Kurt Tucholsky – Sie an ihn, u.a.

Single LITERA / ETERNA 5 60 020
Covertext:
Kurt Tucholsky
Als Kurt Tucholsky sich 1935 im schwedischen Exil das Leben nahm, hatte die deutsche Literatur einen bedeutenden, ungewöhnlichen Schriftsteller verloren. Ungewöhnlich vor allem deshalb, weil er – der ehemalige Schüler des französischen Gymnasiums in Berlin – seine schriftstellerische Begabung vordringlich in den Dienst einer politischen Publizistik gestellt hatte, wie die französische Literatur sie traditionell pflegte. Er schuf nicht nur Lottchens Liebe und Wendriners Schmerz; „Tuchos“ fünffach gefächerte Feder war bald ebenso energisch gehaßt wie bewundert. Wenn das Wort stimmt. „Der Stil ist der Mensch“, so erkannte Freund wie Feind hier einen fanatisch für Gerechtigkeit und eine humane, nicht ins Groteske verzerrte Demokratie kämpfenden Menschen; einen Schriftsteller, der nicht preiswerte Bissigkeiten von sich gab, sondern dem seine integre Persönlichkeit gestattete, konsequent harte Kritik zu üben, wo immer sich preußischer Kadavergehorsam, Hordenwahn und studentenbemützte Bierseligkeit niederließen. Die kleinen roten Hefte der Weltbühne, deren prominentester Mitarbeiter er unter vier Pseudonymen war, wurden zum Erkennungszeichen all derer, die nicht „Deutschland, Deutschland über alles …“ dachten, wenn sie von Deutschland sprachen.
Kurt Tucholsky entsprach der Forderung des Tages, widersprach dem Konformismus. Selbst seine liebenswürdigen Feuilletons und manche der hier von Gisela May vorgetragenen Chansons, die nicht jene strenge politische Aggressivität haben wie etwa das Lied vom „Graben“, zeugen von seiner kühlen, oft etwas bitteren Unsentimentalität. Immer ist er Satiriker, „enttäuschter Idealist“ also. Es gibt keine unverbindliche Kunst bei Tucholsky, es gibt also keine Künstlichkeit. Nicht aus privatem Mitteilungsbedürfnis will er die Menschen lehren, die einmal vielleicht auseinandergehen müssen; nicht aus individuellem Groll haßt er den Knochenmann-General; da er sich und die Ordnung der Dinge, wie er sie erlebte, ständig in Frage stellte, kennt er nicht jenen pausbäckigen Humor, der seinen skeptischen, oft dem Schluchzen benachbarten Lächeln so fremd ist. Wir spüren vornehmlich am klingenden Wort, wie sehr alles durchweht ist von einer leisen Melancholie und wie nahe uns Tucholsky ist, der es verstanden hat, die Melodie seiner Zeit einzufangen. Er wußte von der Unvollkommenheit der Menschen und ihrer Welt – und er hoffte, sie eines Tages in der Ordnung zu sehen, für die er gekämpft hatte.

Fritz J. Raddatz

|  Seite 1  |

Sie an ihn
Musik: Peter Fischer

Chanson
Musik: Peter Fischer

Aus!
Musik: O. Karel


|  Seite 2  |

Stationen

Augen in der Großstadt
Musik: Peter Fischer

Park Monceau

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Sprecherin, Gesang: Gisela May

Peter Fischer, Klavier
Günter Hauk, Klavier