Wedekind im 3. Stock

LP LITERA 8 65 218
Covertext:
Ein vermummter Herr
Der „vermummte Herr“, von dem hier die Rede ist, heißt Frank Wedekind – so jedenfalls hat sich der Stückschreiber und Liedersänger, der das wilhelminische Deutschland in Aufregung versetzte, gelegentlich selbst genannt.

Was eigentlich ist ein vermummter Herr? Einem klugen Wörterbuch entnehme ich, daß vermummen so viel bedeute wie „in eine Maske einhüllen“, daß „Mummerei“ so viel heiße wie „Maskerade“, aber auch im Sinne von „Verstellung“ gebraucht werde.

Wenn dieser Wedekind etwas nicht getan hat, nie in seinem ganzen Leben: er hat sich nicht verstellt. Die bürgerliche Welt, in der er lebte, kam ihm abgestanden und verlogen vor, die bürgerliche Moral schien ihm so muffig wie heuchlerisch: er hat sie unausgesetzt attackiert. In dem wilhelminischen Karpfenteich der Jahrhundertwende war dieser Wedekind der Hecht – er schnappte häufig zu, mit scharfen Zähnen, mit nicht unterzukriegender Angriffslust; auch eine Festungsstrafe wegen „Majestätsbeleidigung“ machte ihn nicht zu einem sanften Schreiber.

Ich komme noch einmal auf den „Vermummten Herrn“ zurück. Ja, Wedekind hat sich häufig in eine Maske eingehüllt – er gab sich oft als frivoler Spötter, als Sittenverächter, als eiskalter Zyniker. In Wirklichkeit jedoch war er vor allem ein Moralist: ihn ekelte an, wie in der bürgerlichen Welt natürliche Gefühle und Triebe unterdrückt, verkrümmt oder gar gewinnbringend kommerzialisiert wurden. Er wollte den Menschen helfen, zu sich selbst zu kommen, zu eigener Lust. Er setzte aber den „Menschen“ sehr allgemein, da war eine romantische Verschwommenheit; und die Befreiung des Menschen ist ja noch ein bißchen mehr als die Befreiung der Triebe.

Aber dieser Wedekind, der 1918 starb, war und blieb ein aggressiver Kritiker der herrschenden bürgerlichen Moral seiner Zeit. Er war ein vermummter Herr, aber er war auch ein Herr mit Mumm: seine satirisch zugespitzten Stücke wie „Frühlingserwachen“, seine aufreizenden Bänkellieder, Schauerballaden und Moritaten, die er in Münchener Kabaretts wie den „Elf Scharfrichtern“ und dem „Überbrettl“ zur Gitarre selbst vorzutragen pflegte, gingen aufs Ganze. Da wurde kein Pardon gegeben, und Wedekind wollte von jener Gesellschaft auch keinen Pardon annehmen. Er blieb, wenn nicht auf der Gegenseite, so doch auf der Außenseite. Und viele Dinge, die er schrieb, hatten einen bestimmten Pfiff, eigenen Stil und Drall; man kann das auch Talent nennen. Auch das ist ein Grund, ein bißchen auf das zu hören oder wenigstens hinzuhören, was dieser Wedekind gemacht hat.

Über Wedekind haben Leute wie Heinrich Mann, Feuchtwanger und Brecht kluge und bedenkenswerte Dinge gesagt – der junge Brecht fand bei Wedekind nicht wenig Inspiration und Anregung. Und Heinrich Mann hat, im Herbst 1918, dem Freund ein Denkmal gesetzt; er hatte den prophetisch-realistischen Zug im Werk Wedekinds deutlich erkannt.

„Ob es ihm dabei wohl oder wehe war, er sah nur Kampf, fühlte nur das immer atemlosere Gewühl des Kampfes – im Lande wie in seinem Herzen. Weiber, die nur genießen, Männer, die nur erraffen, jede uneigennützige Handlung ein Hereinfall, jedes freundliche Gefühl ein Gelächter, nur kalte Neugier für Menschliches anstatt Teilnahme, nur Machtsucht, sogar bei den Denkern, den Armen vom Gesetz nur gerade das gefährliche Maul gestopft, den Schiebern aber jeder Erfolg auf Erden und im Himmel: das alles war in seinem Herzen schon fertig, als es im Lande erst heranwuchs, und der ganze Anfang des Jahrhunderts sprang, kaum daß es in Wirklichkeit begonnen hatte, gewappnet aus seinem Kopf. Nirgends wie in seinen Stücken können Sie mit Händen greifen, wie sehr das Leben jener Tage schon Krieg war, bevor es dann wurde, was es war. Niemand hat so unausweichbar vorausgezeigt, wohin solch seelische Haltung treibe.“

Nichts besseres ließe sich über Wedekind sagen, über seinen antikapitalistischen Elan, den enthüllenden Zugriff, den vorausschauenden Blick. Und kein Besserer hätte das sagen können als eben Heinrich Mann: er hatte den „Untertan“, den großen satirischrealistischen Roman, der den Untergang des wilhelminischen Deutschland ankündigte schon 1914 abgeschlossen. Der vermummte Herr namens Wedekind war von ihm zu keiner Zeit weit entfernt.

Günther Cwojdrak
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Tantenmörder
Komposition: Wedekind
Wagner

Prolog
Decho

Ilse
Komposition: Wedekind
Wünscher, Sonsalla

Idyll aus dem modernen Leben
Wünscher, Decho

Der Lorbeer
Decho

Abendunterhaltung
Wünscher, Wagner

Morgenstimmung
Decho

Marasmus
Komposition: Wedekind
Wagner, Sonsalla

Der Gefangene
Wünscher

Über Wedekind
Wünscher, Decho, Wagner

Tiefer Friede
Wagner

An mich
Wünscher, Decho, Wagner

Aus dem Tagebuch 1883
Wagner, Decho

Mein Lieschem
Komposition: Wedekind
Wagner, Sonsalla


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Brigitte B.
Komposition: Wedekind
Wünscher, Sonsalla

Albumblatt
Wagner

Altes Lied
Decho

Xanthippe
Wagner

Reaktion
Wagner

Aus „Die Büchse der Pandora“:
Prolog in der Buchhandlung
Wünscher, Wagner, Decho

Zoologe in Berlin
Komposition: Wedekind
Wagner, Sonsalla

Bessern soll ich mich
Decho

Silvester
Wagner

Der grausamste Krieg
Wünscher

Trost
Decho

Lehrer von Mezzodur
Komposition: Wedekind
Wünscher, Sonsalla

Der Reisekoffer
Decho

Die Realistin
Komposition: Pietsch
Wünscher, Sonsalla

Eroberung
Wagner

An einen Jüngling
Decho

Die Hunde
Komposition: Wedekind
Wagner, Sonsalla

Schluß
Decho

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Sprecher, Gesang: Marianne Wünscher, Fritz Decho, Winfried Wagner

Studioaufnahme des Wedekind-Abends
der Volksbühne Berlin – Theater im 3. Stock
(„Der vermummte Herr und ein anderer“)

Auswahl, Zusammenstellung und Regie: Fritz Decho
Arrangements und musikalische Gesamtleitung: Wolfgang Pietsch
Gitarre: Gundula Sonsalla
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt