Wie ein Mensch geboren ward

von Maxim Gorki
LP LITERA 8 60 130
Covertext:
Die gleiche, vieldutzendseitige Ausgabe des „Berliner Tageblattes“ aus dem Jahre 1912, die über Schuldige der „Titanic“-Katastrophe, über den Mörder der Gräfin Trigoni und über Verhandlungen im Londoner Hafenarbeiterstreik berichtet, enthält eine kleine Notiz:
„Neue Arbeiten von Maxim Gorki. In Capri, wo der Dichter bekanntlich seit einiger Zeit lebt, hat er zwei Novellen geschrieben, die demnächst, in einem Band vereinigt, in deutscher Übersetzung erscheinen werden. In der Geschichte ,Makars Abenteuer‘ schildert Gorki, wie die russische Jugend unter dem unerträglichen Druck der politischen Verhältnisse von einer wahren Selbstmordepidemie ergriffen wird. Auch Makar, der Held der Novelle, macht einen Selbstmordversuch, wird aber gerettet. Die zweite Erzählung heißt: ,Wie ein Mensch geboren ward‘. Sie bringt ein Erlebnis Gorkis aus seiner Jugendzeit. Mit großer realistischer Kraft schildert der Dichter, wie er als Arbeiter im Kaukasus Zeuge der Entbindung einer armen Frau wird und ihr, so gut es in seinen Kräften steht, hilfreiche Dienste leistet.“
Was diese Notiz bedeutsam macht: Sie eröffnet dem deutschen Publikum Gorkis realistisches Programm. In ihr ist die dialektische Spannweite in Gorkis Schaffen jener Jahre angedeutet: Leben und Tod, Werden und Vergehen, Größe und Tragik – universelle Töne des menschlichen Lebens, Töne aber auch der Naturdialektik, die Analogien zum menschlichen Leben bilden („Durch das fröhliche Lärmen des hellen Gebirgswassers hindurch hört man deutlich das dumpfe Rauschen der Meereswogen“).
Die Seite des Vergehens, durch soziale Verhältnisse gewaltsam vorbereitet und nicht mit dem natürlichen Vergehen zu verwechseln, zeigt Gorki in ,Makars Abenteuer‘, aber mit der Chance des Ausweges. Die Seite des Entstehens zeigt er in ,Wie ein Mensch geboren ward‘, ohne die Kärglichkeiten zu unterschlagen, die die Umwelt für diesen neuen Menschen bereitet hat. Die Lebenserwartung ist auf ein Minimum herabgeschraubt. Dies kann nicht allein eine „historisierende“ Wirkung haben, indem allein das zaristische Rußland heraufbeschworen wird oder jene Teile der heutigen Welt, in der diese Verhältnisse noch existieren. Diese gorkische Konzeption trifft einen allgemeineren Sinn: Ausweg kann nur Lebenskampf, Behauptung und sinnvolles Leben sein, welches nur in vernünftigen gesellschaftlichen Bereichen möglich ist.
Gorki stattet seinen Geburtshelfer mit dem Satz aus: „Recht so, mein Freund, behaupte dich, damit dir die Nächsten nicht gleich den Kopf abreißen.“ Gorki hat so in meisterlicher Weise das sogenannte Allgemeinmenschliche mit dem Sozialen verknüpft. Er macht bewußt, daß diese Trennung höchstens in der Illusion besteht, aber niemals in der Wirklichkeit. Er sieht immer und überall die großen Möglichkeiten des Menschen („Kräfte wie ein Tier“), freilich in einer unwirtlichen Wirklichkeit, die er für veränderlich hält („Gewiß, es gibt auch viele Gute unter ihnen, nur müßten sie alle einmal überholt oder besser auf neu gearbeitet werden“). Bei Gorki unterliegen die Lebensprozesse dem sozialen Getriebe und werden durch nichts anderes reguliert.
