„Weisst Du noch …“
Tilla Durieux im Gespräch mit
Herbert Ihering und Rolf Ludwig

LP LITERA 8 60 118
Covertext:
„Gelänge es mir endlich, ein festes Ensemble zu schaffen, Sie (Tilla Durieux) wäre selbstverständlich die Doyenne meines Theaters“, das schrieb wenige Monate vor seinem Tode Erwin Piscator in einem Glückwunsch fur die 85-jährige Künstlerin. Und 60 Dezennien zuvor zählte die gleiche Künstlerin zu den Spitzenkräften des berühmten Deutschen Theaters unter Max Reinhardt, wo man ebenfalls nicht mit Lob und Anerkennung ihrer großartigen Bühnengestaltungen sparte.
So wenig nun zwischen dem impressionistisch-malerischen Theater Reinhardts und der gesellschaftlich engagierten, oft agitatorische Züge annehmenden Kunst Piscators eine direkte Beziehung herzustellen ist, ebensowenig vermag man das Künstlertum der Durieux auf eine einfache Formel zu bringen. Bewußte Ensemblespielerin, die auch heute noch eine bescheidene, eine sogenannte „Nebenrolle“ dankbar bejaht, wenn sie nur – realistisch konzipiert – menschlich gültige Züge gestalten läßt, stand und steht sie doch, kraft ihrer starken Persönlichkeit, zugleich über und neben dem Ensemble herkömmlichen Gepräges, nimmt sie heute, jetzt hochbetagt, eher das unruhige Los der großen, gastspielreisenden Protagonisten in Kauf, als sich dem zumeist öden Repertoirebetrieb auch großer und größter Stadt- und Staatstheater auszuliefern. So ist die Frau, die die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen unserer Tage intensiv miterlebt wie kaum eine zweite ihres Alters, die ihren großartigen, aufrichtigen Lebensbericht „Eine Tür steht offen“ mit einem ergreifenden Bekenntnis zur Menschengemeinschaft beschließt, als die grand old lady des deutschen Theaters doch so etwas wie eine große Einsame geworden, bei deren Auftritten man sich – vorbehaltlos bewundernd – doch zugleich des Abstands heutigen spätbürgerlichen Kunstbetriebs zur Glanzzeit deutschen Theaters bewußt wird. Und das darf wohl als ihre größte Leistung gelten: daß sie bewußt und durchaus kritisch in der Zeit stehend, in und mit ihr sich wandelnd, das hohe und strenge Ethos ihres Berufs in unseren Tagen unverfälscht und rein bewahrt, damit auch dem sozialistischen Theater der Zukunft beispielgebend und richtungweisend.
„Kampf war mein Leben, Kampf auf allen Linien und niemals Ruhe“, heißt es in der Autobiographie der Durieux, und sicher ist in dieser Feststellung auch der Schlüssel für die reife und überzeugende Gestaltungskraft der Seniorin der deutschen Schauspielerschaft zu finden. Eine Frau, die durch die diktatorische Kunstpolitik der Nazis von der obersten Sprosse künstlerischen Erfolgs gerissen, exiliert und unter Entbehrung ihr Dasein fristend, im siebenten Lebensjahrzehnt Mut und Willenskraft zum Comeback in die Bühnenlaufbahn beweist, einer solchen Frau muß man schon Charakterstärke und Entschlußkraft zugestehen. Sie formten sich schon früh, im Widerstand der jungen Schauspielerin gegen die spießig-bigotte Aufsicht der Mutter, gegen den routinehaften Ausbildungsbetrieb oder gegen die oft würdelosen Begleitumstände der ersten Engagements. Äußerlich nicht eben anziehend, muß die Durieux, zunächst am kleinen Theater in Olmnütz, bald im zweiten Engagement in Breslau, am eigenen Leib erfahren, was es heißt, den Erfolg allein seinem Talent und seinem Fleiß zu verdanken. Dann folgt der fast meteorhafte Aufstieg am Deutschen Theater Max Reinhardts, wo sie bald, neben und nach der Eysoldt, der unumstrittene Mittelpunkt eines hervorragenden Damenensembles wird. Und zusammen mit Friedrich Kayßler, Emanuel Reicher, Eduard von Winterstein u. a., vor allem mit ihrem „Liebsten