Was für ein Meisterwerk ist ein Mensch
Texte der Weltliteratur
LP LITERA 8 65 152
Covertext:
„Je reicher, um so wahrer! Je tiefer ich den Reichtum und die Vielfalt des Lebens aufspüre und begreife, um so echter und wahrer ist meine Sache.“

Für Wolfgang Heinz ist diese Sache nicht allein die Kunst, sie ist zugleich das Leben, sein Leben, unser sozialistisches Leben. Für ihn gibt es da keine Trennung. Nie hat er sich geniert, das offen auszusprechen:
„Schauspieler und Regisseur haben eine gemeinsame Aufgabe: das Theater als Waffe im Klassenkampf zu handhaben.“ Schon der Entschluß des Siebzehnjährigen, die Bretter, die eine Welt bedeuten, zu seiner Welt zu machen, atmet etwas von dem Protest des Unzufriedenen gegen eine Ordnung, die Europa in einem sinnlosen Krieg zu zerstören drohte, deutet die Sehnsucht an, durch eigenes Wirken dieser Sinnlosigkeit entgegenzutreten. Heinz sieht das heute so:
„Ich komme aus einer österreichischen bürgerlichen Familie. Meine Mutter erzog mich aufgrund naiver Anschauungen vom Leben: Werde ein guter Mensch, das heißt, sei bescheiden und hilfsbereit! Werde ein tüchtiger Mensch, das heißt, lerne brav und sei strebsam, damit du eines Tages ein gutes Auskommen hast und eine Familie ernähren kannst! Und dann waren da auch die Professoren des Kaiserlich-Königlichen Realgymnasiums. Aber das von ihnen angebotene Bildungsgut, einschließlich der staatsbürgerlichen Maximen, machte kaum nennenswerten Eindruck auf mich. Ein Jahr vor Kriegsende – 1917 – ging ich nach Deutschland ins Engagement, war auf mich selbst gestellt und begann, mich allein und ohne Anleitung mit der Lösung der, Welträtsel herumzuschlagen. Um zu wissen, was gut und was böse sei, mußte ich mir zuerst die Frage beantworten: Wozu lebt der Mensch? Denn die sittlichen Postulate, die in dieser meiner Welt kolportiert wurden, sprachen aller Wirklichkeit hohn. Statt einander hilfreich zu begegnen, trachtete ein jeder nur, den anderen zugrunde zu richten. Rein gefühlsmäßig begrüßte ich den Sturz des Zarismus, aber ich vermochte die bürgerliche Lügenpropaganda nicht zu durchschauen und die wirkliche Bedeutung der revolutionären Umgestaltung einzuschätzen. Die Ermordung von Rosa Luxemburg, die Liquidierung der Münchner Räterepublik, die Niederschlagung der Aufstände in Mitteldeutschland, das Vorgehen der Polizei gegen streikende Arbeiter im Ruhrgebiet, das alles empörte mich. Aber ich sah nur die erregenden Symptome, begriff nicht die Ursachen. Mir fehlte eben der Kontakt zu wirklich revolutionären Kräften – wieviel Umwege und Zeitverlust wären mir erspart geblieben! – und so lebte ich als rebellischer Einzelgänger. Mein Suchen scheint mir zwar nicht ganz unfruchtbar gewesen zu sein, lernte ich doch bei meiner Beschäftigung mit den bürgerlichen Deutungen der Daseinsphänomene gewisse Problemzusammenhänge kennen. Aber die einzig richtige Antwort, wie ich zu handeln hätte, wozu es gut sei, Theater zu spielen, außer, um Karriere zu machen, was ich mir allerdings auch als Ziel setzte, blieb aus. Es bedurfte noch eines Anstoßes, um mich diese Antwort finden zu lassen. Er kam von meinem späteren Freund Hans Otto.“