Gorki schrieb 1912, im Entstehungsjahr der Erzählung ,Wie ein Mensch geboren ward‘, in einem Brief: „Die Welt kennt sich selbst zu wenig; mir scheint, daß sie reicher ist, als wir das wahrhaben; die Menschen kennen einander schlecht …“ Dieses Credo des Dichters ist aus dem Handlungsverlauf direkt abzulesen. Die übergroße Skepsis der Gebärenden vor dem zufällig zum Geburtshelfer werdenden „Studenten“ zeigt, daß in einer Gesellschaft, in der es keine anderen Bande als die Warenbeziehungen gibt, gerade in solchen menschlich zugespitzten Situationen die Entfernung der Individuen voneinander groß sein kann. Nicht die Schwierigkeit des Geburtsvorganges empfand Gorki als die größte; er ist der Auffassung, daß diese Situation nur gemeistert werden kann, durch den Kampf um die menschliche Harmonie, die zwischen diesen beiden Individuen in einer außergewöhnlichen Situation endlich zustande kommt und mit friedlichem Teetrinken endet.
Gorkis Überzeugung vom Reichtum des Lebens offenbart sich hier darin, daß er die Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit der menschlichen Beziehungen realistisch erfaßt und damit der Erkenntnis des Lesers erschließt.
Gewiß werden wir heute andere Gesichtspunkte, wesentlich nüchternere, finden, als jener Soldat Gunterow, dessen Bericht uns überliefert ist. Heimkehrend aus dem großen Krieg, zog er 1945 auf derselben Straße am Schwarzen Meer zur selben Jahreszeit zwischen Suchumi und Otschemtschiry entlang wie Gorki, als er das Abenteuer mit der Entbindung erlebte. In Poti hatte er den Zug Moskau – Tiblissi verlassen und befand sich auf dem Wege in sein Dorf Jashania. Gunterow traf eine junge Frau, deren Gegenwart ihn zu Assoziationen im Zusammenhang mit der Gorki-Erzählung führte. Sie war eine Jugendkameradin aus seinem Dorf und erzählte ihm von den Veränderungen und Ereignissen dort. Der Soldat berichtet:
„Es war ein weiter Weg nach Jashania und es war uns natürlich recht, daß wir ihn auf diese Weise verkürzen konnten. Ab und zu kamen uns leichte Bauernwagen mit lachenden frohen Menschen entgegen, die hinauffuhren zur Weinlese oder andere, die vollbeladen waren mit der süßen Götterfrucht. Oft begegneten uns auch große, geräumige Omnibusse, die die Kurgäste aus den Sanatorien und Erholungsheimen der Schwarzmeerküste zur Eisenbahn oder zum Flugplatz beförderten …“ Zu Gorkis Zeiten waren es heimatlose Landstreicher, Bettler und sonstige "„Kostgänger Gottes“, die hier ihres Weges gingen.
Das Mädchen Jelena erzählte von ihren Plänen, daß sie ihren Doktor machen werde: „… aber vorläufig bin ich noch viel zu jung“, sagte sie. Der Soldat: „Weißt du auch, daß Gorki dereinst über diese Straßen wanderte? Und auch bei ihm war eine Frau, jung wie du, Jelena, die hier am Wege ein Kind gebar. Hoffnungslos und hungrig sind sie weitergezogen, ruhelos und gehetzt auf der Suche nach Arbeit, Brot und Obdach.“ Jelena antwortete ernst: „Ja, wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn es keine Schule gegeben hätte, keinen Kolchos, keine Sowjetmacht …?“

Ulrich Pietzsch
Sprecher: Wolfgang Heinz

Anatoli Ljadow
Der verzauberte See
Großes Sinfonie-Orchester des Polnischen Rundfunks
Dirigent: Witold Rowicki

Der Pfad (Russisches Volkslied)
Ich bin wie ein Halm auf dem Felde (Russisches Volkslied)
Staatlicher Akademischer Russischer Chor der UdSSR
Dirigent: Alexander Sweschnikow

Unter dem Apfelbaum (Russisches Volkslied)
Staatliches Russisches Volksorchester „Nikolai Ossipow“
Leitung: Viktor Smirnow