Wolokolamsker Chaussee I–V
LP LITERA 8 65 441
Covertext:
Wolokolamsker Chaussee I: Russische Eröffnung (nach einem Motiv von Alexander Bek)

Ich gab den Befehl: „Auf den Feigling, den Vaterlandsverräter, den Eidbrüchigen …“ Waffen wurden angelegt und blieben wie festgebannt. Ein Karabiner jedoch bebte. Murin stand mit weißen Lippen, ein Zittern überfiel ihn. Und plötzlich erfaßte mich unendliches Mitleid mit Barambajew … Ich bin kein Tier, ich bin ein Mensch … Und ich schrie: „Ab!“ Die bereitgehaltenen Karabiner fielen herab, als wären sie aus schwerem Eisen. Und von den Herzen sank eine Last. „Barambajew!“ rief ich.
Er dreht sich um, blickte mich mit fragenden, noch ungläubigen, doch schon von einem Lebensfunken leuchtenden Augen an.
„Zieh den Mantel an!“
„Ich?“
„Anziehn … Tritt ins Glied, in die Gruppe!“
Er lächelt zaghaft, packte mit beiden Händen seinen Mantel, konnte beim Anziehen nicht in die Ärmel finden und lief dann zu seiner Gruppe.
Murin, der gute bebrillte Murin, dessen Gewehr gezittert hatte, bedeutete ihm mit einer kaum merkbaren Handbewegung: Stell dich neben mich!, und dann stieß er ihm kameradschaftlich in die Seite. Barambajew war wieder Soldat, wieder Kamerad. Ich ging zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter. „Wirst du jetzt kämpfen?“ Er nickte und lachte. Und alle ringsrum lächelten. Allen war wohl zumute. –
Ihnen ist wahrscheinlich auch wohl? Und die Leser dieser Erzählung werden wahrscheinlich ebenso erleichtert aufatmen, wenn sie bis zum Befehl gekommen sind: „Ab!“ Doch es war gar nicht so. Das sah ich nur in Gedanken; das zog an mir vorüber wie ein Traum. In Wirklichkeit war es anders. Als ich bemerkte, daß Murins Karabiner schwankte, rief ich: „Murin, du zitterst?“ Er erschauerte, richtete sich auf und faßte den Kolben fester, seine Hand wurde sicher. Ich wiederholte den Befehl: „Auf den Feigling, den Vaterlandsverräter, den Eidbrüchigen … Feuer. Der Feigling wurde erschossen.
Richten Sie mich!
aus: Alexander Bek, Die Wolokolamsker Chaussee

Wolokolamsker Chaussee II: Wald bei Moskau (nach einem Motiv von Alexander Bek)

Ich befahl Rachimow, alle jüngeren Offiziere zusammenzurufen und auf der Lichtung antreten zu lassen. Im Glied stand auch Doktor Belenkow. Mit hängenden Schultern schaute er finster durch sein Pincenez, er wußte: Ich verzeihe nicht.
„Belenkow, treten Sie aus dem Glied!“ Er blickte nach allen Seiten, wollte offenbar protestieren, trat aber doch einen Schritt vor und rückte nervös an seiner Sanitätstasche.
Ich sprach schneidend: „Wegen Feigheit, wegen Ehrverlust, dafür, daß er die Verwundeten im Stich gelassen hat, enthebe ich Belenkow seines Postens. Er ist des Ranges eines sowjetischen Offiziers, eines sowjetischen Militärarztes nicht würdig. Belenkow! Sanitätstasche, Koppel und Schulterriemen herunter!“ Er versuchte zu widersprechen: „Sie … Sie … Sie.“
„Ruhe! Kirejew, kommen Sie her! Geben Sie Belenkow Ihr Gewehr. Sie, Kirejew, werden den Sanitätszug befehligen, und dieser gewissenlose Mensch wird die Verwundeten im Kampf selbst auflesen, sie heraustragen wie ein gewöhnlicher Sanitäter. Belenkow, folgen Sie dem Befehl! Rangabzeichen herunter!“
Belenkow sprach: „Ich habe … Ich habe Medizin studiert. Sie haben kein Recht, mich zu degradieren. Mich kann nur der Volkskommissar degradieren.“
In der Tat, dem Gesetz nach, den Dienstvorschriften nach war ich nicht berechtigt, ihn zu degradieren, um so weniger, da Belenkow Hauptmann, ich jedoch nur Oberleutnant war. Aber ich richtete mich auf, blickte Belenkow in die Augen – in die unruhigen Augen eines Feiglings – und antwortete fest: „Ich habe das Recht dazu. Wir, vierhundertfünfzig sowjetische Soldaten, sind von unserer Armee abgeschnitten. Unser Bataillon, das ist eine Insel, eine sowjetische Insel inmitten des vom Feind besetzten Gebiets. Auf dieser Insel steht die Macht mir zu. Ich, der Bataillonskommandeur, repräsentiere jetzt die gesamte Staatsmacht. Ich bin hier …“ Und nun riß es mich fort. „Hier bin ich der oberste Befehlshaber der gesamten sowjetischen Streitkräfte. Auf diesem Stück Erde, wo vorn und hinten, rechts und links der Feind steht, hier bin ich …“ Ich konnte keine passenden Worte finden. „Ich bin die Sowjetmacht! Ja, das bich ich, der Kommandeur eines von seinen Truppen abgeschnittenen Bataillons. Un du, elender Feigling, behauptest, ich hätte kein Recht. Ich habe nicht nur das Recht, dich zu degradieren, dich wegen Verrats zu erschießen, sondern habe das Recht, dich in Stücke zu reißen.“
aus: Alexander Bek, Die Wolokolamsker Chaussee