Das nächste Jahrzehnt ist ausgefüllt mit der Suche nach einem sinnvollen Orientierungspunkt im Leben und in der Kunst. Es sind die künstlerischen und politischen Lehrjahre des jungen Schauspielers. Sie führen ihn von Eisenach – seinem ersten Engagement – nach Wien, von da zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater Berlin, ein Jahr später zu Leopold Jeßner ans Staatstheater am Gendarmenmarkt. Die nächsten Stationen sind Hamborn, Hagen und Hamburg. 1928 ist er wieder in Berlin. Er lernt den Schauspieler Hans Otto kennen. Die Begegnung mit dem jugendlichen Heldendarsteller des Berliner Staatstheaters führt zur entscheidenden Wende in seinem Leben. „Da sitze ich einmal im Konversationszimmer in einer Ecke und lese. – Damals habe ich gerade Kants ,Kritik der reinen Vernunft‘ durchgeackert, ungefähr ein Dreivierteljahr, mit Kommentaren und so. – Da wurde ich rausgerufen zur Probe, und als ich wieder zurückkam, stand da ein Kollege und stellte sich vor: ,Hans Otto‘. Wir sprachen miteinander, und er sagte, weil ich das Buch wieder nahm: ,Ach, das ist Ihr Buch! Sie interessieren sich für Philosophie?‘ Und wir fingen an, über Philosophie zu sprechen. Er fragte mich: ,Haben Sie eigentlich schon mal was von Marx gelesen?‘
Ich: ,Nein, das ist doch kein Philosoph, das ist doch ein Politiker.‘ Ja, so war das. Daraufhin sagte er: ,Da irren Sie sich, das ist ein Philosoph. Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen etwas bringen.‘
Er brachte mir Bücher. Die las ich. Manches habe ich nicht verstanden, darüber habe ich mit ihm gesprochen. So lernten wir uns näher kennen. Eines Tages sagte er: ,Interessiert Sie mal so eine Besprechung? Wenn Sie Sonntag Zeit haben, dann kommen Sie doch mal in dieses Lokal.‘ Ich ging hin und hörte zu. Es war eine RGO-Versammlung, da sprachen Schauspieler und Arbeiter. Das war alles sehr fremd, aber sehr interessant für mich. Wir haben noch lange darüber gesprochen …
Nach zwei Monaten habe ich schon in der RGO gearbeitet. Ich habe Artikel geschrieben. Die waren sehr abstrakt. Dann hat Hans Otto immer gesagt: ,Mensch, das ist doch Käse.‘
,Wieso, Hans?‘
Er: ,Schau, du mußt immer konkrete Dinge aufgreifen, nicht so allgemein. Den Schauspielern sind die Revolution und der Sozialismus egal, vorläufig. Du mußt aufschreiben: Ihr wollt Nachmittagshonorare, ihr wollt das und jenes.‘ Und so habe ich gelernt, die Tagesfragen mit dem Fernziel zu verbinden. Ein halbes Jahr später hat er dann gefragt, ob ich in die Partei eintreten will. ,Denn‘, so sagte er, ,Marxisten müssen nicht nur Theorie studieren, um zu wissen, wie die Welt beschaffen ist, sondern sie müssen auch lernen, sie zu verändern.‘
,Gut‘, sag’ ich, ,das stimmt eigentlich. Ja. Das stimmt übrigens überein mit Tolstoi, daß man die Identität zwischen Denken und Handeln schaffen muß.‘ – Das war mein Ethos früher. – ,Ja, mach’ ich, ich gehe in die Partei.‘ Und so bin ich Kommunist geworden.“

Von nun an gibt es für Heinz nur eine große Aufgabe, der er sein Leben und sein künstlerisches Schaffen bewußt unterordnet: Die Welt der Menschen umzugestalten in eine menschliche Welt. Sein Forum ist die Bühne, ist die tägliche Kleinarbeit mit den Kollegen, ist die politische Versammlung. 1932 vertritt er auf der 52. Ordentlichen Vertreterversammlung der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger gemeinsam mit seinen Freunden Hans Otto und Wolfgang Langhoff eine neue Generation deutscher Schauspieler gegen einen konservativen Vorstand. Er fordert:
„Die Umwandlung der diktatorischen Verfassung der Genossenschaft in eine wirkliche Mitgliederdemokratie … Abwehrmaßnahmen gegen Gagenabbau, gegen Betriebsstillegung, gegen Starwesen und Zensureneingriffe … die Zurücknahme aller Ausschlüsse klassenbewußter Kollegen … die Abschaffung der bestehenden Wirtschaftsverhältnisse, die nur Not und künstlerische Unproduktivität bedingen … die Mitarbeit an der Schaffung andersgearteter besserer Verhältnisse … eine neue Lebensform für die Menschheit und in ihr für uns Schauspieler die Erfüllung unserer Sehnsucht: Theater spielen und lebendiger Kunst dienen zu dürfen.“

