Joachim Ringelnatz
Single LITERA / ETERNA 5 60 034
Covertext:
Denkt nach, dann könnt ihr zwischen Zeilen
Auch mit geschlossenen Augen lesen,
Daß Onkel Ringelnatz bisweilen
Ein herzbetrunkenes Kind gewesen.
(„Kinderverwirrbuch“)

Auch heute noch gilt Ringelnatz allzuhäufig allein als lebensfroher Seemann oder höchstens noch als Verfasser solcher skurrilen Verse wie von den Ameisen, die von Hamburg nach Australien reisen wollten. Nun soll hier statt dessen keine neue Seite in den Vordergrund gerückt werden. Man kann Joachim Ringelnatz nur gerecht werden, wenn man alle Seiten in ihrer Bedingtheit voneinander sieht. Dann aber wird man erkennen, daß er zu den gefühlsreichsten, sprachgewaltigen Poeten zählt, die in Deutschland bis zum Einbruch der nazistischen Barbarei gelebt haben.

Man muß verstehen, daß sich der empfindsame Ringelnatz in einer Zeit des falschen Pathos und schamlose, Zurschaustellung angeblicher Gefühle immer ganz leise äußert – er untertreibt, deckt lieber ein Gefühl zu, statt es auszusprechen. Er war beseelt von einer schrankenlosen Liebe zu aller Kreatur, litt unter ihrem Leide, litt bis zur Grenze des Erträglichen. Aus mancher grotesken Wendung, manch unerwartet komischem, abruptem Schluß wird das Ausmaß des Leidens und des Schmerzes gelesen werden können, das über seine Kraft ging.

In einer Welt mit zweifelhaft gewordenen menschlichen Werten und merkantilisierten menschlichen Beziehungen tritt uns Ringeinatz als eine tief humanisierte Individualität entgegen, die über diese Zeit hinausweist. Wir danken ihm schöne Zeilen über Liebe und Ehe, über die Freundschaft überhaupt über die Verpflichtung daraus, daß man Mensch ist. In einem Gedicht von 1932, das beginnt „Vergebe Zeit und mach einer besseren Platz“ heißt es am Schluß: „Kaum kennen wirs noch, daß fremde Hände sich fassen / Und Fremd wer zu Ungleich sagt: ,Sei herzlich gegrüßt.‘“ In diesem Sinne gehört der liebende, hoffende Dichter nun zu unserer neuen Zeit. Joachim Ringelnatz war niemals Kämpfer, und er kannte auch nicht den Kampf der Massen als einen Weg in die neue Zeit. Aus der Seefahrerwelt findet er ein Bild für sein Verhältnis zur Gesellschaft in „Schiff 1931“: „Wir haben keinen günstigen Wind / Indem wir die Richtung verlieren, / Wissen wir doch, wo wir sind. / Aber wir frieren.“ Und in der letzten Strophe heißt es über das Ziel der Fahrt: „Ich bin nur ein Matrose.“ Seine Einbeziehung in das Ganze durch das „Wir“ geschieht unter dem Vorbehalt, daß seinesgleichen keine Heimat findet“ ... oder – und allerhöchstens – eine improvisatorische.“

Am 17. November 1934 starb Joachim Ringelnatz, lungenkrank, 51 Jahre alt. In seinem Nachlaß fand sich ein beziehungsvolles Gedicht über seine Einsamkeit in jener Zelt – ein Gedicht voll unendlicher Traurigkeit dessen, der so gerne froh war, der so gerne spielte, aufgeschlossen jeder Sinnenfreude und gerne phantasievoller Freund unter Freunden.

Ursula Püschel


Großer Vogel (1933)
Die Nachtigall ward eingefangen, / Sang nimmer zwischen Käfigstangen.
Man drohte, kitzelte und lockte. / Gall sang nicht. Bis man die Verstockte
In tiefsten Keller ohne Licht / Einsperrte. – Unbelauscht, allein
Dort, ohne Angst vor Widerhall, / Sang sie
Nicht – – , / Starb ganz klein / Als Nachtigall.
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Kuttel Daddeldu und Fürst Wittgenstein
Chartres



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Das Mädchen mit dem Muttermal
Blindschl
Am Sachsenplatz: Die Nachtigal
Ehebrief
An M.


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Sprecherin: Annemarie Hase

von Joachim Ringelnatz