Partner“, dem unvergeßlichen Paul Wegener, steht sie in jenem theatergeschichtlich so ertragreichen Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg unzählige Male auf der Bühne in der Schumannstraße, in Klassiker-Aufführungen, mehr und mehr dann aber auch in Inszenierungen der nur sehr schwer durchzusetzenden „Modernen“, für die der „deutsche Stanislawski“, Otto Brahm, bereits um die Jahrhundertwende in bewußtem Affront gegen Konvention und Verlogenheit des wilhelminischen Kunstlebens eine Lanze gebrochen hatte. Die Verbindung mit dem progressiven und einflußreichen Kunsthändler Paul Cassirer, das intensive Einbezogensein in die oft nächtelangen Debatten und Auseinandersetzungen des an klangvollen Maler- und Schriftstellernamen reichen Cassiererkreises hat die weitere Entwicklung der Durieux nachhaltig beeinflußt. So wurde sie nicht nur die wohl am häufigsten porträtierte Künstlerin dieser Jahre (Renoir, Kokoschka, Sievogt, Gaul, Barlach u. a.), sondern bald auch zur bewußten Protagonistin moderner, d. h. konkret bürgerliche Muffigkeit und Enge attackierender Stücke. Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang ihr beharrliches Eintreten für das Schaffen Frank Wedekinds, aber auch Heinrich Manns und anderer bürgerlich-progressiver Autoren. Von hier führt über ein kurzes Zwischenspiel im Brahm-Ensemble und später im Königlichen Schauspielhaus, über wechselvolle und die Künstlerin zumeist wenig befriedigende Gastspielaufgaben im hektischen Theaterleben der keineswegs „goldenen“ zwanziger Jahre eine direkte Linie zu Piscator, dem sie, begeistert von seinem engagierten, bewußt provozierenden Theater, nicht nur mit dem Haus am Nollendorfplatz eine eigene Arbeitsstätte finanzierte, sondern dem sie sich auch als ideale Interpretin seines bedeutenden Reformwerkes zur Verfügung stellte.
Das zeitkritisch-politische Engagement war der Künstlerin auch zuvor nicht fremd, so, wenn sie als eine der Ersten in großen Arbeiter-Matineen in der Hasenheide mitwirkte, sich für Ernst Toller und Rosa Luxemburg, mit der sie befreundet war, einsetzte, oder – und das ist unmittelbar lebendige Zeitgeschichte – mit ihrer ersten öffentlichen Lesung von Leonhard Franks pazifistischer Erzählung „Der Kellner“ auf dem Höhepunkt des großen Völkermordens eine eindeutige Antikriegsdemonstration auslöste.
Daß diese Frau, die im jugoslawischen Exil den Kampf der Partisanen aktiv und unter Gefahr ihres Lebens unterstützte, ihrem lebenslangen Bekenntnis zu einer fortschrittlichen und friedlichen Menschengemeinschaft treu geblieben ist, beweisen u. a. ihre viel beachteten Besuche in der Deutschen Demokratischen Republik, in der ihre reife Gestaltungskunst, ihr hohes menschlich-weltanschauliches Ethos immer Bewunderung und Anerkennung finden werden.
Die vorliegende Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen der Künstlerin, dem Theaterkritiker Herbert Ihering und dem Schauspieler Rolf Ludwig stellt gewissermaßen einen fesselnden Dialog zwischen der alten und der jungen Generation von Theaterschaffenden dar. Die durch Fragen und Assoziationen provozierte Selbstaussage der Durieux besticht durch ihre Frische und Unmittelbarkeit. Anekdotengewürzt bietet sie sich als eine lebendige Chronik großen deutschen Theaters dar, das – in seinen hervorragendsten Leistungen – auch unserem Bemühen um ein sozialistisches Nationaltheater stets Vorbild und Verpflichtung bleiben wird.

Horst Wandrey
Sprecher: Tilla Durieux, Herbert Ihering, Rolf Ludwig

Schallplattenbearbeitung: Horst Wandrey, Renate Thormelen
Regie: Renate Thormelen

Einleitungsmusik aus: Johann Sebastian Bach,
Brandenburgisches Konzert Nr. 2 F-dur BWV 1047