Kaum ein Jahr später bricht über Deutschland die Nacht des Faschismus herein. Hans Otto wird verhaftet, gefoltert und ermordet. Wolfgang Langhoff wird nach „Börgermoor“, einem der ersten faschistischen Konzentrationslager, verschleppt. Wolfgang Heinz, der sich auf einer Auslandstournee befindet, erhält durch einen Kurier die Nachricht von der Ermordung seines Freundes und der Fahndung nach ihm selbst. Er kehrt nicht nach Deutschland zurück. Heinz emigriert in die Schweiz und wird Mitglied des Züricher Schauspielhauses. Hier trifft er Kollegen, Antifaschisten wie er. Unter ihnen Karl Paryla, Emil Stöhr, Leonard Steckel, Maria Becker. Später kommt auch Wolfgang Langhoff, dem die Flucht aus Deutschland gelingt, zu ihnen. Es sind schwere Jahre: Die ständige Bedrohung, nach Deutschland ausgeliefert zu werden, die Sorge um die in Deutschland illegal kämpfenden Freunde und Genossen. Aber es sind auch Jahre der künstlerischen Reife für den Schauspieler und Regisseur.
Nach dem faschistischen Inferno wird Wolfgang Heinz nach Wien gerufen. Ein ehemaliges Ufa-Kino wird zur Geburtsstätte der Wiener Scala, einem Volkstheater für die Arbeiter von Wien, das in kurzer Zeit internationalen Ruf erlangt. Gleichberechtigt neben den Traditionen des Wiener Volkstheaters – Raimund, Nestroy und Anzengruber – stehen hier auf dem Spielplan die großen Klassiker der Weltdramatik: Shakespeare, Schiller, Beaumarchais, Gogol, Tolstoi, Gorki und Werke der sowjetischen Gegenwartsdramatik. Die Scala ist es auch, die das Wiener Publikum zum erstenmal mit Brecht konfrontiert. Brecht inszeniert „Die Mutter“ (mit Helene Weigel und Ernst Busch in den Hauptrollen) und Wolfgang Heinz als letzte Inszenierung der Scala den „Galilei“. Die Besucherzahlen steigen langsam, aber ständig, das Publikum kommt vor allem aus den Arbeiterbezirken Wiens. Als 1956 reaktionäre Kräfte dem Theater die Konzession entziehen, demonstrieren Tausende Wiener Arbeiter gegen diesen Willkürakt. Ein einmaliges Ereignis in der Theatergeschichte.
Bereits während seiner Arbeit an der Scala gastierte Heinz auch als Regisseur in Berlin. Nach der erzwungenen Schließung des Theaters gehen er und ein Teil seines Ensembles nach Berlin zu Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater. Der Name Wolfgang Heinz ist seit dieser Zeit eng mit der Entwicklung des sozialistischen Theaters in der DDR verbunden. Professor Mamlock, Teterew, Lear, Wallenstein, Nathan, Galilei – um nur einige Rollen zu nennen – sind Beispiele großer realistischer Schauspielkunst. Vergleicht man das Repertoire seiner Menschendarstellung mit dem anderer Schauspieler, ist man erstaunt über die große Anzahl und die Unterschiedlichkeit der von ihm gestalteten Rollen. Vor Jahren danach befragt, antwortete Heinz:
„Wie viele Rollen ich in meinem Leben gespielt habe? Ich schätze an die 400. Es können aber auch mehr sein. Wir hatten ja am Züricher Schauspielhaus die ersten vier Jahre jede Woche eine Premiere, später drei im Monat. Und das Ensemble bestand nur aus ca. 28 Mitgliedern. Eine Lieblingsrolle kann ich nicht nennen. Aber eine Reihe von Rollen spielte ich sehr gern, zum Beispiel den Woyzeck, den Danton, den Roller, den Philipp, den Jago und Othello, den Shylock, den Lear, den Just, den Klosterbruder und Nathan, den Molfels und den Schulmeister in Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, den Pastor Manders und den Borkmann, den Satin, den Teterew und den Protassow in „Kinder der Sonne“, den Mamlock und andere mehr. Viele dieser Rollen waren für meine Entwicklung bedeutsam, ist doch jede Rolle quasi eine Skizze für die folgenden. Und gerade die prinzipiellen Unzulänglichkeiten im Ergebnis einer Gestaltung bilden den Anstoß zur Entwicklung. Man quält sich, läßt nicht nach, sie zu überwinden, sucht die Fehlerquellen zu ergründen, die aus unzureichender Sicht, auch Lebensreife oder mangelhaftem Können resultieren. Selbst wenn es gelingt, sie zu entdecken, wird das in der Regel erst bei der nächsten Rolle oder noch später produktiv.“

Wolfgang Heinz hat es sich nie leicht gemacht. Wer ihn bei seiner Arbeit beobachtet hat, weiß, mit welcher Liebe und Ungeduld, mit welcher Akribie und Phantasie, mit welcher Fülle von Erfahrungen und Entdeckerfreude er einem Kunstwerk begegnet. Er haßt Oberflächlichkeit und Schablone, aber er ist auch nicht ängstlich, gute Erfahrungen, die er selbst oder andere gemacht haben, zu übernehmen. Nicht der szenische Effekt, sondern das Erfassen der menschlichen Substanz einer Rolle oder eines Stückes sind Ausgangspunkt und Ziel seiner künstlerischen Arbeit. Um schöpferisch zu arbeiten, braucht Heinz das Kollektiv, den anregenden Streit. Er ist ein guter, aber auch ein unbequemer Partner, er verlangt, und er gibt, man lernt von ihm, und man spürt, daß er selbst dabei lernt.

Die vorliegende Aufnahme sollte ein akustisches Porträt des Menschen und Künstlers Wolfgang Heinz geben. Wo anfangen, wo aufhören? Wie ein so reiches Leben in den Zeitraum von fünfzig Minuten pressen? Aus der Fülle und Vielfalt wählten wir einen Gedanken – wissend, daß es auch dabei nur um ein Skizzieren, ein Andeuten gehen konnte – den Gedanken, für den er lebt und arbeitet, der zum Zentrum seines künstlerischen Schaffens wurde: Die Verwirklichung des humanistischen Menschenbildes.

Helmut Rabe
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William Shakespeare
Was für ein Meisterwerk ist ein Mensch
(Aus „Hamlet“ II/2)

Maxim Gorki
Wie ein Mensch geboren wird

Johann Wolfgang Goethe
Prometheus

William Shakespeare
Sein oder Nichtsein
(Aus „Hamlet“ III/1)

Friedrich Schiller
Wär’s möglich, könnt ich nicht mehr, wie ich wollte?
(Aus „Wallensteins Tod“ I/4)

Johann Wolfgang Goethe
Ein Sumpf zieht am Gebirge hin
(Aus „Faust“, II. Teil)

Bertolt Brecht
Szene: Galilei – Kleiner Mönch
(Aus „Leben des Galilei“)
Galilei: Wolfgang Heinz
Kleiner Mönch: Viktor Deiß


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Maxim Gorki
Still da! Ihr seid dummes Volk
(Aus „Nachtasyl“)

Thomas Mann
Warum Beethoven zu der Klaviersonate opus 111 keinen dritten Satz geschrieben habe
(Aus „Doktor Faustus“)

Johannes R. Becher
Beneidenswerte Menschen

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Sprecher: Wolfgang Heinz

Zusammenstellung, Textredaktion und Regie: Helmut Rabe
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt

Bertolt Brecht: „Leben des Galilei“ – Aufbau-Verlag
Thomas Mann: „Doktor Faustus“ – S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main
Johannes R. Becher: „Beneidenswerte Menschen“ – Aufbau-Verlag