Wolokolamsker Chaussee III: Das Duell (nach einem Motiv von Anna Seghers)

Winkelfried fragte plötzlich: „Wo wollen Sie denn studiert haben, Bötcher? Wo waren Sie Lehrer?“ –
„In Dresden.“ – „Ein Wunder“, rief Winkelfried, und er legte den Kopf zurück, und er schlenkerte mit den Beinen, „das wir uns dort nie trafen!“ – „Kein Wunder“, erwiderte Bötcher, „nur unsere Namen trafen sich dort, im Mai 1933. Auf dem Papier. Sie waren gerade angekommen. Und Sie haben die Eingabe formuliert: Lehrern des nationalsozialistischen Staates kann es nicht zugemutet werden, staatsfeindliche Elemente Kollegen zu nennen.“
Da Winkelfried mit dem Rücken zum Fenster saß, sah Bötcher keinen Widerschein in seinem Gesicht. Wahrscheinlich ging auch nichts darin vor. Es war gleichgültig, kahl. Winkelfried hatte sich eine Minute lang ruhig besonnen. Er sagte: „Ja. An so was kann ich mich vage erinnern. Ich habe mich damals mit Händen und Füßen gewehrt, als man mir sagte, der Bötcher – ich wußte nicht, daß Sie in dem Namen stecken – hat es schon gar zu wild getrieben. Winkeifried, hat es geheißen, geben Sie acht. Wenn Sie es genauso treiben, zum Beispiel nicht unterschreiben, dann wird es bald keinen richtigen Physiker mehr an den technischen Hochschulen geben! Ohnedies wird der Spuk bald herum sein. So war das also, und ich hab mich gewehrt bis zum letzten. Und hätte ich’s nicht unterschrieben, hätt es ein anderer getan.“ Er sprach etwas hastiger als sonst: „Manches Gute konnte ich später tun, dadurch, daß ich blieb, was kein andrer getan hätte. Sonst wäre ich jetzt nicht im Amt. Und Sie sind derselbe Bötcher?“ – „Derselbe“, bestätigte Bötcher. „Der Spuk war aber nicht bald herum“, fuhr Winkelfried ernst fort, „er hat entsetzlich viel Blut gekostet. Jetzt heißt es neu aufbauen, Städte, Schulen, Gehirne …“ – „Ja“, sagte Bötcher, „darum sind wir hier.“ „Ja“, sagte Winkelfried, „darum hab ich eingewilligt, das Seminar hier abzuhalten. Nachher werde ich in Dresden die Professur übernehmen.“ Er stand auf, und er sagte zu Bötchers Verblüffung: „Sie hier lebend zu treffen, das freut mich von Herzen.“
… Bötcher durchfuhr ein Haß, er hätte dem Winkelfried ins Gesicht schlagen mögen. Er ging schnell ins Klassenzimmer.
aus: Anna Seghers, Das Duell

Wolokolamsker Chaussee IV: Kentauren (ein Greuelmärchen aus dem Sächsischen des Gregor Samsa)

