, Klarinette;
Horst Würzebecher Bass;
Jochen Schulze, Schlagzeug;
Ruth Hohmann, Vokal

Wortaufnahme: Mitschnitt einer Veranstaltung in der Kleinen Komödie Warnemünde

Tonregie: Karl Hans Rockstedt