Als Gregor eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
… Was aber sollte er jetzt tun? Der nächste Zug ging um sieben Uhr; um den einzuholen, hätte er sich unsinnig beeilen müssen, und die Kollektion war noch nicht eingepackt, und er selbst fühlte sich durchaus nicht besonders frisch und beweglich. Und selbst wenn er den Zug einholte, ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der Geschäftsdiener hatte beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von seinem Versäumnis längst erstattet. Es war eine Kreatur des Chefs, ohne Rückgrat und Verstand. Wie nun, wenn er sich krank meldete? Das wäre aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Gregor war während seines fünfjährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiß würde der Chef mit dem Krankenkassenarzt kommen, würde den Eltern wegen des faulen Sohnes Vorwürfe machen und alle Einwände durch den Hinweis auf den Krankenkassenarzt abschneiden, für den es ja überhaupt nur ganz gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und hätte er übrigens in diesem Falle so ganz unrecht? Gregor fühlte sich tatsächlich, abgesehen von einer nach dem langen Schlaf wirklich überflüssigen Schläfrigkeit, ganz wohl und hatte sogar einen besonders kräftigen Hunger. (…)
aus: Franz Kafka, Die Verwandlung

Wolokolamsker Chaussee V: Der Findling (nach Kleist)

Piachi hatte gerade tags zuvor die unglückliche Elvire begraben, die an den Folgen eines hitzigen Fiebers, das ihr jener Vorfall zugezogen hatte, gestorben war. Durch diesen doppelten Schmerz gereizt, ging er, das Dekret in der Tasche, in das Haus, und stark, wie die Wut ihn machte, warf er den von Natur schwächeren Nicolo nieder und drückte ihm das Gehirn an der Wand ein …
Dies abgemacht, stand er, indem er alle seine Waffen abgab, auf; ward ins Gefängnis gesetzt, verhört und verurteilt, mit dem Strange vom Leben zum Tode gebracht zu werden.
In dem Kirchenstaat herrscht ein Gesetz, nach welchem kein Verbrecher zum Tode geführt werden kann, bevor er die Absolution empfangen. Piachi, als ihm der Stab gebrochen war, verweigerte sich hartnäckig der Absolution. Nachdem man vergebens alles, was die Religion an die Hand gab, versucht hatte, ihm die Strafwürdigkeit seiner Handlung fühlbar zu machen, hoffte man, ihn durch den Anblick des Todes, der seiner wartete, in das Gefühl der Reue hineinzuschrecken und führte Ihn nach dem Galgen hinaus …
„Willst du der Wohltat der Erlösung teilhaftig werden?“ … „Willst du das Abendmahl empfangen?“ – Nein, antwortete Piachi. – „Warum nicht?“ – Ich will nicht selig sein. Ich will in den untersten Grund der Hölle hinabfahren. Ich will den Nicolo, der nicht im Himmel sein wird, wiederfinden, und meine Rache, die ich hier nur unvollständig befriedigen konnte, wieder aufnehmen! – Und damit bestieg er die Leiter und forderte den Nachrichter auf, sein Amt zu tun. Kurz, man sah sich genötigt, mit der Hinrichtung einzuhalten, und den Unglücklichen, den das Gesetz in Schutz nahm, wieder in das Gefängnis zurückzuführen. Drei hintereinander folgende Tage machte man dieselben Versuche und immer mit demselben Erfolg. Als er am dritten Tag wieder, ohne an den Galgen geknüpft zu werden, die Leiter herabsteigen mußte: hob er, mit einer grimmigen Gebärde, die Hände empor, das unmenschliche Gesetz verfluchend, das ihn nicht zur Hölle fahren lassen wollte. Er rief die ganze Schar der Teufel herbei, ihn zu holen, verschwor sich, sein einziger Wunsch sei, gerichtet und verdammt zu werden, und versicherte, er würde noch dem ersten, besten Priester an den Hals kommen, um des Nicolo in der Hölle wieder habhaft zu werden! – Als man dem Papst dies meldete, befahl er, ihn ohne Absolution hinzurichten; kein Priester begleitete ihn, man knüpfte ihn, ganz in der Stille, auf dem Platz del popolo auf.
aus: Heinrich von Kleist, Der Findling
|  Seite 1  |

Wolokolamsker Chaussee I: Russische Eröffnung
(nach einem Motiv von Alexander Bek)

Wolokolamsker Chaussee II: Wald bei Moskau

(nach einem Motiv von Alexander Bek)


|  Seite 2  |

Wolokolamsker Chaussee III: Das Duell
(nach einem Motiv von Anna Seghers)

Wolokolamsker Chaussee IV: Kentauren
(ein Greuelmärchen aus dem Sächsischen des Gregor Samsa)

Wolokolamsker Chaussee V: Der Findling
(nach Kleist)

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Leser: Heiner Müller

Aufnahmeleitung: Rainer Vangermain
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Christa Blaumann
mit Genehmigung des Henschel Verlages Kunst und Gesellschaft, Berlin